Bezüglich Zuckerbergs „Building Global Community“

Mark Zuckerberg hat vor einigen Tagen einen mittlerweile als „Manifest“ bezeichneten Artikel mit dem Titel „Building Global Community“ veröffentlicht, in dem er sich, gleich im ersten Absatz, die Frage stellt, „are we building the world we all want?“ Dieses „we“ setzt, und diese bewusste sprachliche Unschärfe setzt Zuckerberg hervorragend ein, „uns“ als Menschen mit dem „uns“ als Facebook, Inc. gleich.

Unter diesem Aspekt lesen sich solche Absätze plötzlich ganz anders – und der Artikel ist gespickt von solchen, die Probleme da draußen als eigentliche Probleme im Inneren definierenden Statements:

Our greatest opportunities are now global — like spreading prosperity and freedom, promoting peace and understanding, lifting people out of poverty, and accelerating science. Our greatest challenges also need global responses — like ending terrorism, fighting climate change, and preventing pandemics. Progress now requires humanity coming together not just as cities or nations, but also as a global community.

Und dass diese „Global Community“ natürlich nur und ausschließlich vermittels Facebook entstehen kann, ist eh klar. Dass es Schwierigkeiten geben wird, die nur mittels von Facebook geschaffenen Algorithmen und künstlichen Intelligenzen zu lösen sind, auch. Dass überhaupt – so steht das explizit nicht drinnen, wird aber unhinterfragt angenommen – nur Facebook in der Lage ist, das durchzuführen, ebenso. Es ist Solutionismus in seiner reinsten Form. Alles rund um den Menschen ist bereits von Facebook beansprucht, nun geht es um sein Denken, sein Fühlen und sein Zugehörigkeitsgefühl. Aber keine Sorge, Facebook ist ein „guter Vater“, der sich um seine Kinderlein sorgt, das hat Facebook ja schon oft bewiesen, nicht?

For some of these problems, the Facebook community is in a unique position to help prevent harm, assist during a crisis, or come together to rebuild afterwards. This is because of the amount of communication across our network, our ability to quickly reach people worldwide in an emergency, and the vast scale of people’s intrinsic goodness aggregated across our community.

Und so schurbelt der Artikel weiter und weiter und versucht, Absatz für Absatz, eine Argumentationskette aufzubauen, die erklären soll, wie Facebook letzten Endes das einzig adäquate Tool ist, um die Probleme der Menschheit lösen zu können. Außer natürlich dort, wo Investitionen vonnöten sind; dort sollen die Anderen etwas tun!

Klar, Facebook ist und bleibt Facebook, Inc., ein gewinnorientiertes Unternehmen, das seinen Profit aus seinem Geschäftsmodell ableitet, welches daraus besteht, Nutzer wie eine Vieh zu halten und ihr Verhalten gewinnbringend zu verkaufen. Und genau dieser Aspekt macht dieses Manifest so verlogen, wie zum Beispiel Aral Balken in einem Kommentar zu Zuckerbergs Manifest erläutert:

Facebook’s business model is to be the man in the middle; to track every move you, your family, and your friends make, to store all that information indefinitely, and continuously analyse it to understand you better in order to exploit you by manipulating you for financial and political gain. Facebook isn’t a social network, it is a scanner that digitises human beings. It is, for all intents and purposes, the camera that captures your soul. Facebook’s business is to simulate you and to own and control your simulation, thereby owning and controlling you.

I call the business model of Facebook, Google, and the venture-capital-funded long tail of Silicon Valley startups “people farming”. Facebook is a factory farm for human beings. And Mark’s manifesto is nothing more than a panicked billionaire’s latest sophomoric attempt to decorate an unpalatable business model grounded in the abuse of human rights with faux moral purpose to stave off regulation and justify what is unabashedly a colonial desire: to create a global fiefdom by connecting all of us to Facebook, Inc.

Ich kann so einem Absatz nichts, aber auch gar nichts mehr hinzufügen. Außer vielleicht den Hinweis darauf, das Facebook-Konto endlich zu löschen. Und den Hinweis darauf, dass es gleichzeitig interessant und entsetzlich ist, zu beobachten, wie sich das Verständnis der Welt zwischen denjenigen, die sie vermittels Facebook wahrnehmen und derer, die sich von außerhalb dieses Netzwerks informieren, immer mehr unterscheidet. Noch können sich Junge und Alte die unterschiedliche Wahrnehmung unter Zuhilfenahme zum Beispiel des Faktors „Alter“ erklären; es dient als Plausibilitätsfilter für die unterschiedlichen Erklärungsmuster und damit als akzeptierte Bruchlinie. Was aber, wenn diese Sollbruchstelle als solche nicht mehr wahrgenommen werden kann?

Noch ist es möglich, nichts zu versäumen, was nicht auch außerhalb des umzäunten Gartens geschieht. Wenn allerdings Zuckerbergs Vision wahr wird, dann wird genau das nicht mehr möglich sein.

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