Analyse mit Sprechverbot

Ich habe unlängst, eingeladen von einer Agentur, mit der ich schon lange zusammenarbeite, an einem Meeting teilgenommen, bei dem ich die Ergebnisse einer von mir im Auftrag der Agentur durchgeführten Analyse präsentieren sollte. Dabei bin ich in eine Situation geraten, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe, die mich aber sehr stark an die moderierten Seminare und die ihnen innewohnenden Probleme erinnert hat. Meine Analyse fiel keineswegs schmeichelhaft aus und zeigte grobe Fehler unter nahezu allen Aspekten in fast allen Eigenschaften auf.

Würde man mich nach meiner Meinung mit offenen Worten und ohne jede Hemmung bitten, würde ich antworten, dass das Produkt von einem Anfänger ohne jegliches Grundlagenwissen hergestellt wurde. Hashtag „Fail“, sozusagen. Aber man bat mich nicht. Stattdessen – ich ging davon aus, dass die Beteiligten tatsächlich keine Ahnung von der Materie hatten – wies ich nicht nur auf verschiedene Punkte hin und gab Tipps, wie man sie lösen könnte, sondern erklärte auch noch, warum diese Punkte problematisch waren. Das wurde mir vorgeworfen.

Normalerweise, so meine Erfahrung, sind Teilnehmer an solchen Meetings sehr dankbar, ein tiefergehendes Verständnis der in einem kühlen Report angesprochenen Probleme zu erhalten, weil es ihnen die Möglichkeit gibt, die Lösungsvorschläge in ihrer Teleologie wahrzunehmen. In diesem Fall dürfte das aber nicht gegolten haben, denn ich wurde umgehend darauf hingewiesen, den „schulmeisterlichen Ton“ sein zu lassen.

Während ich meinen Report weiter präsentierte, überlegte ich, ob die Kritik an mir gerechtfertigt war. Habe ich zu sehr gelehrt statt präsentiert? War ich kleinlich, habe ich Fragen, die an Prüfungen erinnern würden, gestellt? Habe ich um des Effekts des erzwungenen Erkenntnisgewinns wegen Dinge auf eine Art und Weise dargestellt, die eine an Schulzeiten erinnernde Situation aufkommen lassen würde? Ich meine: mitnichten.

Das weitere Meeting verlief harmlos, konfliktbefreit und deshalb zu großen Teilen langweilig. Die Abfolge war die: Ich präsentierte einen meiner Prüfpunkte und zeigte Verbesserungsvorschläge auf ohne zu erklären, warum das ein Problem sei. Auf solch einen Punkt folgte ein meist sehr lange, sich über Minuten hinziehender Sprechakt von einem der Teilnehmer – ich kann das, was darin gesagt wurde, nicht als „Antwort“ bezeichnen -, in dem er den Versuch unternahm, mit Argumenten, die in meinen Augen keine waren, meine Kritik zu relativieren. Ich wähle hier bewusst das Wort „Versuch“, denn die Relativierungen waren in ihrer argumentativen Kraft eher mehr dem Philosophus dixit vergangener Zeiten zuzuordnen als einer die Sache im Kern treffenden und damit legitimen Begründung.

Je länger das Meeting andauernde und je weiter die „Diskussion“ voranschritt, desto mehr wurde mir klar, dass zwischen den Teilnehmern eine Trennlinie verlief. Es gab die eine Gruppe, der die Resultate meiner Analyse offenbar sehr unangenehm waren, und eine Gruppe, die größtes Interesse an den Begründungen und den möglichen Korrekturmaßnahmen zeigte. Was war da los? Wo war ich da gelandet?

Ich hätte mich bei meinem Auftraggeber erkundigen können, wer eigentlich an diesem Meeting teilnahm. Ich hätte mir aber auch erwarten können, dass mir eine Konstellation wie diese vorab übermittelt wird. Geändert hätte das zwar trotzdem nicht viel. Was war also los?

In der Tat war dieses Meeting eine Art Produktpräsentation, in der man sich – offensichtlich fälschlicherweise – schmeichelhafte Worte und anspruchsvolle Probleme erwartet hat. Die Teilnehmer waren: die Produktionsfirma und der Kunde (und ich). Die Situation: Ich kritisiere das Produkt und weise auf Schwächen in den Grundlagen hin und der Kunde, dem ein top Produkt versprochen wurde, sieht live dabei zu, wie der Zerriss vonstatten geht.

Was lernen wir daraus? Kritik am Ton oder an der Person, nicht aber an der Sache, ist nur in den seltensten Fällen legitim. Viel häufiger ist sie eine das Scheitern nicht eingestehen wollende Verteidigungsstrategie, die den Schein wahren soll. Werde ich etwas ändern? Werde ich meine Formulierungen oder meine Begründungen und Erklärungen deswegen abschwächen oder vorsichtiger formulieren, selbst wenn es – ich darf zitieren: „so bekommen wir keine Aufträge mehr von denen!“ – zu (wirtschaftlichen) Nachteilen führen kann? Nein.