Unfall mit dem E-Scooter

12:33 Uhr
Ich miete, wie schon viele Male zuvor, einen E-Scooter vom zuverlässigsten Anbieter mit den solidesten und meiner Meinung nach am besten gewarteten Scootern: Tier. Der Scooter steht am Fahrrad- und Scooter-Abstellplatz vorm Museumsquartier, gleich in der Nähe des Eingangs zur U-Bahnstation Volkstheater.

12:34 Uhr
Ich fahre los und habe vor, direkt an der mit Kopfstein gepflasterten Einfahrt zum Museumsquartier nach rechts auf den Radweg – ich fahre mit den Scootern immer nur auf Radwegen – abzubiegen. Der Scooter reißt ordentlich an, die Dinger beschleunigen erstaunlich stark. Ich denke es mir jedes Mal.

Um auf den Radweg zu gelangen, muss ich an einem Poller vorbei. Entweder ich bin daran hängengeblieben oder der Abstellständer war nicht ordentlich aufgeklappt – mich haut’s kapital auf den Übergang Straße zu Radweg. Eine zufälligerweise vorbeifahrende Militärstreife hält an, blockiert den Weg und einer der beiden Soldaten kommt mir mit einer Mullbinde entgegen. Jetzt erst merke ich, dass ich stark – sehr stark – aus der Nase blute.

Die Brille liegt irgendwo auf der Straße, man holt sie mir. Das Handy ebenso. Ich richte mich auf und bemerke ein eigenartiges Gefühl in der linken Hand. Der Kopf tut mir weh.

12:35 Uhr
Ich blicke bewusst auf meine linke Hand. Alles scheint in Ordnung zu sein, nur der kleine Finger hat eine Form und Position, die, wenn man sie sieht, nur noch ein Aua! auslöst. Ich selbst spüre keinen Schmerz, merke aber, dass Passanten, die meinen Unfall gesehen haben, sehr verzweifelt in meine Richtung blicken. Einer von ihnen kommt auf mich zu. Ich blute stark aus der Nase, die Jacke, die Hose und meine Schuhe sind in Blut getränkt.

Der Passant teilt mir mit er sei Arzt und ich solle mit einer Art Klammergriff am oberen Ende der Nase hier und dort zusammendrücken. Ich folge seinen Anweisungen ungefragt, das Bluten lässt stark nach; diese Information dürfte gestimmt haben. Der Finger sei luxiert, meint er und fragt, ob er versuchen solle, ihn wieder einzurenken. Perplex und nunmehr benommen halte ich ihm meine blutüberströmte Hand hin. Er zieht vorsichtig am Finger, fragt mich nachher, ob ich ihn bewegen kann. Leider nein. Immerhin, das Bluten aus der Nase ist deutlich zurückgegangen.

12:37 Uhr
Ich bedanke mich beim Passanten, hole mein Handy hervor und beende die Miete des Scooters. Er liegt neben mir, ohne jeglichen Schaden. Oft habe ich Scooter aus dieser Position heraus gemietet. Oft, sehr oft, habe ich gesehen, wie diejenigen, die sich nicht an die Scooter im Stadtbild gewöhnen wollen, ihrer Aggression mit einem Tritt gegen die abgestellten Fahrzeuge Luft verschaffen. Die Dinger, vor allem die von Tier, sind robust; die halten das locker aus.

ca. 12:40 Uhr
Immer wieder fragen mich die beiden Soldaten von der Militärstreife, ob sie mir noch irgendwie behilflich sein können. Sie statten mich mit reichlich Verbandszeug aus, um die Blutung abzufangen und sind die ganze Zeit über freundlich und hilfsbereit. Mir fällt es zuerst gar nicht auf, aber irgendwann ist auch die Polizei zugegen. Die Herren von der Militärstreife verabschieden sich, die Polizei nimmt meine Daten auf und informiert mich, dass auch die Rettung schon unterwegs sei.

ca. 12:50 Uhr
Mittlerweile ist die Rettung eingetroffen und kümmert sich um mich. Nase geprüft, Blutung halbwegs unter Kontrolle, Routinefragen. AKH oder Unfallkrankenhaus Meidling? Na, fahren wir in’s AKH, dort ist gerade weniger los. Ich muss mich auf die Liege legen, werde angeschnallt und die Fahrt beginnt. Bis zu diesem Augenblick war alles gut, aber die Fahrt war für mich eine Qual. Was ich nämlich nicht wusste, ist, dass unter der Liege eine Art Polster aufgepumpt wird, um Stoßbewegungen des Fahrzeugs auszugleichen. Man liegt also sehr weich. Das führte bei mir allerdings dazu, dass mir übel wurde: Mit dem Rücken in Fahrtrichtung, in einer wenig natürlichen, nämlich halb liegenden, Position auf einem Sitz, der wie ein Schiff gedämpft ist. Naja. Soll nicht meine größte Sorge sein.

