OpenAI hat GPT-5.2 veröffentlicht und seinem KI-Modell viele, vor allem für die Erleichterung der Arbeit im Büro nützliche, Funktionen verpasst. Der Ankündigungsbeitrag auf der OpenAI-Website liest sich unter dem Aspekt des Fortschritts im Bereich der künstlichen Intelligenz beeindruckend. Zugleich erinnert er aber an die Landingpage eines Softwareprodukts für den Büroalltag. GPT kann nun besser als bisher mit Tabellenkalkulationen, Präsentationen und anderen, im Büroalltag üblichen Dokumenten umgehen. Der Beitrag spart nicht damit, die geringen Kosten des Modells mit denen für menschliche Arbeitskräfte zu vergleichen, die nicht mehr unbedingt bessere Ergebnisse liefern.
Damit gibt OpenAI die Stoßrichtung der Produktentwicklung nun ganz offen bekannt. Das finale Ziel der nunmehr auf den geschäftlichen Betrieb fokussierten Entwicklung bei OpenAI ist zugleich eine Entzauberung des Hypes um alles, was mit Künstlicher Intelligenz zu tun hat. Es geht nicht um den Fortschritt der Technologie, sondern ausschließlich und lediglich um die Möglichkeit, menschliche Arbeitskräfte aller Niveaus und aller Sparten durch deutlich kostengünstigere KI-Anwendungen zu ersetzen. OpenAI schreibt das natürlich nicht explizit in seinen Beitrag hinein, aber die Vergleiche haben es schon in sich:
We designed GPT‑5.2 to unlock […] more economic value for people; it’s better at creating spreadsheets, building presentations, […] understanding long contexts, using tools, and handling complex, multi-step projects. […] GPT‑5.2 Thinking beats or ties top industry professionals on 70.9% of comparisons [It] produced outputs for GDPval tasks at >11x the speed and <1% the cost of expert professionals, suggesting that when paired with human oversight, GPT‑5.2 can help with professional work. […] For professionals, this means fewer mistakes when using the model for research, writing, analysis, and decision support—making the model more dependable for everyday knowledge work.
OpenAI
OpenAI hat das Ziel seines KI-Produkts nun offengelegt und die Fokussierung auf Büroarbeit und Kosteneffizienz zeigt: Das Unternehmen wird immer mehr zu einer ganz normalen Softwarefirma und verliert erstaunlich schnell den Nimbus, außergewöhnlich und einzig der Fortentwicklung der Technik verschrieben zu sein. Das Image des Unternehmens als etwas im Kern Neues, als ein Überflieger-Startup, als irgendetwas anderes als ein ganz normales Unternehmen, lässt sich mit der Ankündigung von GPT-5.2 nicht mehr aufrechterhalten. Das sieht auch Casey Newton so.
For most of its life, the company has been defined by its weirdness. There was that weird corporate structure — the world’s most valuable startup, tucked somehow inside a nonprofit organization. […] By the end of 2025, though, much of that weirdness has faded. […] Over the past year the company has transformed to focus on much more normal business risks: that revenue growth will slow; that engagement will decline; that a competitor will steal market share. […] Ten years in, though, OpenAI looks increasingly normal. And should the company stay that course, the consequences will be serious — and strange.
Casey Newton
OpenAI ein ganz normales Softwareunternehmen? GPT in Form von ChatGPT ein ganz normales Softwareprodukt? Endlich kühlt der Hype um Künstliche Intelligenz ein wenig ab, endlich lassen selbst die größten Fanboys und -girls Kritik an mit KI generierten Dokumenten zu. Endlich beginnen sie zu realisieren, dass die ursprüngliche Vorstellung von KI so gar nicht mit dem übereinstimmt, was KI tatsächlich ist, sein und leisten kann. Das ist gut für OpenAI. Die Normalisierung nimmt dem Unternehmen den Druck, außergewöhnlich sein zu müssen. Und es ist gut für die Wahrnehmung von KI, denn sie verliert den Status, Magie zu sein, und wird als das akzeptiert, was sie ist: Technologie.
