Alle und alles. Nur nicht wir, sondern die!

Trump hat die US-Tech-Größen ins Weiße Haus beordert und das wird noch zu einer Anekdote in einer zukünftigen Great Divergence werden. Jedenfalls geht's den Kindern schlechter als den Eltern und das ist nicht gut.

Tech CEOs Toast President Trump at White House Dinner | WSJ News

Donald Trump hat das Silicon Valley zum Dinner ins Weiße Haus beordert. Dabei sind ein paar Szenen entstanden, die durchaus – wie sag ich’s? – bemerkenswert sind.

One by one, Trump asked the executives how much they were investing in the United States. One by one, they obliged, praising Trump’s leadership along the way […], powerful people tripping over themselves in the race toward Trump’s good graces. But there was an eeriness to seeing that same dynamic among Big Tech’s braintrust, like passing a camera around to take turns wishing a distant, unloved uncle a very happy Thanksgiving. […] (You may have noted the absence of Elon Musk, Jeff Bezos, and Nvidia’s Jensen Huang […], but between DOGE, The Washington Post’s hard-right turn, and Nvidia’s dealmaking, it’s safe to say they’re already in Trump’s good graces.)

Wired

Wer nun Bill Gates (ehemals Microsoft), Sam Altman (OpenAI), Tim Cook (Apple), Mark Zuckerberg (Meta), Safra Katz (Oracle) oder Sundar Pichai (Google) dabei zusieht, wie sie das, was im Westen und in dieser Konstellation so etwas wie einem Kotau wohl am nähesten kommt, vollziehen, empfindet vielleicht auch, wofür mir momentan kein Wort der deutschen Sprache einfällt, das die Fülle der Empfindungen, Gedanken und Emotionen in seiner Breite, Wirksamkeit und Nachwirkung mit genügend Treffsicherheit ausdrücken könnte. Jedenfalls würden in der Definition des Wortes Begriffe wie Cringe, Fremdschämen und Genieren vorkommen. Aber darum soll es jetzt nicht gehen.

Viel mehr geht es darum, dass es mittlerweile erstaunlich zu beobachten ist, wie schnell und wie sehr wir uns an solche Bilder und Szenen gewöhnt haben.

Spielte die Szene in Peking, Delhi oder Moskau und säßen da Chinesen rund um Herrn Xi, Inder rund um Herrn Modi oder Russen rund um Herrn Putin und würden wir ihre Produkte und Services im gleichen Ausmaß nutzen, wie wir die von Gates, Altman, Cook, Zuckerberg, Katz und Pichai nutzen, gäbe es wohl einen Aufschrei und warnende Worte ob dieser ungesunden Nähe der einflussreichen CEOs der Tech-Unternehmen zum Präsidenten, Generalsekretär, Premier oder wie auch sonst der jeweilige Führer genannt wird. Medien würden sich mit Formulierungen überschlagen, die das Huldigen eben jenes Führers durch die mächtigen Männer (und Frauen) subtil oder ganz offen durch den Kakao ziehen und dabei implizit kommunizieren würden, wie überlegen doch unsere westliche Welt mit ihren auf Gleichheit und Freiheit fußenden Werten nicht gegenüber diesen Welten sei, in denen solch überkommenen Rituale, die die Medien als de facto hinterwäldlerisch und wenig fortgeschritten skizziert, praktiziert würden. Bei uns, so der Tenor der Feuilletons, Kommentare und Meinungsstücke, wäre so eine Peinlichkeit nicht möglich. Wir sind denen um Jahre voraus. Wir sind fortgeschrittener in jeder Hinsicht. Ein gutes, stilles Gefühl westlichen Selbstverständnisses.

Das Problem daran ist aber, dass wir es nicht mehr sind. Fortgeschrittener oder um Jahre voraus. Ganz im Gegenteil.