ca. 13:05 Uhr
Wir sind im AKH angekommen und nach einer Wartezeit von ein paar Minuten, bin ich schon am Weg zur Unfallstation. Die beiden aus dem Rettungswagen verabschieden sich von mir und wünschen mir alles Gute, ich danke ihnen. Coole Leute, echt. Freundlich, professionell, zuvorkommend und mit Witz. Berufsrettung, größter Respekt von nun an!

ca. 13:15 Uhr
Ich nehme Platz in einem menschenleeren Warteraum und noch bevor ich es mir so richtig gemütlich machen kann, werde ich bereits aufgerufen. Röntgen aller möglichen Stellen, dann wieder kurz warten. Dann sofort wieder aufgerufen, Wunden werden versorgt, ich werde durchgecheckt und schon weiß ich, dass der Finger gebrochen ist.

Prellung am Kopf, Nasenbluten wohl dadurch ausgelöst. Ich bekomme eine Art Binde mit Bügel (wie bei einem Mund-Nasen-Schutz), die ich unter der Nase anbringen solle. Lassen Sie es einfach herausrinnen, nicht schneuzen! Es sammelt sich also Blut aus der Nase unter meinem Mund-Nasen-Schutz on purpose!

ca. 13:45 Uhr
Ich bekomme eine Lokalanästhesie in den kleinen Finger. Unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Nun warten, bis sie wirkt. Danach Operation.

13:55 Uhr
Nocheinmal kurz in den Warteraum. Ich aktiviere mein WLAN – es gibt einen Stadt Wien-Hotspot, also eingeloggt, VPN an und die ersten Nachrichten an Familie und Freunde geschickt. Also kommst du nicht zum Mittagessen? – Nein, geht sich nicht aus. – Ok.

ca. 14:05 Uhr
Die Operation des Fingers ist kurz und anders als ich sie mir erwartet habe. Bei einem luxierten Finger denke ich an kurz anreißen, kurzer Schmerz, Sache erledigt. Bei einem gebrochenen ist es ein mehrfaches, langes Langziehen, bis die Knochenstücke halbwegs wieder so liegen, wie sie sollen. Aber: Ist mir egal, ich spüre ohnehin nichts. Hauptsache, der Finger wird wieder!

Ich weiß nicht mehr, ob unmittelbar nach der kurzen Operation noch ein Röntgen gemacht wurde oder ob ich zuerst die Schiene, die den Finger für die nächsten Wochen fixieren sollte, bekommen habe und dann erst wieder im Röntgenraum war, am Ende aber, und das weiß ich dann wieder mit Gewissheit, hatte ich den kleinen Finger an einer Schiene und die Schiene mit Binden und einer leichten Schicht Gips am linken Unterarm fixiert. Schmerzen? Keine.

14:39 Uhr
Ich soll wieder im Warteraum Platz nehmen, meinen Bericht erhalte ich in Kürze am Schalter. Sollte mir ungut werden, soll ich mich melden. Mir wird nicht ungut, Stadt Wien Hotpost, Signal und Threema lockern die Zeit auf. Ich merke, das wird jetzt eine lustige Zeit werden, mit nur einer voll funktionierenden Hand. Auch wenn nur der kleine Finger der linken Hand fixiert ist, so blockiert doch die Schiene und die Bandage den restlichen Arm so dermaßen, dass praktisch nichts geht. Mühsam, aber ja, so ist es halt nun einmal.

ca. 15:05 Uhr
Mein Bericht (und der Beobachtungszeitraum) ist abgeschlossen und fertig, ich kann nach Hause gehen. Sollen wir ihnen helfen? – Nein, danke, geht schon.

Die Mai-Challenge der Apple Watch kann ich mir in die Haare schmieren, ich bin aber lang genug gesessen, ich gehe heim. Das sind um die 30-45 Minuten. Der Spaziergang tut mir gut. Um 15:35 Uhr fotografiere ich meine einbandagierte Hand, das ist das Foto oben. Eine gute Viertelstunde später bin ich zuhause.

ca. 17:00 Uhr
Ich habe keine Zeit zu verlieren und muss noch einen COVID-Test machen, damit ich den am nächsten Tag, gleich in der Früh am Eingang zum AKH zur Kontrolle vorweisen kann. Das geht recht unproblematisch in so einer Schnupfenbox.

Überall sehe ich E-Scooter herumstehen.