Diese Entwicklung ist wichtig, denn wir gehen nun in die Phase der Reflexion über. Ich habe schon in den letzten Wochen die ersten Aussagen in Richtung ‚für die Lösung dieses Problems können wir ChatGPT verwenden, für die Lösung dieses anderen aber nicht‘ gehört. Aus dieser Erkenntnis folgt: KI bekommt allmählich ihren Platz zugewiesen und kann ihren eindeutigen Nutzen unter Beweis stellen. Die Technologie kann sich auf diesen Bereich fokussieren und dort reüssieren. Der Glaube, KI sei die Lösung für alles, verblasst langsam und die Aussagen zum Thema AGI (Artificial General Intelligence) verschieben sich zunehmend in Richtung eines Ziels, das bestenfalls für Investoren aufrechterhalten werden muss, gleichzeitig aber mit jeder Iteration und mit jedem Update mehr in die Theorie abgleitet.
Mir gefällt diese Wende in Annahme, Akzeptanz und Verständnis von künstlicher Intelligenz. Sie ist, wenn auch äußerst leistungsfähig und beeindruckend, trotzdem nur eine auf Probabilistik aufbauende Antwortmaschine: Software, die mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit eine passend erscheinende Antwort oder ein plausibles Ergebnis auf meine Prompts liefert.
Like all models, GPT‑5.2 Thinking is imperfect. For anything critical, double check its answers.
OpenAI
Diejenigen, die sich bisher von der Schaffenskraft ihrer AI-Buddies in die Höhen haben tragen lassen, erleben nun vielleicht ihren Moment der Entzauberung, der Erkenntnis und der Ernüchterung: Wer den Vorhang zurückzieht, findet wie Dorothy im Zauberer von Oz keine Magie, sondern nur Hebel und Projektionen. Wer genauer hinschaut, erkennt, wie Caleb in Ex Machina, dass hinter der vermeintlichen Intelligenz nur Algorithmen stehen, die menschliches Verhalten simulieren. Und wer ehrlich zu sich selbst ist, begreift, wie Theodore in Her, dass die emotionale Bindung zur KI eine einseitige Projektion war – sie ist Software, die gleichzeitig für Millionen da ist.
Das Vertraute wirkt entstellt, die mechanische Natur gelangt ans Tageslicht; die originäre Intelligenz und Kreativität entpuppt sich als die Reproduktion von Mustern. Wer das erkennt, muss nicht verzweifeln. Im Gegenteil: Auch wenn die größten Fans sie so nie beschreiben würden, stellt sich bei denen, die sie bislang kritisiert haben, Ernüchterung und langsame Akzeptanz ein. Aus der Glaubensrichtung „Künstliche Intelligenz“ ist die Technologie „künstliche Intelligenz“ geworden; aus dem Hype gewinnbringende, effizienzsteigernde und somit nutzbare Technologie.
Und das ist gut so.
Seit ich mich mit LLMs befasse, war das Ziel dieser Art KI eigentlich nie verborgen: Menschliche Arbeit ersetzen. Unzählige Artikel und Videos handelten davon, dass es nicht wie bisher, physische Arbeit, sondern nun auch geistige Arbeit / Computerarbeit (white collar workers) betrifft. In den entwickelten Ländern sollen das 70% ALLER Arbeitsstunden sein, die perspektivisch wegfallen. Die KI-ertüchtigten Robots, die nächstes Jahr angeblich in die Massenprodution gehen sollen, erledigen dann noch einen Großteil des verbleibenden Rests – so ist jedenfalls der Plan, in den Milliarden investiert werden.
Was OpenAi da als Neuerungen bringt, ist garnicht so unique, sondern ein Aufholen in Sachen Multimodalität: Alleskönner, die zunehmend auch „agentisch“ viele typische Büroarbeiten erledigen sollen, Gemini 3 kann das auch und spezielle Automatisierungstools (non und jede Menge ähnliche) verbinden einzelne Aufgaben zu ganzen Abläufen, die bisher viele Stunden und Tage an Arbeitszeit benötigten.
