Politik ist Wahrnehmung, nicht Argumentation

Es ist langes Wochenende und was kann man da schöneres tun als sich in den Opinion Pages der New York Times an den Essays von Soziologen, Politikwissenschaftlern, Anthropologen und Historikern erfreuen? Einer von ihnen, Neil Gross, das ist der Soziologe, der sich die Frage gestellt hat, warum Professoren liberal sind und warum das Konservative kümmert, hat einen Artikel geschrieben, der seine Grundthese fortsetzt (oder für diejenigen, die ihn nicht kennen, knackig zusammenfasst). In „Why are the highly educated so liberal?“ macht er den kritisch-analytischen, vom Humanismus beeinflussten Zugang von Menschen mit höherer Bildung zum Kern seiner Argumentation:

A distinguishing feature of this new class [i.e. scientists, engineers, managers, human relations specialists, economists and other professionals] […] was the way it spoke and argued. Steeped in science and expert knowledge, it embraced a “culture of critical discourse.” Evidence and logic were valued; appeals to traditional sources of authority were not. Members of the new class raised their children in such a culture. And it was these children, allergic to authoritarian values, who as young adults were at the center of the student revolts, finding common ground with disaffected “humanistic” intellectuals bent on changing the world.

Im Verlauf der Argumentation wird jedoch klar, dass der Lebensstil dieser „children, allergic to authoritarian values“ und das Feld, in dem sie sich argumentativ und kausal, vor allem aber perzeptiv bewegen, politisch betrachtet zur Krux werden kann.

Die kritische Zugangsweise, die Art, Probleme zu analysieren und Lösungen nicht als definitiv, sondern als mit Argumenten belegte Diskussionsgrundlage zu präsentieren, wird politisch ausgenutzt. Diese Art der Herangehensweise wird als Gegenpol zu einem (natürlich erfundenen und interessengeleiteten) Common Sense aufgebaut, um damit ein wir zu erschaffen, wo die Notwendigkeit eines abgrenzenden und damit identitätsstiftenden die dort groß ist. Dass damit Irrationalität zum Argument wird, wird ignoriert, solange es möglich ist, mit dem Finger auf „die Anderen“ (eigentlich: die „Andersdenkenden“) zeigen zu können. Was das aber bedeutet, lässt für die Zukunft eines lösungsorientierten, kritisch-analytischen Diskurses wenig Hoffnung übrig:

It is probably right that something like a culture of critical discourse can be found in the workplaces and households and in the publications read by Americans who have attended graduate or professional school. The challenge for the Democrats moving forward will be to develop appeals to voters that resonate not just with this important constituency, but also with other crucial groups in the Democratic coalition. Some of the draw of Donald Trump for white working-class male voters, for example, is that he does not speak in a culture of critical discourse. Indeed, he mocks that culture, tapping into class resentments.

Nahezu paradox wird es aber, wenn man sich die Positionen der gegeneinander ausgespielten Pole ansieht; denn beide Gruppen (und hier habe ich das Argumentationsmuster bereits übernommen!) sind sich in Fragen, die beide betreffen, ähnlicher als wir glauben wollen:

While there’s ample evidence of the professional class using its economic and educational capital to preserve its advantages — think of the clustering of professionals into exclusive neighborhoods, or the early immersion of professional-class children into a world of literacy, art and science — its move left is evident even on questions of economic redistribution. […] On this issue, the views of the highly educated are now similar to those of groups with much lower levels of education, who have a real material stake in reducing inequalities. Even higher-income advanced degree holders have become more redistributionist, if less so than others.

Neil Gross‘ Beitrag ist ein weiteres Lehrbuchbeispiel für politische Einflussnahme. Und wieder gilt: Nicht die Argumentation ist Politik, sondern die Wahrnehmung des Problems. Drum sind ja auch die einen Bobos und die anderen… ja, was sind die eigentlich? Oder sie sind einfach nur neidisch.