Vor ein paar Tagen bin ich auf ein Gedicht von Shawn Smucker gestoßen. Ich habe mir erlaubt, es hier stark gekürzt wiederzugeben. Es lohnt sich, das Ganze zu lesen. Schnell ist klar, worum es geht.
Be sure to use AI when your next child
gets married, so that you can write them
the perfect toast […]because no one wants to hear your
words, the actual poorly written words
of a parent […] who changed
hundreds of diapers for said child or fed
them in the middle of the
night from your actual body. […]We don’t want those words—we’d prefer the sterile
words of a machine that never lived, never
had an original thought, never felt
the pain of miscarriage or broken
relationships or the joy of a friendship restored […]How magnificent
Shawn Smucker
the funeral song our children or contemporaries
will write for us, a song they will make by
taking our obituary and Facebook posts,
plus random quotes from our algorithm,
and feeding them into Chat
or Gemini
or Claude.
The tears that will fall in the face of such
sanitary sweetness!
Was Shawn Smucker hier beschreibt, erinnert mich an die mahnenden Worte des Papstes, Predigten nicht mit KI zu verfassen. Eine Predigt muss aus dem Leben des Predigers erwachsen, um Zeugnis zu sein und nicht bloß Information. Ähnlich mein eigenes Erlebnis mit den Fürbitten, für die ich mir Zeit genommen habe anstatt sie fix fertig irgendwo herunterzuladen. Für mich galt: Ohne Reflexion haben meine Worte keinen Wert. Nicht für mich, nicht für die Eltern und schon gar nicht für das Kind. Reflexion passiert nicht im Resultat eines Prompts. Wenn überhaupt, dann ist es der Prompt selbst, der mehr über das Denken verrät als der daraus entstandene Text.
Aber wie kommt es dazu? Wie kommt es, dass uns die wichtigen Dinge plötzlich so gleichgültig werden und wir selbst die persönlichsten Texte mit einem Prompt verfassen? Ich glaube, wir haben verlernt, uns mit den grundlegenden Fragen unseres Lebens auseinanderzusetzen. Wir könnten uns zurückziehen, um nachzudenken. Das tun wir aber nicht. Stattdessen reagieren wir auf den ständigen Lärm belangloser Reize und überlassen algorithmisierten Feeds die Deutung dessen, was Aufmerksamkeit verdient. Herauszufinden, was wirklich zählt, erfordert Anstrengung und Reflexion, vor allem aber Zeit. Nehmen wir sie uns nicht, übernehmen wir unbemerkt die Logik der Netzwerke: Das Dringende verdrängt das Wichtige, das Bequeme das Wertvolle. Wer dieser Logik folgt, ist bei einer Taufe, einem Geburtstag oder einer Beerdigung körperlich, aber längst nicht mehr geistig anwesend. Nicht aus Bosheit, sondern weil der Blick für das Wesentliche verloren gegangen ist.
Und manchmal ist nicht nur der Anlass, sondern auch der Andere das Wesentliche.
Ich komme auf diese Gedanken, weil ich Situationen erlebt habe, die unangenehm waren und heute beinahe normal erscheinen. Warum senden wir keine Geburtstagswünsche mehr? Weil „wir dann eine andere App installieren müssten“. Warum ignorieren wir die Einladung zur Taufe des Neffen? Weil sie „so früh am Morgen stattfindet“. Warum kommen wir nicht zur Erstkommunion, obwohl die Pfarre keine 10 Minuten entfernt ist? Weil wir denken: „Was soll ich dort?“ Warum kommen wir nicht zum Geburtstagsessen des alten Vaters? Weil es „in dem Lokal nichts gibt, was uns schmeckt“. Warum bleiben wir daheim, während die Großmutter beerdigt wird? Weil wir „für eine Prüfung lernen müssen“. Die Momente sind flüchtig, aber wir erkennen sie nicht. Wir weisen ihnen keinen Wert zu und übersehen ihre Einzigartigkeit. Und wir vergessen, dass diese Momente nie nur uns gehören. Jeder ausgelassene Gruß, jede versäumte Feier und jede delegierte Rede nimmt auch einem anderen etwas, das nur wir hätten geben können.
Who the hell has time
Shawn Smucker
to work at something, to give time to craft, to
create with their own minds, to spend
years being mediocre. Why do that when
mastery […] is so simple
only a good prompt away?
Shawn Smucker beschreibt das Symptom. Das eigentliche Problem liegt tiefer. Er kritisiert den Einsatz einer Maschine dort, wo persönliche Hingabe gefragt wäre. Er verdichtet diese düstere Erkenntnis zu Lyrik: Wir haben verlernt, die wichtigen Dinge im Lärm des Alltags zu erkennen. Wir haben verlernt, ihnen Zeit, Aufmerksamkeit und persönliche Hingabe zu widmen. Wir haben verlernt, den entscheidenden Moment zu erkennen. Und deshalb bemerken wir nicht einmal, wenn wir das Besondere zerstören.
Wie die Säue, die die Perlen zertreten.