Noch ein Tag auf Facebook

Es musste sein, und da ist es. Ich habe es nicht hinnehmen können, einen Beitrag über nur einen (einzigen) Tag auf Facebook zu veröffentlichen. Deshalb, und weil ich mit Kommentaren à la „Bei mir sieht die Timeline ganz anders aus… Mimimimi“ konfrontiert wurde, habe ich es mir wieder angetan und noch einen zweiten Tag auf Facebook dokumentiert. Weil ich nicht alles wiederholen wollte – denn nach wie vor veröffentlichen dämliche Mütter und Väter Bilder ihrer Kinder und gelangweilte User klicken trotzdem nicht auf „Gefällt mir!“, nach wie vor werden „interessante“ Links und Videos geteilt, nach wie vor heiraten Menschen, küssen sich Menschen, fotografieren Menschen ihr Essen oder sich selbst, und es wiederholt sich alles immer und immer wieder – habe ich diesen titelgebenden einen Tag in der Tat aus mehreren Stundenpaketen verschiedener Tage und verschiedener Facebook-Konten (!) zusammengesetzt, um über meine Filter-Bubble hinaus dokumentieren zu können, wie langweilig das alles in Wirklichkeit ist.

Ich habe mir, angekündigt von jenen, die meinen vorigen Beitrag zum gleichen Thema so heftig kritisiert und das auf mein facebookbezogenes Desinteresse zurückgeführt haben, Interessantes und (für mich) Neues erwartet. Wer glaubt, dass das Ergebnis besser geworden ist, irrt. (Ganz im Gegenteil. Andere haben zum Teil noch viel langweiligere Accounts als ich.) Aber immerhin habe ich wieder einmal gezeigt bekommen, wie unterschiedlich Menschen Facebook verwenden und wie weit ihre Motive, Facebook zu nutzen, von der zuckerbergschen Dauerpredigt dauerhaft vernetzten sozialen Netzwerkens entfernt sind. Ein drei Jahre alter Artikel im Atlantic (Why do people use Facebook?) fasst in wenigen Zeilen und einer Grafik zusammen, was ich auch heute noch feststellen konnte: Den meisten ist langweilig und sie schauen ihren Freunden beim für Facebook aufbereiteten Leben zu; oder sie bereiten ihr Leben für Facebook auf und veröffentlichen zielpublikumstaugliche Statusmeldungen. Oder sie sehen sich „lustige“ oder „interessante“ Fotos, Videos oder externe Links an; oder veröffentlichen diese. Ganz selten, aber doch – und hier hatte ich Glück, weil (hier in Österreich) wenige Tage, bevor ich meine Aufzeichnungen begonnen habe, die erste Runde der Bundespräsidentenwahl stattgefunden hat – lesen, veröffentlichen oder kommentieren sie ihre politische Meinung. (Das zu lesen, nur nebenbei, war ein qualvolles Aufbringen grenzenloser Geduld.)

Aber genug der Vorrede, hin zum „Inhalt“.

Ein Pärchen hat ein neues Haus gekauft. Beide kommentieren sich gegenseitig mit „stolzer Hausbesitzer“ und stolze „Hausbesitzerin“. Ihr privater Lebensraum ist also online und 98 Personen gefällt’s. Ich finde alles, was ich auf den schlecht gemachten Fotos sehen kann, geschmacklos und denke mir meinen Teil. Wäre Facebook nicht so ein dem dauerhaften Zwang, nur Positives zu schreiben, unterworfenes Medium (politische Statements ausgenommen), es wäre wahrscheinlich das dreckigste Forum der Welt. Aber egal, wir halten uns zurück und sehen den ganz Dummen (bzw. Social Media Marketing Experten) zu, wie sie Erlogenes, Erfundenes und aus Höflichkeit wider der einzelnen Nutzer Gewissen Geschriebenes für bare Münze nehmen. Weiter.

Eine Freundin hat ein Video geteilt, auf dem zu sehen ist, wie sich die Frisuren von Syrerinnen in den letzten 100 Jahren verändert haben. Eigentlich interessant, wenn man in dieser zeitlichen Kompression mitansehen kann, wie gesellschaftliche Normen zum Teil wilde und freche Frisuren hervorgebracht, dann aber soweit wieder zurückgedrängt haben, dass letztlich sogar das Zeigen der Haare selbst nicht mehr möglich war. Das Video ist tatsächlich interessant; und was bedeutet das? Richtig! Kein Like, kein Kommentar. Next.

Jemand outet sich am 4. Mai als Star Wars-Fan und teilt „Die lustigsten Outtakes aus Star Wars“; keine Kommentare, keine Likes. Too obvious. Keep scrolling.

Jemand hat einen Vogel auf der Dachrinne entdeckt, den dieser jemand nicht erkennen kann. Was sonst außer ein Facebook-Posting. 28 Likes, 4 Kommentare. Es ist ein Turmfalke. Okay, weiter!