Dass das alles bisher noch nicht breitflächig in Form von Massenentlassungen (die es bei Tech-Firmen bereits gibt) wirksam geworden ist, liegt an der Kürze der Zeit und daran, dass die Leute erst lernen müssen, den ganzen Kram einzusetzen. Einfach nur „erlauben“, dass die Mitarbeiter KI nutzen und das Beste hoffen, reicht halt nicht. Aber aufgeschoben heißt nicht aufgehoben!
Perspektivisch zerstört die Entwertung menschlicher Arbeit den klassischen Dreiklang „Kapital, Arbeit, Boden“ der die Basis des Kapitalismus darstellt. Wenn immer weniger Menschen mit ihrer Arbeit Geld verdienen können, können sie auch nicht mehr konsumieren und all die Dinge und Dienstleistungen kaufen, die durch die automatisierte Produktion hergestellt werden. Was dann?
Hier mal drei Szenarien:
https://www.futuremanagementgroup.com/ki-killt-alle-jobs/
Claudia, in dem Kommentar ist alles gesagt. Ich sehe zu und staune. Und sehe ebenso zu, wie Machtsysteme sich schwerfällig anpassen, bis zu dem Zeitpunkt, wenn sie sich schnell anpassen müssen. Danke für den Link!
Vielleicht doch nur eine Sache: Was ist deine persönliche Sicht auf die Dinge? Was deine Meinung?
Die Frage irritiert mich ein bisschen! Fragst du danach, welche Zukunft ich für wahrscheinlich halte? Oder fragst du nach Gefühlen: Sorge, Ängste, Hoffnungen?
Was die Zukunft angeht, fühle ich mich außerstande, irgend etwas besser vorherzusagen als die vielen, die noch viel näher dran sind als ich – und die sind durchaus gespalten und sagen dystopische oder ganz großartige Zukünfte voraus – oder auch ERST die Hölle und DANN paradiesische Zustände.
Wenn es in dieser Reihenfolge abgeht, werde ich altersbedingt letztere jedenfalls nicht erleben – wobei Alter tröstlich sein kann, so nach dem Motto: Mich trifft das alles nicht mehr soooo lange! Andrerseits: Wäre ich heute in dem Alter, in dem ich war, als das Internet über die Welt herein brach, hätte ich vermutlich schon einen KI-Avatar und würde Youtube-Videos machen… schon schade, dass das jetzt nicht mehr mein Ding werden wird! :-)
Konkret fürchte ich, dass die Entwicklungen die noch demokratischen Staaten immer mehr in Bedrängnis bringen, dass sämtliche Werte, die wir „europäisch“ nennen, geschliffen werden (müssen) und autokratische bis diktatorische Regime an die Macht kommen – aber natürlich HOFFE ich auch, dass das nicht überall gelingt!
Insbesondere fürchte ich, dass die Spaltung der Gesellschaft, wie wir sie jetzt schon erleben, durch „Hyperpersonalisierung“ noch weiter ins Extrem getrieben wird: Nicht nur die Auswahl und Reihenfolge der Inhalte werden von Algorithmen für jeden individuell kuratiert, sondern auch – KI machts möglich – PRODUZIERT. Jedem seine eigene Welt, angepasst an Meinung, Glauben, Präfereinzen – bis hin zu den individuell angepassten Nachrichten und „Fakten“. Das Wetter (und die zunehmenden Naturkatastrophen) wird vielleicht irgendwann das einzige sein, über das wir uns noch unterhalten können!
Zum Glück hab ich einen Garten…
Liebe Claudia, keine spezifische Stoßrichtung, einfach nur wissen, was du denkst. Und das hast du ja perfekt beantwortet und auch den Fokus verraten. Super Sache! Zusammenfassungen und Verweise, auch wenn sie Richtungen und Haltungen erahnen lassen, sind eine Sache, aber das explizit wo hinzuschreiben, die viel interessantere andere. Danke! Und bei dem Einschub, dass das Wetter nunmehr wohl das einzige sei, auf das man sich einigen kann, habe ich schmunzeln müssen ;-)