Ein Tag auf Facebook

Wie wirklich jede Leserin und jeder Leser dieser Seite längst wissen muss, halte ich den Nachrichtenfluss auf Facebook für mehr als irrelevant und in seiner algorithmischen Aufbereitung, vor allem, wenn Nutzer ihn unreflektiert als gegeben oder gar generisch betrachten, für schädlich. Die auf persönliche Interessen zugeschnittene Abfolge von Inputs, die den Nutzer zur Interaktion animieren sollen, um daraus dann umso mehr persönliche Informationen extrahieren zu können, ist, und ich denke, hier stimmt mir jeder zu, schlichtweg langweilig.

Lange Zeit war ich der festen Überzeugung, dass die Langeweile, die mich bei jedem Besuch auf Facebook quälte, Resultat eben dieses Interaktionsalgorithmus sei. Ich habe meine Meinung geändert und glaube, dass der Einfluss des Facebook-Algorithmus weit weniger zur Langeweile im sozialen Netzwerk beiträgt als vielmehr die absolut vernachlässigbaren Inhalte, welche Nutzerinnen und Nutzer dort veröffentlichen. Blicke ich ein wenig in die Vergangenheit zurück, so finde ich das, was auf Facebook gepostet wird, in mehr als 99 Prozent der Fälle langweiliger als die lästigen PowerPoint-Animationen, die man vor 10 Jahren per E-Mail an alle Kontakte im Adressbuch verteilt hat.