OMG! Ein Kommentarserie auf die österreichische Bundespräsidentenwahl. Ich erspare allen Lesenden auch nur annähernd mitzuteilen, was da passiert. Nur das sei gesagt: Der initiale Beitrag ist an Populismus und an Ahnungslosigkeit nicht zu überbieten (falsche Kausalitäten, munter eingeworfene Keywords und – was sonst? – der Fingerzeig aufs Bildungssystem, weil wir brauchen ja einen Schuldigen), die Kommentare dazu so letztklassig, wie man es sich erwartet. Und ja, nach nur 4 davon fällt zum ersten Mal die Aussage, dass Nationalsozialisten ja auch nur Sozialisten sind, gefolgt von einer Schimpftirade. Ich mache mal weiter, das ist wirklich verschwendete Zeit hier.

Jemand hat Geburtstag gehabt. Zombie-User (das sind solche, die nur dann aktiv werden, wenn Facebook sie auffordert, etwas zu tun wie, in dem Fall, einen Geburtstagswunsch zu senden) wünschen alles Gute. Auf Facebook sind Geburtstagswünsche wirklich nichts wert, schließlich melden sich hier Leute, die man oft jahrelang schon nicht gesehen hat, aber anstatt eines „Bitte lass das, du bist peinlich!“, bedankt man sich artig für die automatisierten Glückwünsche. Weiter.

Eine Betroffene postet über den mateschitzschen Entschluss, Servus TV abzuschalten, also dem Plebs zu zeigen, wohin er gehen soll, wenn er aufbegehrt: 15 Reaktionen (nennt man die neuen Smileys so?) und 3 Kommentare, die entweder aus dem Wort „True“ bestehen (also, de facto ein Like in Textform), Links zu Zeitungsartikeln beinhalten, die das, was ohnehin im Beitrag der Betroffenen steht, nochmal wiedergeben (!), oder andere, inhaltlich eigentlich völlig irrelevante und wenig bedeutende Kommentare. (Anmerkung am Rande: Ich gehe davon aus, dass das Thema Servus TV-Abschaltung an Sarkasmus nicht zu überbieten sein wird: Nicht der Unternehmer wird kritisiert, der das Unternehmen einfach stilllegt, sobald sich eine Forderung der Angestellten manifestiert, sondern die gesetzlich legitime Forderung der Angestellten.) Doch zurück zu Facebook.

Jemand hat eine Fotogalerie veröffentlicht. Einer der Hashtags lautet #meatfromlocalfarmer. Sofort weiter. Jemand hat Bilder von einem Stadtspaziergang mit dem Nachwuchs in die Facebook-Datenbank hochgeladen. 6 Likes. Das hat’s gebracht. (Und: Kinderfotos auf Facebook? What’s wrong with you?!) In irgendeinem Profil von irgendeiner Person, die ich nicht kenne, wurde eine andere Person, die ich nur wenig kenne, markiert. Toll, Facebook. Jemand hat ein Meme gepostet. Ich finde es nicht lustig. Acht Personen haben pflichtbewusst auf Like geklickt. Weiter!

Mehr Geburtstage. Mehr zombifizierte Reaktionen darauf. Besser noch: Einige ganz kreative Köpfe hängen in ihren Autotext-Kommentaren Fotos ihrer Kinder dran und gratulieren im Plural. Das einzige, was an diesen Reaktionen echt ist, ist das Gefühl, welches ich beim Lesen der Kommentare habe; und dieses korreliert mit den teilweise zerknautschten Gesicherten der Babyfotos. Ich scrolle zum nächsten Eintrag.

Jemand hat sein Essen fotografiert. Und wieder mehrere Bildschirmseiten (!) voller Geburtstagsgrüße. Wenn ich diese Unmengen an Geburtstagswünschen sehe, werden aus Personen Statistiken. Und mein Rückschluss für die hohe Geburtenrate im April ist, dass Hitze und Urlaub (April – 9 Monate = August) die Wahrscheinlichkeit für konzeptionsfokussierten Sex deutlich ansteigen lassen. Grüße an die Eltern, liebe Gratulanten!

Irgendwer postet kommentarlos ein verschwommenes Foto von einer Person, die ich kenne. Warum das 21 Personen gefällt, ist mir ein Rätsel. Next.

Jemand hat eine Bild-Text-Collage veröffentlicht, wo jemand zitiert wird, der den bisherigen Wahlerfolg Donald Trumps auf das Bildungssystem zurückführt und in dessen Reform die größte Aufgabe sieht; ein Muster, einen Schuldigen zu finden, den sicherlich auch in Österreich viele für das Hofer-Van der Bellen-Duell in petto haben. Weiter.

