COVID-19, Tag 612: Alternativmilieu

Sonntag, 14. November, Tag 612 der Corona-Pandemie. Wir sind nicht nur Gipfelstürmer, wir sind Spitzenreiter. Und das bringt uns mühsame Tage und Wochen in die Weihnachtszeit. Nicht, dass auch nur irgendwer Weihnachten spüren oder in einer derartigen Laune wäre – wann jemals? -, aber wir fragen uns sicherlich alle, ob das noch was wird, in dem Jahr, ob wir das noch hinkriegen.

In den letzten Tagen ist mir eine Grafik untergekommen, in der die Anteile der geimpften zur ungeimpften Bevölkerung in einigen EU-Ländern verglichen wurden und dabei ist auffällig, dass die deutschsprachigen Länder – allen voran Österreich – die höchsten Anteile an Ungeimpften halten. Deutschland liegt bei 22,1%, die Schweiz bei 24,4% und Österreich ist Spitzenreiter mit 24,8%. (Zum Vergleich: Schweden hat einen Anteil der Ungeimpften von 16,1%, Frankreich liegt bei 8,4% und Portugal bei nur 1,5%!)

Der Standard (dort ist auch die zugehörige Grafik zu sehen) hat dem Soziologen Oliver Nachtwey die Frage gestellt: Warum? Seine Antwort: Anthroposophie, Esoterik und antiautoritäres Denken paaren sich mit Autoritätsdenken (!), radikalem Individualismus und Solidaritätsverweigerung.

Als Folge der 1968er-Bewegung haben sich Alternativmilieus in Deutschland, Österreich und der Schweiz gebildet. […] Diese haben eine andere Form der Lebensführung angestrebt. Man hat nach Authentizität gesucht, hat eine Körper-Bewusstseins-Politik gemacht. […] Es ging um Esoterik und Spiritualismus. Man hat seine Kinder auf Waldorfschulen geschickt […] Alternative Medizin war im Trend. […] Und das Impfen wird nun als autoritärer Eingriff des Staates wahrgenommen. […] Im Grunde geht es um radikalen Individualismus. Und Impfen als solidarischer Akt wird dann nicht wahrgenommen.

Interview mit Oliver Nachtwey

Das Interview ist leider sehr kurz, aber Oliver Nachtwey spricht einige Aspekte an, denen ich unmittelbar etwas abgewinnen kann. Besonders – ich habe das hier nur kurz erwähnt, das Zitat aber nicht um diesen Teil erweitert – spannend wird es da, wo scheinbar miteinander Unvereinbares wie antiautoritäres Denken und gradliniger Rechtspopulismus aufeinander treffen und eine aus Sicht des Beobachters interessante Mischung an Glaubenssätzen aufstellen. Nicht nur wird interessant sein, was daraus hervorgeht, wie stark und lange sich dieses Protestmilieu hält und ob es tatsächlich dem Rechtspopulismus gelingt, dieses Milieu endgültig zu vereinnahmen, aber eben auch, welche Ausformungen es annimmt (Morddrohungen und Anfeindungen gegen Wissenschaft und Ärtzte gibt es ja schon) und in welche Richtung es sich entwickelt. Aus Sicht der Beteiligten – und das sind wir leider nun mal alle – ist da gar nichts interessant, sondern einfach nur nervig. Denn überall 2G kann, soll und muss man mittragen, aber spaßig ist das ja auch nicht.