Wir hinken in praktisch jedem Punkt – Ausnahmen bestätigen die Regel – hinterher. Vor allem in Bereichen, die, wenn auch nicht unmittelbar angesprochen, sondern als Fundament dienend, maßgeblich für eine Wahrnehmung von Überlegenheit verantwortlich waren. Wirtschaft, Wissenschaft, Produktion und neuerdings auch Gesellschaft – unsere noch vor einigen Jahren als Speerspitze der Entwicklung wahrgenommenen Errungenschaften sind dahin. Die Anstrengungen in geistiger und manueller Arbeit (und die daraus entstandenen, nicht selten mit Gewalt durchgesetzten Ansprüche) haben Früchte getragen und uns die letzten paar hundert Jahre in unvorstellbarem Reichtum leben lassen, aber es wird mit jedem Tag deutlicher, dass das, woran wir glauben, nur noch die Fassade eines längst eingestürzten Hochhauses ist, das, um bei dem Bild zu bleiben, von innen heraus destabilisiert und demontiert wurde. Einzelteile der gemeinsamen Errungenschaften, wesentliche Bauteile des Hauses, findet man heute als Stützen privater Villen, als Mauern im Privateigentum stehender Schlösser und Parks, oder in sonstigen Bauwerken.

Der Gedanke des kontinuierlichen Fortschritts, der Glaube an eine bessere Zukunft, der sich fast immer am Erfolg der Kinder zeigen würde, prägte diese goldenen Jahre. Doch dieser Gedanke ist längst gestorben und wird, so denke ich, mit dem Kommentar „Bleib doch realistisch!“ heute bestenfalls als illusorisch abgetan, wenn ihn jemand äußert. Die letzte Generation, die im Glauben an eine bessere Zukunft groß geworden ist, geht gerade oder ist bereits in Pension, wodurch sich der (Zweck-) Optimismus und die damit verbundenen Erzählungen und Geschichten aus unserem Alltag entfernen und nichts mehr übrig bleibt, das Hoffnung machen könnte.

Ein besseres Leben – ja wo denn? Es ist ja kein Ort mehr übrig, der in mehr als einem Aspekt mehr Freiheit bieten könnte. Gerademal in Frieden leben wir1. Aber wenn das das Kriterium ist, an dem ein glückliches Leben ausgerichtet werden soll, dann fragt man sich schon, wo all die zivilisatorischen, gesellschaftlichen und kulturellen Errungenschaften hinverschwunden sind, auf die unsere Eltern und Großeltern noch so stolz waren?

Diejenigen, die an eine Zukunft geglaubt und somit ihr Leben in den Dienst für diese Zukunft gestellt, in anderen Worten: aktiv an ihr gearbeitet haben, verstummen. Ihre Nachfolger sehen diese Zukunft nicht. Ihre Nachfolger – hier lehne ich mich weit aus dem Fenster – würden es nicht einmal bemerken, wenn sie die Zukunft vor sich sähen. Zu sehr sind sie mit Kleinstkriegen und Quereleien beschäftigt, greifen korrigierend in Sprache, Nahrung, Schlafrythmen und sonstige Verhaltensweisen ein; wir sehen Matrosen beim Streit über die Schmierflecken am Weinglass zu, während ihr Schiff auf die Klippen zusteuert. Ohne Vorstellung einer Zukunft bleibt zielloses, sinnloses und, ja, hoffnungsloses Verwalten von Kapital übrig, das noch ein oder zwei Generationen anhalten, sich dann aber auch in Kranken- und Altenpflege auflösen wird, denn Kinder oder Enkelkinder gibt es nicht. Kosten zu viel. Sind ein Risiko.

Den Kindern geht es also schlechter als den Eltern. Der Glaube an eine bessere Zukunft ist dahin. Schlimmer noch, niemand weiß, was die Zukunft bringen wird, da niemand weiß, wie man sie steuern könnte. Hier wächst eine Generation auf, die insgeheim auf eine vorherbestimmte Zukunft irgendeiner Güte hofft, da es für sie denkunmöglich scheint, diese Zukunft selbst zu gestalten. Es geht dabei nicht um praktiziertes Wahlrecht, Initiativen, Demonstrationen oder sonstige institutionalisierte Maßnahmen und Mittel, mit zu bestimmen, sondern um den dahinterliegenden Glauben, dass diese Mitbestimmung tatsächlich Veränderung bringen wird. Und nein, nur weil die eine oder andere Maßnahme einen Erfolg gebracht hat, bedeutet das nicht, dass die ganze Sache funktioniert. Denn sie funktioniert nicht, wird wohl jede Person antworten, die man auf der Straße danach fragen würde. Und genau hierin, ich sage es noch einmal, liegt das Problem: der Glaube ist verloren gegangen.

