Moby wirkt auf der Bühne immer verloren. Auch heuer, am Coachella-Festival, scheint er seinen Platz nicht und nicht zu finden. Er läuft herum, sucht, aber findet nicht. Auch heuer wird sich niemand an seine Bühnenshow erinnern, niemand an aufgedrängte Tanzeinlagen, Pyrotechnik oder sonstige Elemente, die bei vielen anderen Stars mittlerweile zum nicht unbedingt gewollten, sondern notwendigen Repertoire gehören, um von Musik abzulenken, die bestenfalls mittelmäßig ist. Was dem Publikum bei Moby aber in Erinnerung bleibt, ist die Musik. Und “Porcelain” ganz besonders. Das Stück gehört sicherlich zu seinen besten Songs, auch wenn – oder vielleicht gerade weil – er die Deutungshoheit über seine Wirkung vor Jahrzehnten schon verloren hat.
I never meant to hurt you
I never meant to lie
So this is goodbye?
This is goodbye […]Tell the truth, you’ve never wanted me
Moby, Porcelain
Tell me
Porcelain handelt eigentlich von einer gescheiterten Beziehung. Es geht um Eifersucht, Reue und Abschied; um den Versuch, sich von jemandem zu lösen, den man liebt, weil man weiß, dass die Beziehung nicht funktionieren kann. Porcelain ist paradox, denn es weint einer Unmöglichkeit nach. Und genau dieses Gefühl ist auch in die popkulturelle Rezeption geflossen, auch wenn die so gar nichts mit einer verlorenen Liebe oder einer gescheiterten Beziehung zu tun hat.
Wir alle verstehen Porcelain als eine in Musik verdichtete Erinnerung an die späten 90er, als Reisen noch nicht für Instagram inszeniert wurde und bedeutete, sich wirklich auf ein fremdes Land einzulassen. Als man noch mit Menschen in Kontakt treten und Dinge riskieren musste, um die Welt kennen zu lernen. Als es noch möglich war, alleine auf einsamen Inseln unterwegs zu sein. Ohne Smartphone, ohne Social Media, ohne Intention, über das Ziel zu berichten, anstatt den Weg dorthin wahrzunehmen.
Vielleicht war es nie so. Vielleicht ist diese Erinnerung selbst schon eine Inszenierung, ein Wunschbild, das wir uns von einer Zeit machen, die wir nie erlebt oder längst vergessen haben. Wer waren die Lonely Planet-Reisenden, wenn nicht wir? Aber die Sehnsucht ist real. Und Porcelain macht sie hörbar.
The song symbolizes traveling, exploring that next flight, being scarred but doing it anyway. That first romance, that first moment of smelling the adventure in a country that was completely different from your own. Timeless music.
codeWithCharles
Mobys Porcelain ist über die Brücke von Danny Boyles Verfilmung unweigerlich mit Alex Garlands “The Beach” verbunden. Das eine ist der Soundtrack zur Sehnsucht nach der Freiheit. Und das andere definiert die Freiheit als den Strand. Beide handeln von der Flucht vor einer Welt, die man zwar liebt, aber gleichzeitig weiß, dass man in ihr zugrunde gehen wird. Es ist das Paradoxon unserer Zeit, in einem selbst errichteten, goldenen Käfig zu sitzen und darüber zu phantasieren, wie schön es doch wäre, draußen zu sein. Aber wenn draußen, dann bitte mit all den Vorzügen, die wir hier drinnen auch haben. Zumindest ein 7-11 sollte im Paradies rund um die Uhr geöffnet und gut klimatisiert sein.
John Niven hat Alex Garlands Roman vor zehn Jahren unter dem Gesichtspunkt ständiger digitaler Präsenz neu gelesen und spricht in seiner Rezension eine unangenehme Wahrheit aus. Es ist eigentlich kein Käfig, der uns zurückhält, sondern unsere Weigerung, die Kette, an der wir hängen, abzulegen. Die Kette, das sind die Devices, die uns binden mit ihren Apps, die uns in umzäunten Gärten einschließen. Die Reisen finden im Kopf statt, so die trügerische Rechtfertigung für diejenigen, die ihren Körper nicht mehr bewegen wollen. Und gleichzeitig der augenöffnende Moment einer Erkenntnis – es ist bezeichnend, dass der erste Kommentar unter dem Trailer lautet:
I’m 28, just watching this movie now. Smart phones have destroyed moments like these for many, get outside and enjoy life while you can
sanbornolsen
Alle Kommentare erzählen die gleiche Geschichte. Unter dem Moby-Video, unter dem Trailer, unter John Nivens Artikel im Guardian. Sie sehnen sich nach Momenten, die nie ganz vergehen, formulieren Gesellschaftskritik als Sehnsucht und warnen davor, was Technologie zerstören kann. Wir alle wissen, dass, was einmal erschlossen wurde, nie wieder zu heilen ist und solange bewirtschaftet wird, bis es sich selbst in Bedeutungslosigkeit auflöst. Sobald wir das aber erkennen, ist der Moment vorbei, der der Sache einen Wert gegeben hat.
