Neid, Missgunst und Skepsis statt “let’s build sth cool!”

Peter Steinberger reagiert auf die Kritik an OpenClaw und legt seinen Finger in die klaffende Wunde, die niemand verarzten will.

Ich kann die Kritik an Peter Steinberger (OpenClaw) bis zu einem gewissen Grad verstehen. Aber ich sehe mich auch in der äußerst interessanten Situation, die Abwehr dieser Kritik zu unterstützen. Sie ist nämlich – nicht nur für mich – ein fast schon dramatisches Beispiel, wenn nicht gar ein Beweis dafür, warum der Draghi-Report von vor ein paar Jahren einen wunden Punkt erwischt hat. Die Kritik und die daraus entstehenden Forderungen nach Regulierung, von der Politik und ihren juristischen Bedenkenträgern gerne aufgenommen, sind nicht immer Resultat grundlegender Überlegungen. Sie sind oft schlicht motiviert von Missgunst und einer in meinen Augen überbordenden Risikoaversion.

Peter Steinberger hat auf diese Art der Kritik reagiert. In mehreren Tweets schreibt er, wie ihm in Europa Missgunst und in Folge (die Kausalität ist wichtig!) Forderungen nach Regulierung entgegengeschleudert werden. So erklärt er auch, warum er nicht in Österreich bleibt und nun zu OpenAI in die USA geht, wo man ihn mit offenen Armen willkommen heißt.

In der USA sind die meisten Menschen enthusiastisch. In Europa werde ich beschimpft, Leute schreien REGULIERUNG und VERANTWORTUNG. Und wenn ich wirklich hier eine Firma baue dann kann ich mich mit Themen wie Investitionsschutzgesetz, Mitarbeiterbeteiligung und lähmenden Arbeitsregulierungen abkämpfen. Bei OAI arbeiten die meisten Leute 6-7 Tage die Woche und werden depentsprechend bezahlt. Be uns ist das illegal. […] Also, mindset. Wie ich nach 3 Jahren suchen wieder purpose gefunden hab:
USA: “oh man this is so great let’s build sth cool!”
AT: “Ja aber pass schon auf di auf, net dassd wieder a Burnout kriegst, goi? Also mach a bissi langsamer.”

Peter Steinberger

Natürlich ist das eine sehr vom Erfolg bestätigte Sicht der Dinge und eine, die man eigentlich nur aus einer Position einnehmen kann, die die Arbeitsrealität einer großen Gruppe von Menschen ignoriert; eine, die Gesetze und Regulierungen als Einschränkung und nicht als Schutz wahrnehmen will. Aber eben auch eine, die insofern berechtigt ist, als sie das große Problem der Überregulierung des Technologie-Sektors, das Abwürgen von Innovation durch Regulierung, sichtbar macht. Was Mario Draghi, der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank, 2024 angesprochen, kritisiert und als Gefahr für Europa skizziert hat, ist in Peter Steinbergers Fall manifest geworden: Brain Drain in Richtung USA, wegen – auch hier ist die Kausalität wichtig – Überregulierung.

All these legislations asking for compliance […] to be complied with needs people, but these companies are small companies. They have two people, often three people, and what I really got from some of them, who are now working in the United States (they left Europe), is: I cannot afford hiring people just simply to comply with this legislation. […] We […] are killing our small companies.

Mario Draghi

Will man Peter Steinberger Glauben schenken – und ein gut gefülltes Konto dürfte das unterstützen -, dann wandert er nicht wegen des Geldes ab. Er verlässt Österreich nicht wegen der schlechten Bezahlung. Er flieht vor einem schlechten Klima für innovations- und risikoaffine Unternehmer. Vor einem Klima aus Skepsis und Neid.

Bei Diskussionen über technologische Fortschritte ist die erste Frage hierzulande selten: Was können wir daraus machen? Sondern: Was könnte schiefgehen? […] Wenn über Unternehmer überhaupt geschrieben wird, dann am ehesten im Zusammenhang mit Betrug, Insolvenz oder Skandal. […] Wenn sie scheitern, gelten sie als leichtsinnig. Wenn sie erfolgreich sind, als verdächtig. Es überrascht daher kaum, dass […] zwei Drittel der Millennials keinen besonderen gesellschaftlichen Mehrwert in unternehmerischer Tätigkeit sehen.

Monika Köppl-Turyna

Und da frage ich mich: Wenn Enthusiasten wie Peter Steinberger, die finanziell gut aufgestellt sind und bauen könnten, was und wo sie wollen, Österreich und Europa fast schon entnervt den Rücken kehren, weil ihnen die hiesige Mentalität des Bedenkens und Regulierens, der Missgunst und des Neids die Luft zum Atmen nimmt, dann ist Draghis Warnung ja wohl keine Theorie mehr, sondern bittere Praxis.

Warum passiert hier seit 2024 nichts? Warum schrillen die Alarmglocken nur im Politsprech, wirken sich aber nicht auf die Steuermänner dieses Frachtschiffs namens EU aus? Im Falle von OpenClaw haben wir die Sache medial vermittelt mitbekommen, aber was ist mit den hunderten, wenn nicht tausenden Menschen, die es hier gar nicht erst versuchen und gleich in die USA abwandern? Früher oder später erstickt das Regulativ das Motiv.

Schmeckt ihr’s? Spürt ihr den unguten Beigeschmack all dieser Kritik?

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