Natürlich will ich meine Behauptung auch belegen und wie geht das besser als mit einem Streifzug durch meine heutige Timeline. Was kann ich mir da ansehen? Eine Person hat das Foto ihres neugeborenen Kindes veröffentlicht. Immerhin ist kein Gesicht zu erkennen, sondern nur die Hand, aber dennoch. Das Foto wird mit den Standardtexten kommentiert, die ganz Blöden kommentieren mit Smileys. Nächster Beitrag: Jemand langweilt sich beim Essen und postet ein Foto von seinem Sushi am Naschmarkt. Überschrift: „Wer erratet [sic!] wo ich gerade wohl bin?“. Absehbare Kommentare, letztlich quittiert mit einem Smiley. Nächster Beitrag: Eine Person hat eine U-Bahn-Ansage abgetippt. Die paar, die das überhaupt kommentieren, fragen nach Hintergründen zur Ansage. Ihnen fällt dabei gar nicht auf, dass sie damit bereits die Schwelle der Facebook-Postingbarriere – das ist keine selbstreflexive Fleißaufgabe, sondern ein Grundsatz der Kommunikation – überschritten haben: Woher soll der Nutzer das denn wissen?! Nächster Beitrag: Jemand kommentiert scheinbar das Ö1-Magazin. Keine Kommentare, daher irrelevant. Weiter. Nächster Beitrag: Jemand hat ein Video gepostet. 2 Kommentare: Eimal „Tolles Video“ gefolgt von 5 Punkten und 6 Rufzeichen. Und einmal ein verlinkter Name. Ok. Nächster Beitrag: wien.at verlinkt auf den Guardian. Na gut, Wien ist ja wiedermal „top city for quality of life“. Nächster Beitrag: Einer Person gefällt ein Artikel aus dem Telegraph: „Eating chocolate improves brain function“. In den Kommentaren wird das Klischee der schokoladeliebenden Frau bis zum Exzess bestärkt. Nächster Beitrag: Irgendwer, den ich kenne, wurde in einem Beitrag erwähnt. Der Beitrag verlinkt auf einen Profil-Artikel. Okay. Nächster Beitrag: Eine Person hat eine Galerie gepostet. Nette Fotos gefolgt von Kommentaren, die ein Roboter hätte posten können. Mir ist, das nur nebenbei, schon fad. Nächster Beitrag: Jemand hat das „Taste of Vienna“-Video verlinkt. Kaum Reaktionen darauf, was mich angesichts des Datums des Links auch nicht wundert. Nächster Beitrag: Das gleiche Video. Nächster Beitrag: Nocheinmal das gleiche Video. Nächster Beitrag: Schon wieder das gleiche Video. Nächster Beitrag: Jetzt reicht’s langsam, schon wieder… Nächster Beitrag: Herrgottnochmal! Schon wieder! Nächster Beitrag: Ahhhhhhh, jetzt hört endlich mit dem besch… Video auf! Nächster Beitrag: Eine Person hat einen Link gepostet, es geht um introvertierte Kinder. Die Person hat den Link mit „When do you feel at your best and most alive?“ betitelt. Eine (einzige) andere Person hat das mit einer Platitüde kommentiert. Quod erat demonstrandum. Nächster Beitrag: Eine Person vergleicht sich mit einer Schauspielerin; beide haben sich offenbar das Bein gebrochen. Sie kommentiert das mit „I am such a fashion trend setter“ und einem Smiley. Ach wie toll du bist. Auch hier sind die Kommentare vorhersehbar: Gute Besserung. Und das zig-mal. Die Langeweile wird unerträglich. Nächster Beitrag: Jemand demonstriert, wie gut und erfolgreich er ist, indem er einen Organisationsplan online stellt. Die Erwartung gefälliger Kommentare kann unerträglich-penetranter gar nicht sein, aber: no comments. Nächster Beitrag: Selfie. Kommentar: „Süß“. Wäh. Nächster Beitrag: Noch ein Selfie auf einem Ball. Kommentar sinngemäßg: „Oh, wir haben uns verpasst, wie schade! Nächstes Mal aber!“. Ja, sicher. Nächster Beitrag: Jemandem gefällt eine Facebook-Seite und Facebook glaubt, sie gefällt mir wahrscheinlich auch. Facebook irrt. Nächster Beitrag: Jemand hat irgendeinen Motivationsspruch gepostet, der – wiedermal – das schokoladeliebende Frauen-Bild pflegt. Ufff. Warum tu ich mir das an?! Nächster Beitrag: Ein Link auf einen externen Beitrag. Keine Kommentare. Nächster Beitrag: Jemand hat den letzten Besuch in einer Bar fotografiert. Ich sehe ein unscharfes Foto von Cocktails auf einem Glastisch. Keine Kommentare. Nächster Beitrag: Jemand hat seinen Dienstplan veröffentlicht. Weiter! Nächster Beitrag: Jemandem gefällt irgendein Hipster-Beitrag in einem Hipster-Onlinemagazin. Keine Kommentare. Nächster Beitrag: Jemand hat bei 70 km/h sein Armaturenbrett fotografiert, weil der Kilometerstand 144.444km ist. Keine Kommentare, dafür eine Überschrift des Fotografen: „Voll cool 144.444“ gefolgt von 5 Punkten. Was auch immer. Ich verstehe weder, was daran „cool“ ist („cool“ wäre 444.444, aber dann wird der Eros eines Neuwagens den aktuellen Wagen bereits weiterverkauft haben). Nächster Beitrag: Jemand hat ein massiv retuschiertes Schwarzweiß-Portraitfoto von sich selbst gepostet. Das Foto ist der Inbegriff von langweiliger Mittelmäßigkeit: ein nichtsaussagender Blick, mit dem schlechte Fotografen Portraitfotos von langweiligen Menschen aufpolieren wollen. Peinlich bis zum Gehtnichtmehr. Kommentare 2. Gefällt mir: 74. Niemand ist ehrlich, jedem ist’s egal. Man akzeptiert sowas mit geflissentlicher Ignoranz. Nächster Beitrag: Ein lustiges Video… Gähn. Nächster Beitrag: Jemand veröffentlicht ein Kinderbild. Nichts gelernt. Nächster Beitrag: Ein Körperscan als neues Profilbild. Reaktionen: 8 „Gefällt mir“. Na das hat sich ausgezahlt.

Und so geht es weiter und weiter und hört nicht auf. Jeden Tag, jede Minute der gleiche langweilige Krempel, der dort auftaucht. Ist das nur mein Facebook? Mitnichten. Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde sehen ähnlich Dummes, Langweiliges, Übliches, welches stets als Besonderes verkauft wird. Und zu meinem Erstaunen spielen alle mit. Alle scrollen auf der Suche nach dem Besonderen durch den Fluss der Langeweile, denn es muss ja irgendwo irgendwas Besonderes geben, oder etwa nicht?

Ist es diese Suche, mit der Menschen ihr Datenvolumen im Handyvertrag sprengen? Ist es das, wofür Menschen indirekt Geld bezahlen? Lohnt es sich ob dieser konzentrierten Darstellung von Langeweile tatsächlich, bei jeder roten Ampel, während eines Kinobesuchs oder während eines Essens eigene Daten an Facebook preiszugeben und die eigene Präsenz den Mitmenschen zu enthalten? Echt jetzt? Ich verstehe es nach wie vor nicht. Aber ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass es alle anderen auch nicht verstehen.

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