COVID-19, Tag 253: Es ist nicht mehr als eine Grippe

Freitag, 20. November 2020, Tag 253 der Maßnahmen gegen die Verbreitung zur Eindämmung des Coronavirus. Beim Bäcker heißt es „ich hab den MNS vergessen“, beim Billa hängt der MNS gerademal übers Kinn, die Menschen sehen müde aus, alle wollen ins Wochenende. Die einen halten sich penibel an die Regeln des Lockdown 2 und haben ihre Familien und Freunde schon länger nicht mehr gesehen, die anderen sind davon ausgenommen. Ihnen kann nichts passieren. Sie haben sich nicht infiziert, werden sich nicht infizieren und von wegen Tests oder Impfung… das sollen zuerst die (da unten) machen. Sie besuchen ihre Eltern, Treffen sich mit Freunden, tun munter weiter als ob es keine Pandemie gäbe. Als ob die Lage in den Spitälern es zulassen würde, 120% Risiko zu geben. Die Statistik schreit rot, aber das sind nur Zahlen, die betreffen mich nicht. Die Feststellung, dass es nicht hätte sein dürfen, kommt wohl Wochen, wenn nicht Monate, nachdem es zum größten anzunehmenden Unfall gekommen ist. Vielleicht nächstes Jahr zu Allerheiligen am Friedhof. Vielleicht beim nächsten Weihnachtsfest. Vielleicht überhaupt nie.

Von der Bevölkerung getragene Trendwende oder unter enormem Aufwand durchgesetzte Verordnung?

Aber heute heißt es: ich nicht. Ich fühle mich gut, ich habe nichts zu befürchten. Warum regen die sich alle so auf? Was soll schon passieren?! Wir sind jung, uns geschieht nichts. Eine Grippe, sagen alle, es ist nicht mehr als eine leichte Grippe. Aktuelle Beschränkungen sind mir egal. Und wenn in Zukunft etwas sein sollte, dann wird es mir auch egal sein. Ich ändere mein Verhalten nicht, koste es, was es wolle. (Was für bedeutungsvolle Worte, die wir als Floskel von uns geben; deren Aussagekraft und Substanz aber der Wahrnehmung verborgen bleibt.)

Ist es Dummheit, Ignoranz, Unfähigkeit oder Unwille, sich mit Zahlen und Statistiken auseinanderzusetzen? Ist es Unwissen? Fehlt es an Aus-/Bildung, Infektionskurven halbwegs lesen zu können? Und bitte, wer jetzt an den Friseurlehrling denkt, an die Malerin oder an sonstige, dem Papier fernen Berufe, den möchte ich ganz schnell zurückholen und bitten, ganz nach oben, also auf die Staatsspitze zu schauen! Dort haben wir momentan zwar auch jemanden sitzen, den man ausbildungsfern charakterisieren könnte, aber immerhin: Dort ist jemand, der Entscheidungen treffen oder sie zumindest forcieren sollte. Und auch dort ist die Message nicht ganz angekommen. Viel schlimmer aber ist die Tatsache, dass es im Unterbau der Staatsführung offenbar niemanden gegeben hat, der die Zahlen korrekt interpretiert hat oder in der Lage war, vorausschauend zu planen!

Das Bussi-Fussi Coronavirus-Video

In einem auf Twitter viel zitierten Video aus der Bussi-Fussi-Sendung, ist einerseits Natascha Strobl zu Gast, die ich hier schon in Zusammenhang mit ihren Text-Analysen ein paar Mal erwähnt habe, andererseits der pensionierte Statistiker Erich Neuwirth (bloggt übrigens superspannend zum Thema Coronainfektionen), der von sich aus begonnen hat, die Statistiken zum Infektionsgeschehen aufzubereiten und online zu erklären. Im knapp zwölfminütigen Video werden die Aussagen von Kanzler und Ministern den zu diesem Zeitpunkt bekannten, statistischen Auswertungen gegenübergestellt. Ich frage mich nach Durchsicht: geht’s noch?! Und Erich Neuwirth, im Video, „Es ist wirklich die Frage: Haben sie’s verstanden?“

Corona – So schlitterten wir in die Katastrophe

Aber was soll’s. Wir sind, wo wir sind. Die einen werden das Video für linkes Geschwätz halten, die anderen argumentieren, sie hätten es ohnehin gewusst. Das ist gefährlich, sagt auch Alexander Rauscher im Video zum Schluss hin: Allein die Tatsache, dass die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus bei uns in Österreich von der Politik und nicht von der Wissenschaft (wie zB von Ärzten, Virologen oder Epidemiologen) kommuniziert werden, ist ein gewaltiges Problem. – Dass es aber um das Coronavirus geht und nicht um Politik, ist eine höhere Weihenstufe. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.

Aktualisierung am 21.11.2020

Ein Tweet fasst schön zusammen, wie sich Lockdown 1 und 2 voneinander unterscheiden. Und genau der von mir letztgenannte Aspekt – politische Spaltung – wird hier auf den Punkt gebracht:

Beide Statements sind meines Erachtens nach wahr. Und somit ist aus Wissenschaft und Pandemiebekämpfung Politik geworden.

Schreibe einen Kommentar