Das hat ja nicht lange gedauert. Dia, ein aufgetunter Chrome-Browser der Browser Company mit Chat-Interface für KI-Funktionen, wird ein Abo-Produkt. Es gibt zwar nach wie vor die kostenlose Variante und damit eine Art Basisversion des Browsers, wer aber die angepriesenen Vorteile und Features1 unlimitiert nutzen möchte, wird mit USD 20 pro Monat (und zukünftig vielleicht auch noch mehr) zur Kasse gebeten.
The new Dia Pro subscription comes with unlimited access to the browser’s chat feature, which lets you ask questions about the content in your tabs. People who use Dia for free will still have access to the same features the browser launched with, including the ability to interact with the browser’s AI chatbot and create custom skills.
The Verge
Irgendwie haben wir ja alle geahnt, dass sich die Browser Company mit Dia in eine finanzielle Zwangssituation maneuvrieren wird, die nun ihren Tribut fordert. Wo KI drinnen ist, läuft Geld aus. Irgendwer muss die API zum AI-Anbieter ja bezahlen. Dia ist nun doppelt abhängig, wie Manuel Morale vor einiger Zeit bereits kritisch festgehalten hat. Einerseits ist die Browser Company von Googles Chromium-Projekt abhängig, denn Dia setzt auf diesem Core-Produkt auf, andererseits von einem der Anbieter von Künstlicher Intelligenz, denn Dia nutzt die dadurch ermöglichte Funktionalität als Verkaufsargument.
Let’s not forget: they weren’t even making a fucking browser. They were making a fancy chromium skin [and they] have no business model. Because they traded being Chromium-based with being Chromium-based AND having a financial dependency on AI providers for all the API calls they’re making to power these apps.
Manuel Morale
Und ja, natürlich ist die Schnittstelle zu den großen KI-Anbietern, die sich mit teilweise hilflosen Versuchen, die Leistung Dritter als eigenes Produkt zu verkaufen, mehr und mehr als Infrastruktur des Web einzementieren, teuer. Sehr teuer sogar, wenn das einzige Feature, mit dem man sich von Anderen abgrenzt, der USP, sozusagen, auf der Leistung – in dem Fall dem Zugang zur API – Dritter beruht.
Dia is free, but A.I. models have generally been very expensive for companies to operate. Consumers who rely on Dia’s A.I. browser will eventually have to pay. […] Dia would introduce subscriptions costing $5 a month to hundreds of dollars a month, depending on how frequently a user prods its A.I. bot with questions. […] So whether or not an A.I. browser will be your next web browser will depend largely on how much you want to use, and pay, for these services. So far, only 3 percent of the people who use A.I. every day are paid users […] That number could grow, of course, if generative A.I. becomes a more useful tool that we naturally use in everyday life.
New York Times
Ich sehe es wie Stefan, der, wie ich, ein großer Fan des Vorgängers von Dia, Arc, ist, und frage mich, ob ein Produkt wie Dia überhaupt wen interessiert und wenn, dann wie lange. Denn Dia prescht mit integrierter KI-Funktionalität vor, ist aber vollständig von Dritten abhängig, die selbst an Browsern arbeiten: Comet, der Browser von Perplexity, ist so ein Beispiel. Und ich bin mir sicher, dass OpenAI auch an einem Browser arbeitet. Was, wenn die beiden, die direkt an der Quelle sitzen, und zumindest einen der beiden Faktoren in Bezug auf das fehlende Geschäftsmodell der Browser Company unter Kontrolle haben, die KI nämlich, mit ihren Browsern erfolgreich sind? Warum fühlt sich die ganze Arc-Dia-Story so vorhersehbar an? Warum läuft ein Unternehmen wie die Browser Company in diese ach so offensichtliche KI-Falle hinein?
Wenn nämlich die großen Anbieter von KIs ihre Browser herausbringen, dann wäre die Browser Company wieder dort, wo sie mit Arc schon einmal war. In einem Markt, in dem man mit besonderer Raffinesse punkten muss, weil es das Produkt, das man verkaufen möchte, im Grunde genommen bereits gibt. Und diese Raffinesse wird nicht durch die Implementierung mäßig interessanter (und, ganz ehrlich, an den Haaren herbeigezogener) KI-Funktionen erzeugt, die wir ohnedies alle in einem ChatGPT- oder sonst einem Abo, das KI beinhaltet, bereits nutzen, sondern durch die unnachgiebige und kompromisslose Fokussierung des Produkts auf seine User und deren Experience. Sie wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber dem allgemein gehaltenen Interface und den Standardfunktionen des Chromium-Browsers. Die Browser Company wird also etwas herausbringen müssen, das sie wieder besonders macht und von Userinnen und Usern nicht wegen der KI-Anbindung, sondern wegen der Experience dieses besonderen Browsers geschätzt wird. Also soetwas wie Arc, zum Beispiel.
- Zu diesen Vorteilen und Features gehört zum Beispiel eine Funktion, wie sie für die Anwendung von Künstlicher Intelligenz nicht typischer sein könnte, die einem erklärt oder zusammenfasst, was man gerade in einem offenen Brower-Tab sieht. Eine Funktion der KI-Funktion Willen, sozusagen. ↩︎
Man bringt also einen Browser raus, der mit wirklich frischen und gut zusammengeklauten Features optisch ansprechend verpackt einfach Spass gemacht und rasch Fans gewonnen hat.
Dann stellt man die Entwicklung ein, weil sich das als Geschäftsmodell nicht monetarisieren lässt.
Stattdessen bringt man einen neuen Browser OHNE die liebgewonnenen Features, dafür mit ganz viel KI, verlangt 20 USD/Monat dafür.
Man wird rasch merken, dass KI über die man nicht selbst verfügt, in einem für jeden verfügbaren Browser-Unterbau auch kein Geschäftsmodell ist. Spätestens wenn Google/Micrsoft Gemini/CoPilot aggressiv in Chrome/Edge packen und OpenAI, Perplexity, etc. einfach einen Browser auf Chromium zusammenzimmern. Irgendwann in weiter Zukunft wird dann noch Apple AI in Safari packen, dann ist noch weniger als gar kein Platz für Dia. Und wem das alles noch nciht genug ist, der kann ja auch RayCast via Extension mit seinem Browser of Choice nutzen.
Kann man machen. Ist halt nicht besonders gescheit. Selbst wenn Arc 2.0 kommen sollte, haben die alles Vertrauen verspielt.
Du sprichst mir aus der Seele. Genau das. Aber auch so kann man ein Produkt kaputt machen bzw. als Unternehmen das Vertrauen verspielen.