Albert Camus schrieb nur wenige Tage, nachdem er 1957 den Nobelpreis für sein publizistisches Gesamtwerk erhalten hatte, diesen Brief1 an seinen Volksschullehrer Louis Germain. Dieser war im Alleingang dafür verantwortlich, den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Camus für ein Stipendium und somit für die Aufnahme ins Lycée vorzuschlagen und ihm so die Karriere zu ermöglichen, die ihm sonst verwehrt geblieben wäre.
Dear Monsieur Germain,
I let the commotion around me these days subside a bit before speaking to you from the bottom of my heart. I have just been given far too great an honor, one I neither sought nor solicited. But when I heard the news, my first thought, after my mother, was of you. Without you, without the affectionate hand you extended to the small poor child that I was, without your teaching and example, none of all this would have happened. I don’t make too much of this sort of honor. But at least it gives me the opportunity to tell you what you have been and still are for me, and to assure you that your efforts, your work, and the generous heart you put into it still live in one of your little schoolboys who, despite the years, has never stopped being your grateful pupil. I embrace you with all my heart.
Albert Camus
Ich beneide Menschen, die eine so gute Beziehung und so gute Erinnerungen an ihre Lehrerinnen und Lehrer haben. Vor allem, wenn sich diese Verhältnisse zueinander nicht aus abseits des Unterrichts erfolgten Zufallsbegegnungen, sondern aus der im Unterricht spürbaren Einstellung des Lehrenden zum Auszubildenden entwickelt haben. Dass man sich mit einem Lehrer oder einer Lehrerin bei einem Bier während eines Klassentreffens gut auskommt, ist keine Kunst. Dass aber der Lehrer oder die Lehrerin zum Förderer einer Persönlichkeit oder eines Talents wird, ist ein in meiner Erfahrung außerordentlich seltenes, dafür aber umso bemerkenswerteres Glück und Geschenk.
Wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere, so gab es bestenfalls – und das auch nur durch den alles beschönigenden Nebel der Erinnerung aufgebessert – zwei oder drei Personen, die meiner Vorstellung eines fordernden, um zu fördernden Lehrers auch nur im Ansatz nahe kommen. Meine Erfahrung mit Lehrenden war eine, die ich während meiner Schulzeit nicht verstand, weil ich mir auf bestimmte Reaktionen keinen Reim machen konnte; die ich während meiner Studienzeit zu verstehen begann, weil mir dort erst bewusst wurde, dass es mehr Menschen, als ich dachte, gibt, die eine Ausbildung machen, um einen Job zu haben (und nicht, weil sie sich für die Sache interessierten); die sich für einen Beruf entschieden, der ihnen leicht erschien, weil sie auf wenig Gegenwehr stoßen würden. Diesen Typus von Mensch erkannte ich ex post in vielen meiner Lehrerinnen und Lehrer wieder. Absitzen, abarbeiten, endlich heim. Was mit den Auszubildenden geschieht, welche individuellen Bedürfnisse sie haben, wie man sie motivieren kann, vollkommen egal. Einige wenige Menschen, die ich in den Jahren kennen gelernt und zu diesem Thema befragt habe, haben gute und schöne Erinnerungen an die Schulzeit. Die meisten verziehen aber das Gesicht und beschreiben diese Zeit mit einer Konnotation, die auch in meinen Erzählungen über diese Jahre zu spüren ist: Über „die Schulzeit“ berichten sie wie über eine lange, mehrere Jahre andauernde, unangenehme, wenn auch nicht lebensbedrohliche, dann doch das Leben in seiner farblichen Pracht zur Graustufenzeichnung verwandelnde Krankheit.
Sicherlich, es gibt das eine oder andere bemerkenswerte Aufblitzen von Vernunft und Freude in dieser an Willkür nicht zu überbietenden Zeit. Ein spezielles Interesse, das plötzlich von einer Lehrerin gefördert wird; eine Eigenheit oder Sichtweise, die bei einem Lehrer auf Interesse stößt. Diese einzelnen, fieberfreien Tage verfälschen aber die Sichtweise auf die Auswirkungen der mehrere Jahre andauernden Krankheit; sie beschönigen eine schlechte Zeit.
Albert Camus schreibt, dass einer seiner ersten Gedanken, nachdem ihm der Nobelpreis verliehen wurde, der an seinen Lehrer war, ohne dessen „liebevolle Hand, ohne Lehre und Vorbild“ (sinngemäß) das alles nicht geschehen wäre. Ich befürchte allerdings, dass die meisten Menschen entweder gar nicht an ihre Lehrer denken oder eher Genugtuung empfinden als Dankbarkeit: Ich habe es geschafft, trotz deiner ewigen Mahnungen, trotz deiner mir gegenüber verübten seelischen Qualen und trotz der sonstigen Auswüchse deiner kleinen Persönlichkeit. Mir ist völlig klar, dass das Aufeinanderprallen von Schülerinnen und Schülern mit Lehrerinnen und Lehrern einen ganz besonderen Charakter hat und dass ein großer Teil dessen, womit man in der Schule zu tun hat, nicht der vorgeschriebene Lehrplan, sondern das Handling der in diesem System agierenden Personen ist. Ein Fehler in der praktischen Lehre, der so rasch als möglich behoben werden sollte.
Wenn ein veganer Lehrer eine Schülerin vor der Klasse zurechtweist, weil sie eine Wurstsemmel als Jause mitbringt oder in einem Gespräch erwähnt, Hot Dogs zu mögen, somit seine eigene Einstellung als neutrales, objektives Wissen verkauft (oder umgekehrt: eine Fleischesserin, die einen veganen Schüler für dessen Ernährung kritisiert), dann ist das ein Fehler im System. Wenn eine Lehrerin einer Schülerin erklärt, dass „wahre Österreicherinnen“ keine Kopftücher tragen, ein Lehrer einem Schüler nahelegt, Abtreibung sei Mord, eine Lehrerin im Geschichtsunterricht behauptet, Privateigentum sei grundsätzlich unmoralisch, oder ein Lehrer seiner Klasse vermittelt, dass Klimaaktivismus wichtiger sei als schulische Pflichten – kurz: wenn Lehrerinnen und Lehrer ihre religiöse, politische oder moralische Überzeugung als neutralen Lehrstoff präsentieren -, dann ist das ebenso ein Fehler im System. In beiden Fällen ist das in meinen Augen ein Grund für die allerhärtesten Sanktionsmaßnahmen. Doch solche Dinge passieren. Andauernd. Lehrerinnen und Lehrer lassen ihre persönlichen Ansichten in den Unterrichtsstoff einfließen, deklarieren sie aber nicht als solche. Gespräche mit Eltern, deren Kinder momentan die Schule besuchen, zeichnen ein beunruhigend einheitliches Bild: Immer wieder höre ich, dass Lehrerinnen und Lehrer persönliche Ansichten entweder subtil in den Lehrstoff einfließen lassen oder sie gegenüber ihren Schülerinnen und Schülern offen als Lehrstoff ausgeben.
Und die Eltern? Die kuschen2, denn die vier, acht oder zwölf Jahre sind für den Verlauf der Karrieren ihrer Kinder entscheidend. Da will man es sich nicht mit der Lehrerin oder dem Lehrer verscherzen. Der Lehrer entscheidet, ob das Kind die Hölle auf Erden durchmacht oder eine halbwegs angenehme Schulzeit hat. Die Lehrerin entscheidet, ob der Notenschnitt den Aufstieg in die mittlere und höhere Schule ermöglicht oder eben nicht. Also schweigt man, geht die Sache diplomatisch und konfliktscheu an, und rechtfertigt damit etwas, das ganz sicher nicht erlaubt, wenn nicht gar verboten ist, als legitimen Ansatz.
Das Vergehen des Lehrers oder der Lehrerin wird zu einem diskussionswürdigen Standpunkt aufgewertet, der im schlimmsten Fall lediglich durch die Bitte um Begründung herausgefordert wird. Dabei ist bereits sein Einbringen in den Unterricht, sofern er nicht transparent als pädagogisches Werkzeug zur Meinungsbildung eingesetzt wird, das Vergehen an sich und sollte sofort sanktioniert werden. Denn: Die private Meinung von Lehrerinnen und Lehrern hat, sofern sie nicht als solche deklariert und beispielsweise zur Meinungsbildung im Rahmen einer Diskussion genutzt werden soll, im Unterricht nichts verloren. Weder dem Unterrichtsstoff beigemischt, noch direkt. Und schon gar nicht, wenn sie den Unterrichtsstoff verlässt und sich direkt gegen eine Person richtet3. Unweigerlich höre ich im Hinterkopf den Aufschrei „Teachers, leave them kids alone!“
Also ja, ich beneide Albert Camus und alle anderen, die das Glück hatten, auf Lehrerinnen und Lehrer zu stoßen, die sie förderten. Und noch mehr jene, die so gute Beziehungen zu ihren Lehrenden hatten oder sogar noch haben, dass sie in Kontakt sind. Ich persönlich habe mit keinem einzigen meiner ehemaligen Lehrerinnen oder Lehrer auch nur den geringsten Kontakt. Ich bin durchs Büro gegangen und habe alle, die da waren, gefragt: Bei allen anderen war und ist es genauso.
Das ist eigentlich nicht schön.
- Gestoßen bin ich auf diesen Brief über einen Post auf Mastodon. ↩︎
- Sie kuschen oder sie sind andauernd in der Schule und in den Sprechstunden der jeweiligen Lehrerinnen und Lehrer präsent. Ich sehe aber auch die kontinuierliche Präsenz von Eltern in Schulen als genauso problematisch an wie das Schweigen bei den oben beschriebenen Missständen. Aber das ist nicht Thema dieses Artikels. ↩︎
- Die schlimmste Szene, die mir bis heute immer wieder in Erinnerung kommt, ist eine, die ich selbst miterlebt habe, auch wenn ich nicht direkt betroffen war: Die Mathematiklehrerin hat einen Schüler mitten im Unterricht vor die Klasse geholt, um ihm einzig und allein mitzuteilen, dass er „fett sei“ und „endlich abnehmen“ solle. Das ist eine Zusammenfassung; er ist sicherlich fünf oder mehr Minuten da vorne gestanden und hat sich die Ausfälle der Lehrerin anhören müssen. Das geschah in der siebten Klasse, also der vorletzten vor dem Schulabschluss. Die Eltern haben, obwohl sie noch am gleichen Tag davon erfuhren, nichts unternommen, denn – und das habe ich viele Jahre später erfahren – sie wollten den erfolgreichen Abschluss des Schuljahres nicht durch Aktionen gegen die Lehrerin gefährden. Außerdem ist Mathematik in Österreich ein Pflichtfach für die Reifeprüfung. Sie würden mit einer völlig legitimen Forderung nach Sanktionen gegen die Lehrerin den erfolgreichen Schulabschluss ihres Sohnes gefährden. Also kuschten sie. ↩︎