It really wasnt so long ago that getting to Ko Samui necessitated an 8hr bus ride from the Koh San road to Suri Thani, then an over night ferry where you slept on an open wooden deck, arriving in Samui at dawn. Now Air Asia is cheaper, safer and so much quicker. Back then the Koh San road had actually utility – get a visa sorted, exchange your travelers cheques, book your bus, get the latest print out on how to travel over the border to Siem Riep. […] The Beach and its metaphorical Eden could never exist today, as connectivity overrides everything – paradise simply cant beat four square or a geo-located facebook like.
billybobasia
Das Paradies kann nicht gegen einen Facebook-Like gewinnen, so kaputt sind wir bereits! Die Mystik des Neuen existiert nicht mehr. Somit auch nicht die Rechtfertigung, ihm Zeit zu widmen. Man stelle sich ein Jahr ohne Kontakt zu den Eltern vor, wie bei Richard in The Beach. Kein Check-In, kein Call, keine Nachricht. Heute könnte er nicht einmal im Flugzeug verschwinden – Starlink macht auch dort Erreichbarkeit, Überwachung und Kontrolle WhatsApp, Instagram und TikTok möglich. Man muss einfach immer und überall erreichbar sein.
With FB, Whattsapp, instagram, tourist industry, and almost everyone speaking English (and a proliferation a worldwide middle class ) travelling seems to have forever lost its mystique. I remember the hero in the book went a year without writing or calling his parents. Nowadays if he did that he’d be on the front page of the news within 48 hours as missing.
dsdsdsdsds
Die Flucht ist unmöglich geworden. Nicht, weil es keine Strände mehr gibt, sondern weil wir sie nicht mehr finden können, solange wir unsere Devices mit uns tragen. Wer sehen und hören will, wie sich die Freiheit anfühlt, die unsere Devices uns erlauben, braucht sich nur die Apple-Werbung anzusehen, in der eine junge Frau einen Anruf beim Wellensurfen, dem Inbegriff purer Freiheit, bekommt. Noch viel mehr gegen ein Device werben, kann man eigentlich gar nicht. Und guess what? Apple verkauft uns das als Feature!
Aber wir sind ja noch viel kaputter als wir glauben! Wir kommentieren unsere Sehnsucht auf Plattformen, die längst der Werbung gehören, und hoffen, dass irgendwann, irgendwo, der Wahnsinn aufhört. Dass wir den Strand finden. Dass wir erfahren, wie es sich anfühlt, eine tiefe Sehnsucht zu stillen. Aber nur im Komfortmodus und mit “finden” ist eh online gemeint, oder? Gegen so eine Haltung liest sich Douglas Couplands “Generation X” wie eine revolutionäre Schrift.
Our systems had stopped working, jammed with the odor of copy machines, Wite-Out, the smell of bond paper, and the endless stress of pointless jobs done grudgingly to little applause. We had compulsions that made us confuse shopping with creativity, to take downers and assume that merely renting a video on a Saturday night was enough.
Douglas Coupland, Generation X
In Generation X fliegen die Figuren vor der Konsumkultur in die Wüste, genau wie Richard in The Beach auf die thailändische Insel flieht. Beide Texte handeln von der Suche nach Authentizität in einer Welt, die zunehmend von Medien, Konsumerismus und Kontrolle durchdrungen ist. Porcelain ist der Soundtrack zu dieser Flucht. Melancholisch, sehnsüchtig, aber auch resigniert. Wir sind zu faul, eine Veränderung überhaupt anzugehen. Wir sehnen uns zwar danach, aber selbst Hand anlegen, aktiv werden, organisieren und rebellieren kommt nicht in Frage. Stattdessen protestieren wir mit Hashtags genau dort, wo wir die Änderung ansetzen könnten. Aus Protest kaufe ich dir heute mehr von deinem Stoff ab, der mich kaputt macht, Dealer!