Und wenn man vom Teufel spricht, dann kommt er: Dem Trump-Blabla folgt eine weitere Reaktion auf die Bundespräsidentenwahl hier in Österreich, die bis heute kommentiert wird. Im Gegensatz zum „Ich weiß!“-Geprotze von weiter oben, ist das jetzt ein „Ich fühle!“-Gejammere. (Also das klassische Reaktionsprogramm bei intellektuell fordernden Fragen, auf die man ohne Nachzudenken antworten will.) Jedenfalls 34 Reaktionen und 4 Kommentare. Meine Aufmerksamkeit lässt mittlerweile deutlich nach. Fast schon automatisch überfliege ich diesen Schwachsinn und scrolle dabei zum Glück weiter.

Eine Freundin, die vor einigen Jahren in ein Haus umgezogen ist und davor kaum krank war, ist wieder einmal krank. Da sie eigentlich nur postet, wenn sie krank ist, ist auffällig, dass das fast regelmäßig alle 15-21 Tage passiert. Vermutlich Schimmel oder sowas. Mir tun ihre Kinder leid, denn die sind ja auch andauernd krank. Auf Facebook etwas sagen, tut man nicht, also denke ich mir auch hier meinen Teil. Sie ist also krank: 3 Personen gefällt das, 4 wünschen Gute Besserung. Ich scrolle.

Jemand hat sein Profilbild geändert. Anstelle des wirklich guten Fotos, das es dort zu sehen gab, sieht man nun Schirme. Moment, man erkennt da einen Hund im Bild. Hat dieser jemand also nun tatsächlich einen Hund als Profilbild gesetzt? Dann doch bitte gleich kein Profilbild. Die Selbstinszenierung ist ja ohnehin mehr als unangenehm und bei einigen Profilbildern – hier denke ich an die richtig aufwändig gemachten, die (natürlich, was sonst?) von Dankesworten und Lobeshymnen an die Fotografen begleitet werden – möchte man sich ja ohnehin sofort beim Anblick die Hände waschen. Weiter.

Jemand hat einen Link in die Facebook-Datenbank gespeichert. Obwohl ich nicht weiß, worum es geht, machen mich 3 Kommentare und 2 Likes neugierig. Ich klicke den Link an und du wirst nicht glauben, was dann passiert ist! Ba-Dum-Tss! Facebook schreibt meine Timeline um und holt von irgendwoher einen Beitrag, bei dem es um Ähnliches wie im Link, den ich gerade angeklickt habe, geht. Was soll das? Nein, ich will nicht mehr von dem Sch… Ich scrolle weiter.

Geburtstag von irgendwem, den ich – glaube ich – noch nie gesehen habe. Weiter.

Jemand, den ich nicht kenne, hat ein Klassenfoto aus Volksschulzeiten veröffentlicht, auf dem jemand, den ich kenne, zu sehen ist. Während 2 pflichtbewusst ein Like, das ich, nur nebenbei, immer mehr als „Zur Kenntnis genommen“ verstehe, gesetzt haben, kommentieren andere die üblichen Kinder-Kommentare, die mehrheitlich aus Wörtern bestehen, welche man in Konditoreien als Kommentare zu dekorierten Torten hören würde. Ich denke mir nur – und hier greift wieder der soziale Zensor – dass dieser jemand, den ich kenne, schon als Kind unsympathisch war. Was wundere ich mich eigentlich noch?! Zum Glück ist mein Scroll-Automatismus schon so weit, dass ich gar nicht mehr lesen kann, was da noch steht. Dafür gefällt jemandem ein Eintrag von HC Strache, welches die üblichen Prollmagnetkeywords und Laienformulierungen enthält, also „Rot-Funk“, „unangenehme Bürgerfragen“, „ich sag‘ mal“, usw.. Strache verortet eine Wahrheit irgendwo, wo sie nur Hohepriester entdecken können, nachdem sie ihre Mission, „die da oben“ zu vertreiben, abgeschlossen haben. Pfuh. Es gefällt zu vielen Personen und zu viele haben das kommentiert. Ich kann und will da einfach nicht draufklicken. Dahinter ist sicher wieder nur etwas, was mich nochmal dazu nötigt, ins Badezimmer zu laufen.

Also ist Schluss. Es reicht. Das ist Zeitverschwendung. Wieder ein verlorener Tag auf Facebook. Und wieder die Frage: Warum verbrennen so viele so viel ihrer Lebenszeit dort?

Aber immerhin, einer profitiert davon ganz massiv: All das Geplaudere und die aus eurer Interaktion damit gewonnenen Daten sind einiges wert. Abzüglich aller Ausgaben die Facebook hat, im 1. Quartal 2016 immerhin etwa 1,2 Milliarden Euro. Das sind bei 1,65 Milliarden aktiven Nutzern immerhin 72 Cent pro Nutzerin und Nutzer.

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