Microsoft Office Stockholm-Syndrom

Bei Information Architects stellt man sich eine Frage zu Recht: Warum geben wir uns das Office-Theater und tun so, als ob wir mit Papier arbeiten würden, wenn das in Wirklichkeit seit mindestens einem Jahrzehnt nicht mehr so ist?

Information Architects über die technologische Abhängigkeit Europas von US-amerikanischen Tech-Konzernen im Allgemeinen sowie die konzeptionelle und konkrete Abhängigkeit von Microsoft Office und dem darin codierten Denken im Besonderen. Und wie man beides lösen und dabei auch noch einen enormen Sprung in eine Zukunft machen könnte, die eigentlich schon längst Usus ist.

The office model embedded in Microsoft Office is hierarchical, paper-bound, and authority-driven. It assumes that thinking culminates in a formatted artifact. This model made sense in 1995. It does not make sense in 2026. […] We no longer see how strange the system is. Formatting feels normal. Page numbers feel necessary. Rulers feel inevitable. […] The absurd has become routine. That is the real dependency. […] No matter how much AI Microsoft integrates, Office is built on a collaboration model designed for printed documents. […] The best way to weaken a dependency is to stop relying on outdated systems in the first place. Good technology moves from raw to complex to simple. It’s time to move from the complex Office to a simpler solution. So, how about plain text? Imagine writing and presentation software where all you do is think about what you want to say. The app makes sure that it looks on brand. Yes. That is not just possible. It exists already. But adapting it will require a change of habit, not just a change of vendor.

Information Architects

Wichtigster Gedanke in dem doch recht langen Artikel: Wir sind gefangen im Papierdenken und haben uns an den Irrsinn gewöhnt, es in einer fast schon pervertierten Form aufrechtzuerhalten, obwohl wir immer weniger zu Papier bringen, weil ohnehin alles digital erledigt wird. Trotzdem: Seitenzahlen, Kopf- und Fußzeilen, und die leidige Konversion alles “zu Papier gebrachten” als PDF.

Ich habe das Ablegen des Papierdenkens selbst ausprobiert und vor mehr als einem Jahr mein Office 365-Abonnement gekündigt. Nicht nur liegt die Anzahl der Tage, an denen ich Word, Excel oder PowerPoint gebraucht hätte, bei exakt null, auch alle mir zugesendeten Dokumente – es war eine Handvoll .docx – konnte ich problemlos in Google Docs öffnen. Google macht keinen Hehl daraus, nicht gerade ein Freund des Papierdenkens zu sein. Praktisch alle Entwicklungen in Google Docs, Sheets und Presentations dienen der Zusammenarbeit und der Verfügbarkeit von Dokumenten online. Nutzt man sie, entfernt man sich sogar von der Möglichkeit, die Dokumente auszudrucken. Das löst bei vielen Sorge aus, mir war es egal, da ich seit über einem Jahrzehnt schon meinen Drucker nicht mehr gebraucht habe.

Das war aber nicht der einzige, ja nicht einmal der Hauptgrund, warum das Fehlen von Office 365 für mich nie ein Problem war. Der Hauptgrund war, dass ich für Angebote, Rechnungen und andere, standardisierte Dokumente ohnehin eigene Services oder Apps nutze, die gegebenenfalls druckfertige Dokumente produzieren konnten. Und weil, wenn man das einmal so macht, nichts mehr für ein an Funktionalität überbordendes Programm übrigbleibt, das man bestenfalls für Texte nutzt, die auch in einer unformatierten E-Mail problemlos zu lesen sind.

Also weg mit Office 365 und her mit den ganz einfachen, am besten ausschließlich auf Reintext basierenden Programmen. Wer es sich nicht nehmen lassen will, kann sie sich ja selbst coden, für alle anderen gibt es Unmengen an Apps, die Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentation können. Nicht, dass Information Architects solche Apps (zumindest Text und Präsentation) nicht auch anböte.

4 Kommentare

  1. Super Gedankengang, den ich schon länger mit mir herumtrage, aber hier toll ausformuliert ist. Auch ich habe vor rund einem Jahr mein 365-Abo gekündigt und seitdem nicht mehr zurück geblickt. Mit Paperless, Markdown-Formatierungn, Upnote etc. einen nach und nach besser werdenden Workflow gefunden hin zu einer universellen Textverarbeitung und -sortierung.

    • Ja, O365 ist wirklich nur noch nötig, wenn man unbedingt irgendwelchen (institutionellen) Vorgaben folgen muss. Also ganz bei dir: Weg damit!

  2. Ein ganz wichtiger Aspekt für die großen Unternehmen wird hier völlig vergessen:

    Die Ratingagenturen honorieren die Abkehr von Microsoftprodukten mit einem Malus. Der ist zwar nur minimal aber ein “Triple A” ist damit schwerer zu erreichen.
    Und am Rating hängen ja die Finanzierungskondistionen die man bei den Banken bekommt.

    Unter’m Strich kann sich der Einsatz also finanziell durchaus lohnen.

    • Das hat jetzt per se wenig mit “Wir denken, als ob es noch Papier wäre” zu tun, ist aber ein sehr wichtiger Hinweis, der mir so absolut nicht bewusst war. Danke dafür! Und klar, wenn so ein Faktor wie ein Rating Unternehmen de facto zwingt Office zu nutzen (oder eben nicht), dann ist natürlich der Digitalisierungsgedanke (bzw. der Gedanke, sich von der Vorstellung, auf Papier zu schreiben) weiter in die Ferne gerückt.

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