I think there was a trade-off somewhere along the line. I think the price we paid for our golden life was an inability to fully believe in love; instead we gained an irony that scorched everything it touched. And I wonder if this irony is the price we paid for the loss of God
Coupland, Douglas, Life after God
Die Sache stinkt zum Himmel – und wir stehen mittendrin, ätzen, und können uns das Leben nur noch mit Sarkasmus, Ironie und unterdrückter Wut schönreden.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Moby Porcelain ausgerechnet am Coachella-Festival aufführt. Viel mehr Instagram-Festival geht gar nicht. Coachella ist ein Ort für Influencer. Das Festival ist der Inbegriff des Konsumerismus, die Antithese zum Strand. Hier geht es um Stories und Likes, ein bisschen um Musik, keinesfalls aber um Erfahrung. Der Strand ist bestenfalls Kulisse. Coachella ist ein kommerzialisiertes Spektakel in der Wüste Kaliforniens. Genau dort, wohin Douglas Couplands Figuren vor der Konsumkultur fliehen. Heute ist sogar die Wüste zum umzäunten Garten geworden.
Und Moby spielt darin Porcelain.
Die Menschen machen den Song zum Soundtrack für die Trauer um eine verlorene Freiheit, die sie aus einem Film über das Abenteuer eines gelangweilten Gen-Xers kennen. Der will den geheimen Garten Eden finden, einen perfekten, versteckten Strand auf einer Insel irgendwo in Thailand. Die perfekte Freiheit. Frei von Smartphones, frei von Internet, Instagram und Influencern. Und die Menschen wollen diese Freiheit spüren. Moby? Der läuft währenddesen auf der Bühne herum, spielt ein Lied über Eifersucht und Abschied, und wirbt auf TikTok für vegane Ernährung.
Und ich? Ich beschreibe das alles in meinem Blog. Die Ironie ist perfekt. Selbst die Sehnsucht wird zur Ware, zum Material für einen Blogbeitrag. Vielleicht hat Danny Boyle das schon geahnt und seinen Film deshalb in Richards E-Mail-Posteingang enden lassen. François schickt Richard ein nostalgisches Gruppenfoto der Beach-Community und beschriftet es mit “Parallel Universe”. Boyle zeigt Richards Reaktion in Nahaufnahme: Das freudige Lächeln über die Nachricht weicht der schmerzlichen Erkenntnis, dieses Glück nie wieder erleben zu können.
Richard sucht Eden und findet einen umzäunten Garten, bewacht von bewaffneten Farmern. Couplands Figuren fliehen in die Wüste. Heute findet dort Coachella statt, ein Festival hinter Zäunen. Wir fliehen in Apps und landen in umzäunten Gärten. Die Freiheit, die wir suchen, ist bereits die Struktur, vor der wir fliehen. Und Eden, der umzäunte Garten Eden? Der war schon immer ein Paralleluniversum.
So düster will ich aber meinen Beitrag über Porcelain nicht beenden. Denn bei aller Wut, bei aller Resignation – die Sehnsucht bleibt. Und vielleicht ist genau das die Leistung von Porcelain: Es hält die Sehnsucht am Leben, auch wenn wir wissen, dass sie nie erfüllt werden wird. Schenken wir der eigentlichen Leistung des Stücks die Anerkennung, die ihr gebührt. Denn wie wir Porcelain hören, weckt nicht nur Nostalgie, sondern enthält auch ein Versprechen. Tief vergraben in der Sehnsucht blitzt ein Funken von Hoffnung: Es gibt da draußen noch etwas, das wir erleben, entdecken, lieben und fürchten können. Etwas, das wir noch tun sollten, auch wenn wir glauben, schon alles erlebt zu haben. Etwas, für das es sich lohnt, morgens aufzustehen und weiter zu machen. Wenn nicht für uns, dann für unsere Nachkommen. Den ersten Moment in einem fremden Land. Das erste, wirkliche Abenteuer. Die Fähigkeit, (wieder) zu lieben. Unerwartete Freundschaft. Feuchte T-Shirts in überfüllten Autobussen. Eine Narbe auf unserer viel zu glatten Haut. Ein Kuss auf salzige Lippen. – Ein Leben, das nicht in einem Feed verschwindet.
Die Zeit, dieses Versprechen einzulösen, wird allerdings knapp.