Anton Tschechows Grund für Privatsphäre

Oft lohnt es sich, die Literatur vergangener Epochen mit der Brille aktueller Entwicklungen zu lesen. Die technische Mediation unserer Beziehungen hat sich verändert, die zugrundeliegenden Mechanismen der Soziologie und der Psychologie einer Partnerschaft hingegen nicht. Sie holt uns immer und immer wieder neu aufgelegt in unterschiedlichen Konstellationen ein. Literatur beschäftigt sich mit diesen Konstellationen, skizziert die Umstände und analysiert sie in Form der Handlung, den darin spielenden Akteuren und dem über allem stehenden Blickwinkel, der die Interpretation erst interessant macht. Die Literatur vergangener Epochen bietet sich für aktuelle Fragen umso mehr an, da sie einerseits die Fragestellung selbst nicht zum Thema macht (zum Thema Datenschutz denke ich da an The Circle), und sich andererseits dem Thema auf eine von den technischen Zwängen der Gegenwart befreiten Art und Weise nähert.

Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ein grundlegendes Argument für den Schutz der Privatsphäre in einer 1899 erschienenen Kurzgeschichte des russischen Autors Anton Tschechow („Die Dame mit dem Hündchen„) eine entscheidende Rolle spielen würde? Tschechow erzählt über die Begegnung des verheirateten Moskauers Dmitrij Dmitrijewitsch Gurow mit der ebenfalls verheirateten, jungen Anna Ssergejewna währende eines Kuraufenthalts in Jalta. Über Dmitrijs Avancen, Anna näher kennenzulernen, und die darauf folgende Affäre, die beide nicht wahrhaben und als Urlaubsflirt abtun wollen, bis sie bemerken, dass sie diese schicksalshafte Begegnung in Jalta für immer verändert und aneinander gebunden hat. Dennoch kehren sie zu ihren Eheleuten zurück, und führen dort ihre Leben weiter. Die Begegnung der beiden hat aber ihre Spuren hinterlassen, denn Dmitrij wird schmerzlich bewusst, dass er mittlerweile ein Doppelleben führt:

das eine Leben war offenbar, allen sichtbar und bekannt, voller konventioneller Wahrheiten und konventioneller Lügen und glich vollkommen dem Leben seiner Freunde und Bekannten; und das andere Leben verlief im geheimen. Die Umstände hatten sich aber seltsamerweise so gefügt, daß gerade das, was ihm wichtig, interessant und notwendig erschien, worin er aufrichtig war und sich niemals betrog, was den Kern seines Daseins bildete, in jenem geheimen Leben enthalten war, während alles, was Lüge und eine Maske war, hinter der er die Wahrheit verbarg, […] zu seinem sichtbaren Leben gehörte. Er beurteilte auch alle anderen Menschen nach eigenem Maßstabe, mißtraute einem jeden und glaubte, daß auch jeder andere Mensch ein zweites, geheimes Leben habe, in dem sich alles Wichtige und Interessante abspiele. Alles persönliche Leben wird von uns als ein Geheimnis behandelt; das ist vielleicht der Grund, warum jeder Kulturmensch so nervös um die Wahrung der Diskretion in seinen Privatangelegenheiten besorgt ist.

Tschechow beschreibt hier nichts anderes als die Bedingung der Privatsphäre, um sich selbst treu zu sein, sich weiter entwickeln und seinen Wünschen nachgehen zu können.

Und nun blicken wir auf die Gegenwart, in der Leute, junge wie alte, ihre Bedürfnisse über Social Media kundtun oder in E-Mails beschreiben, die sie über kostenlose E-Maildienste verschicken. Ihnen allen ist mehr oder weniger deutlich bewusst, dass nichts von dem, was sie mitteilen wollen, tatsächlich privat ist. Sie alle wissen, dass sie das, was ihnen „wichtig, interessant und notwendig“ erscheint, öffentlichkeitstauglich machen müssen und damit ihr Denken verändern. Zusammengefasst hat das Eric Schmidt mit seiner unbedachten Aussage „If you have something that you don’t want anyone to know, maybe you shouldn’t be doing it in the first place“. Doch kann man die Beziehung zwischen Dmitrij und Anna unter diese Aussage setzen? Ist sie eine Straftat, über die niemand bescheid wissen soll? Oder ist sie nur aufgrund der gegenwärtigen Konvention, die in einer Gesellschaft herrscht, Vergehen. Und wenn dem so ist, welcher Gedanke wäre zugelassen, um diese Konvention zu sprengen und eine neue Gesellschaft zu schaffen? Schnell wird klar, dass Tschechows Verständnis von privater Freiheit weitaus größer ist als was wir uns heute zu denken trauen.

Christoph Kuner hat Tschechows Kurzgeschichte im OUP-Blog diskutiert und sieht Tschechows Verständnis von Privatsphäre als unabdingbaren Wert für die innere Entwicklung eines Menschen.

Chekhov values privacy because it allows a higher quality of inner deliberation, and helps us remain true to ourselves. In his view, we tend to engage in greater dissembling and rationalisation in the way we act towards others than in private contemplation. Maintaining an inner, private sphere thus allows us to hold an honest inner dialogue and to see ourselves more clearly. In addition, human beings must retain the power to determine the limits of the private realm to which they can retreat, which cannot be wholly devolved to the state, regulators, or the private sector. Privacy must enable the individual to make meaningful choices about the limits of his or her inner life.

Chekhov’s examination of private life demonstrates his sensitivity to the distinction between what we really are and what we pretend to be to other people. While these insights reflect the highly stratified society of pre-revolutionary Russia in which he lived, they are still valuable for today’s computerised and globalised world, in which we are struggling to maintain a private realm and to define its boundaries.

Der Spin, dem wir alle unterliegen und der diese Wahrnehmung zerstören will, ist subtil. Wir dürfen aber nicht zu vergessen, das wir mit jedem Buchstaben, der in halböffentliche Netze fließt, Teile unseres Selbst zugunsten von Werbeeinnahmen (!) verlieren. Ja, so blöd ist das.

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