Das Erreichen eines Lebensstandards, der in den Fünzigern, Sechzigern, ja, wahrscheinlich auch noch in den Siebzigern zumindest noch propagiert wurde, eine Art Ideal darstellte und, zumindest in einigen Fällen, erreichbar schien, ist zur Illusion geworden2. Wer aber nicht mehr an die Zukunft glaubt, unternimmt auch keine Anstrengung. Und wer davon ausgeht, niemals ein Haus, eine Wohnung und ein Auto sein Eigentum nennen zu können, wer einen Urlaub oder gar eine Familie nur als finanzielles, seinen Lebensstandard bedrohendes Risiko ansieht und nicht als Ertrag und sinnstiftendes Element eines geglückten Lebens, beweist meine Vermutung. Und so sitzen die Generationen mit dem größten Potential in den Büros und haben ihre Vorstellungen und Träume bereits so sehr eingeschränkt, dass das, was ihre Eltern noch als machbar eingestuft und in ihren Leben erreicht haben, nicht einmal mehr als möglich bedacht wird. Hauptsache, ein Dach über dem Kopf und gelegentlich irgendwo etwas essen gehen. Das ist für Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft fatal. Das ist eine Gesellschaft, die in die Passivität gerutscht ist und wartet. Wir sind zu Wladimirs und Estragons geworden.

Und dann so ein Abendessen mit der politischen und wirtschaftlichen Speerspitze der westlichen Welt. Pozzos, halt.

Während wir also schmunzeln, wenn wir irgendwelchen lokalen Polit- und Wirtschaftsgrößen dabei zusehen, wie sie in von Führern regierten Ländern brav Männchen machen, nehmen wir die Distanz, die derlei Videos auf uns haben, bei dem Treffen im Weißen Haus gar nicht mehr wahr. Denn das, was da passiert, passiert bei uns. Es sind wir, die da buckeln, wir, die es soweit gebracht haben, dass diese Szene als normaler Verlauf der Dinge eingeordnet und mit einem „ist halt so“ quittiert wird. Jeder Reflex, die Aktionen sofort abzutun und als Cringe zu bezeichnen, ist unterdrückt, so er denn überhaupt aufkommt. Wir akzeptieren, was da passiert, auch wenn das, was da eigentlich passiert, so weit von unserer Lebensrealität entfernt ist, dass für uns nicht einmal mehr vorstellbar ist, worum es hier geht.

Ich fürchte, wir haben mit uns selbst bereits insofern abgeschlossen, als dass wir in unseren Ambitionen und Vorstellungen in eine Passivität und Hoffnungslosigkeit gerutscht sind, die Andere, deren einzige Aufgabe es nun ist, stabil zu bleiben, nun nützen können, um über den Verlauf der Welt zu bestimmen, während wir nach Schuldigen suchen, die wir für unser Scheitern verantwortlich machen können. Kapitalismus, Migration, Ausländer, Moslems, alte, weiße Männer oder sonst irgendwen oder irgendwas. Halt eben alle und alles; nur nicht wir, sondern die! Denn wo kämen wir denn dahin, wenn wir die Schuld zuerst bei uns suchen würden? Wir haben doch alles richtig gemacht!

Dieser, mein Eindruck nährt sich aus vielen Gesprächen mit vor allem jungen Kolleginnen und Kollegen, die sich die Welt, ich kann es nicht anders sagen, schönreden und es zum Höhepunkt ihres Daseins machen, wenn sie sich um 19 Uhr bereits ins Bett legen und den Rest der Zeit bis zum Einschlafen auf TikTok verbringen können. Ja, man mag es nicht glauben, aber das ist ein erstrebenswertes Ziel der Generationen mit dem höchsten Potential; kulturell in Memes und anderen Formen der Kommunikation bereits gut genug verarbeitet, in seiner Essenz aber für den Fortschritt und das Laufen des wirtschaftlichen, politischen, vor allem aber gesellschaftlichen Motors bedrohlich. Distanziert von der eigenen Politik, zugewandt den Trends, die ihnen von sozialen Medien vorgespielt werden. Eine Generation, die auf der einen Seite gegen die Zerstörung der Umwelt und den Einsatz von Kindern in irgendwelchen Minen für seltene Erden protestiert, auf der anderen aber niemals auf ihr Smartphone verzichten würde und es als (im positiven Sinne) elitär ansieht, wenn jemand – wenn überhaupt ein Auto, dann zumindest einen – Tesla fährt.

Was also ist hier passiert? Das Dinner zeigt, dass eine Szene, in der die lokalen Größen dem Führer huldigen nicht mehr nur in der intellektuellen, wirtschaftlichen und politischen Peripherie stattfinden kann, sondern, dass diese als Peripherie wahrgenommene Position im Zentrum angekommen ist. Die Errungenschaft der letzten zwei Generationen sind de facto nihiliert, das Pendel hat seinen Scheitelpunkt bereits erreicht und der Schwung in die Gegenrichtung hat bereits begonnen.

Wir merken gar nicht, dass wir immer noch in Schockstarre sind, und, von ihr geprägt, reden wir uns die Welt schön. Auch wenn wir merken, dass etwas nicht in Ordnung ist: Wenn auf den größten Einkaufsstraßen der Stadt Lokale in Bestlage jahrelang leer stehen. Wenn Gebäude in guter Lage nicht und nicht renoviert werden. Wenn die Anzahl der Obdachlosen gefühlt von Tag zu Tag mehr wird. Wenn Billigmodeketten den dritten Laden eröffnen, aber auch nur geringfügig hochpreisigere Geschäfte hingegen einen Laden nach dem anderen schließen. Wenn Unternehmen sich aus vor 30 Jahren noch mit Potential bedachten Gegenden zurückziehen. Wenn eine Pleite die nächste jagt. Wenn die Hoffnung auf ein Erbe zur einzigen Hoffnung und somit zum Thema wird. (Und wenn damit klar ist, dass die wirtschaftliche Leistung des Landes das Echo der Wirtschaftsleistung der letzten 30-50 Jahre werden wird.) Wenn wir uns mit dem, was wir erreicht haben, eigentlich vor den Eltern genieren müssen. Wenn die Meinung vorherrscht – und das ist sicherlich der schlimmste Satz, den ich hier schreiben muss, denn er begründet den Anfang vom Ende – dass man aus eigener Kraft eigentlich nichts mehr erreichen kann.

Ich bin gespannt, wie wir kulturell mit diesem Wechsel des Zeitgeists umgehen werden. Noch dröhnen wir uns ja marvellesk mit einfachen, auf die Befriedigung der niedrigsten emotionalen Bedürfnisse ausgerichteten, algorithmisch angepassten Geschichten zu oder kippen in religiöse oder quasi-religiöse Geisteswelten, deren Erlösungsversprechen auf der Magie einer Fiktion beruhen. Die unerträgliche Verzweiflung wird als Problem mit dem inneren Kind, Wünsche und Hoffnungen als gescheiterte Manifestation, und alles andere irgendwie mit Quantenphysik erklärt. Okay, dann eben keine Stoßgebete mehr, sondern Onlinekurse. Hilft auf Dauer halt auch niemandem.

Doch wie lange werden die Opiate unserer Zeit verfügbar sein? Wie lange wird es dauern, bis wir erkennen, dass die Glückseligkeit aus TikTok, Instagram, Netflix, Crypto, Yoga, übermäßigem, zum Kult erhobenen Sport, spirituellem Erwachsen oder aus irgendwelchen Religionen uns lediglich die Lebensjahre kostet, die wir eigentlich benötigen, um den Grundstein für das zu legen, was uns ein womöglich wahrhaftiges Glück überhaupt erst ermöglicht? Vielleicht allein die Möglichkeit, alles denken zu können, was momentan nur fiktional erscheint, um dann zu sehen, was uns tatsächlich relevant und wichtig ist?

Was weiß ich, keine Ahnung. Vielleicht wird Kenneth Pomeranz einen zweiten Teil seiner Great Divergence schreiben und dabei leidvoll auf die Gegenwart eingehen müssen, wenn diesmal auch mit vertauschten Rollen. Jedenfalls wird die Szene im Weißen Haus eine Anekdote darin sein. Ich hole mir mal einen Doppio.

  1. Mir ist klar, wie problematisch dieser Satz klingt. In dem Fall ist er aber bewusst gewählt, denn wenn der Frieden das einzige ist, was wir noch haben, dann frage ich mich, wohin alles andere – echter Wohlstand, wahrhafte Mitbestimmung, tatsächliche Freiheit – hin verschwunden sind. ↩︎
  2. Schlimmer noch: Nicht einmal mehr die Werbebranche bedient sich dieser Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Mir wäre keine Kampagne in den letzten zehn, zwanzig Jahren bekannt, die auf eine bessere Zukunft setzen würde. ↩︎

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert