Predige nicht mit KI 🐹☔

Ich bin in die Antiqua et nova gefallen, habe den Papst als Aufhänger genutzt, und plädiere, mittlerweile etwas relativiert und entspannter, für die Anerkennung von Prozessen, auch wenn die Versuchung gerade darin besteht, Ergebnisse ohne sie zu erhalten.

Papst Leo XIV. hat Priestern der Diözese Rom empfohlen, ChatGPT nicht fürs Verfassen von Predigten zu nutzen. Diese Empfehlung wird mit einer bemerkenswerten, genuin theologischen Logik begründet: Eine Predigt soll aus der psychischen, emotionalen und leiblichen Erfahrung des Priesters hervorgehen. Diese Erfahrung prägt Wortwahl, Satzbau, inhaltliche Akzente und den Bezug zu vorhandenen Texten und Lehren. Eine mit KI erstellte Predigt verfehlt ihr Wesen als Einheit aus Erfahrung und Wort.

Pope Leo XIV clobbered his priests with a distinctly 21st-century request: to resist the “temptation to prepare homilies with artificial intelligence […] Like all the muscles in the body, if we do not use them, if we do not move them, they die […] The brain needs to be used, so our intelligence must also be exercised a little so as not to lose this capacity”.

Futurism

Warum das ein Problem ist, versteht man erst, wenn man sich klarmacht, was eine Predigt im katholischen Verständnis sein soll. Sie ist keine reine Weitergabe von Information, eine Mahnung oder sonstwas, sondern ein vermittelnder Akt zwischen dem Wort Gottes und den Gläubigen. Diese Vermittlung ist nicht bloß ein Resultat, sondern ein Vorgang. Sinngemäß funktioniert der Mechanismus, der aus der Rede eines Priesters das Wort Gottes macht, so:

  1. Priester leben und handeln nach dem Wort Gottes. So machen sie Erfahrungen, die sie ohne dieses Leben kaum machen würden.
  2. Diese Erfahrungen prägen den Priester. Was er spricht, ist nicht bloß erlernt, sondern gelebt. Das verleiht seinem Wort Tiefe.
  3. Wenn ein Priester eine Predigt verfasst, gibt er nicht nur religiöse Inhalte wieder, sondern muss auch die dafür passenden Worte finden. Die findet und ordnet er aus seiner geistigen und leiblichen Erfahrung.
  4. So speist sich die Predigt aus den Erfahrungen eines vom Wort Gottes geprägten Lebens. Daher rührt ihre religiöse Kraft.

Ich finde diese Begründung deshalb so faszinierend, weil sie bei der Authentizität ansetzt, hier aber in einem geradezu handfesten Sinn, nämlich als leibliche, irdische Erfahrung. Sie spielt nicht nur für die Predigt, sondern ganz allgemein für das Menschenbild der Kirche eine entscheidende Rolle. In dieser Erfahrung zeigt sich der Unterschied zwischen menschlicher und künstlicher “Intelligenz”: Original und Imitation erscheinen durch denselben Begriff – Intelligenz – problematisch, weil vergleichbar, obwohl sie ihrem Wesen nach grundverschieden sind. Die 2025 erschienene vatikanische Note “Antiqua et nova” zeigt nicht nur, wie aktuell das Thema in der Kirche ist, sondern formuliert das Problem so:

Was den Menschen betrifft, ist Intelligenz […] eine Fähigkeit, die sich auf die Person als Ganzes bezieht, während sie im Zusammenhang mit der KI in einem funktionalen Sinne verstanden wird […] Diese funktionale Perspektive wird durch den Turing-Test veranschaulicht, bei dem eine Maschine als „intelligent“ gilt, wenn ein Mensch nicht in der Lage ist, ihr Verhalten von dem eines anderen Menschen zu unterscheiden. Insbesondere bezieht sich das Wort „Verhalten“ in diesem Zusammenhang auf spezifische intellektuelle Aufgaben, während es nicht die gesamte Bandbreite menschlicher Erfahrung berücksichtigt, die sowohl das Abstraktionsvermögen als auch Emotionen, Kreativität, den ästhetischen, moralischen und religiösen Sinn umfasst, und auch nicht die ganze Vielfalt der Erscheinungsformen, zu denen der menschliche Geist fähig ist. Daher wird im Falle der KI die „Intelligenz“ eines Systems methodisch, aber auch reduktionistisch auf der Grundlage seiner Fähigkeit bewertet, angemessene, d. h. mit dem menschlichen Verstand assoziierte Reaktionen hervorzurufen, unabhängig von der Art und Weise, in der diese Reaktionen erzeugt werden.

Antiqua et nova

Das ist mehr als der bloße Hinweis auf geistige Atrophie, den man aus der medialen Berichterstattung über Papst Leos XIV. Empfehlung herauslesen könnte. Die tiefere Kritik lautet, KI könne Intelligenz imitieren, ohne je Person zu sein. Problematisch wird das dort, wo die Überzeugungskraft eines Inhalts höher bewertet wird als die Art seines Zustandekommens. Heikel wird es, wenn ein Werkzeug plötzlich so behandelt wird, als könnte es an Stelle eines Menschen Wahrheit, Erfahrung und Glauben vermitteln – also etwas leisten, das untrennbar an die Person gebunden ist. Und dramatisch, wo ein menschlich wirkendes Gegenüber inszeniert wird und dadurch falsche Erwartungen weckt. Das Resultat funktionaler Imitation wirkt überzeugend genug, um vergessen zu machen, dass sein Zustandekommen nicht mehr an eine Person, ihre Erfahrung und ihre Leiblichkeit gebunden ist.

Man könnte nun einwenden, der Prompt selbst sei doch Ausdruck menschlicher Intelligenz und KI lediglich das Werkzeug, das diesen Gedanken in einen Text überführt – so, wie der Mensch auch sonst Werkzeuge benutzt, um etwas hervorzubringen. Dagegen spricht aus katholischer Sicht aber gerade die Notwendigkeit leiblicher Erfahrung, die dem Gedanken nicht nur vorausgeht, sondern seine sprachliche Form prägt. Der menschliche Geist ist somit bereits das Werkzeug, das den Gedanken in Form bringen soll. Delegiert der Priester die Formgebung an eine Technologie, die Denken nur imitiert, trennt er das Wort von der Person, die es verkündet. Hier greift, analog zur sakramentalen Theologie, die Formel “durch ihn und mit ihm und in ihm”. Mensch und Wort müssen eine Einheit bilden. Andernfalls spricht der Mensch am Ende nur künstlich generierte Worte, auch wenn der erste Impuls, der Prompt, von ihm selbst stammt. Wird die Einheit gebrochen, ist das Resultat vielleicht noch ein brauchbarer, wahrscheinlich sogar gut klingender Text, aber eben keine Predigt.

Stammt die Kritik aus theologischer Technologiefeindlichkeit? Mitnichten. Technologie gilt der Kirche als Mittel, das dem Menschen Teilhabe an der göttlichen Schöpfung ermöglicht. Sie ist nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich willkommen. Das Problem liegt nicht in der Verfügbarkeit oder im Nutzen von Technologie, sondern in einer Sichtweise, die künstliche Intelligenz der menschlichen so weit annähert, dass der Unterschied zwischen Werkzeug und Person verschwimmt.

Technology is not foreign to the human vocation. It arises from humanity’s participation in God’s creative wisdom and reflects the imago Dei (image of God) in its capacity to shape the material world toward meaningful ends. […] Yet sacramental theology clarifies an essential distinction. In the sacraments, material elements are instruments, not agents. They mediate grace, but they do not originate it. The efficient cause remains God; the minister remains a person; the instrument serves within an order of meaning it does not generate. Bread does not consecrate itself. The chalice does not decide. The vestment does not preach. Instrumentality presupposes personal agency. […] Artificial systems […] process data but do not grasp meaning as a human person does. […] Moral agency remains irreducibly human. If this distinction is blurred, the risk is not merely technical confusion but anthropological and even sacramental distortion, in which an instrument begins to be treated as though it were a subject.

National Catholic Reporter

Wir sind hier inhaltlich ziemlich tief im Katholizismus unterwegs. Und wenn ich einmal beginne, den National Catholic Reporter zu zitieren, kann ich verstehen, dass der eine oder andere die Augen verdreht1. Warum ich diesen argumentativen Ball aber trotzdem über die Bande der Religion spiele? Weil sich an der theologischen Kritik an der Nutzung von KI abermals zeigt, wie schnell ein Text problematisch werden kann, wenn die Technologie dort eingesetzt wird, wo der Mensch die sprachliche Arbeit selbst leisten müsste.

An der Predigt wird sichtbar, dass es Formen der Rede gibt, bei denen KI nicht beliebig zwischen Wort und Person treten darf. Gerade hier, weil eine religiöse Erfahrung nur dann zum Wort Gottes werden kann, wenn sie aus dem Menschen hervor- und nicht bloß durch ihn hindurchgeht. Sobald der Mensch das Ausformulieren delegiert, gibt er nicht nur einen Arbeitsschritt ab, sondern unterbricht die Einheit aus Erfahrung und Wort, aus der diese Form der Rede überhaupt erst ihre religiöse Glaubwürdigkeit bezieht. Die Predigt ist darin nur der deutlichste Fall, nicht notwendig der einzige.

Ohne KI wäre der Mensch zu eigenständigem, wenn auch mühsamem Denken gezwungen und würde sich nicht im trügerischen Komfort verlaufen, vorgefertigte Worte mit eigenen Gedanken zu verwechseln. George Orwell hat genau davor in “Politics and the English Language” gewarnt. Er greift darin eine Haltung an, die sich mit fertigen Formeln begnügt, und erinnert daran, dass Sprache nicht neutral ist. Unpräzise oder euphemistische, vor allem aber vorgefertigte Formeln können das Denken trüben, Verantwortung verschleiern und politische Wirklichkeit entstellen. Bequeme Sprache erzeugt bequeme Gedanken. Gerade deshalb bleibt Orwells Kritik auch dort aufrecht, wo KI unter der Illusion von Kontrolle durch Prompts Texte erzeugt, die nichts anderes sind als sprachliche Vorfabrikation eines noch nicht zu Ende formulierten Gedankens – wie Tomaten, die in eine Plastikschablone hineinwachsen und am Ende zwar praktisch würfelförmig, aber nicht mehr aus sich selbst heraus in Form gewachsen sind.

Nur wem bewusst ist, dass der eigentliche Gedanke, den ein Text vermitteln soll, oft noch wortlos ist, versteht, worum es hier geht. Ein einziges falsches Wort kann eine Vorstellung verwischen, ein Gefühl verfälschen oder eine Intuition auslöschen – so wie eine falsch gespielte Note am Klavier den Eindruck einer Étude nicht nur stört, sondern ihre innere Linie beschädigt. Wer darüber hinwegspielt und das falsche F mit einem “das passt schon so” und einem geschickt gesetzten Pianissimo abtut, nimmt nicht nur in Kauf, dass das Stück selbst darunter leidet. Er nimmt auch in Kauf, und das ist der entscheidende Punkt, dass dieser Fehlton als seine Interpretation gehört wird. Nicht anders verhält es sich mit von KI formulierten Gedanken: Wer die passenden Worte von einer Maschine generieren lässt, überlässt einem System, das die Entstehung des Gedankens weder kennt noch nachvollziehen kann, ihr Erscheinungsbild. Das verändert, wenn auch meist kaum merklich, den Gedanken selbst.

Orwell formuliert das in gewohnter Schärfe. Zuerst die zeitliche Ersparnis, dann die Veränderung der Aussage. Hier das Ausholen:

Modern writing at its worst does not consist in picking out words for the sake of their meaning and inventing images in order to make the meaning clearer. It consists in gumming together long strips of words which have already been set in order by someone else […] The attraction of this way of writing is that it is easy. It is easier – even quicker, once you have the habit […]. If you use ready-made phrases, you not only don’t have to hunt about for the words; you also don’t have to bother with the rhythms of your sentences, since these phrases are generally so arranged as to be more or less euphonious. When you are composing in a hurry […] it is natural to fall into a pretentious, latinized style.

George Orwell

Und hier der Hieb mit dem Schwert:

What is above all needed is to let the meaning choose the word, and not the other way about. […] The worst thing one can do with words is to surrender to them. When you think of a concrete object, you think wordlessly, and then, if you want to describe the thing you have been visualising, you probably hunt about till you find the exact words that seem to fit it. When you think of something abstract you are more inclined to use words from the start, and unless you make a conscious effort to prevent it, the existing dialect will come rushing in and do the job for you, at the expense of blurring or even changing your meaning. Probably it is better to put off using words as long as possible and get one’s meanings as clear as one can through pictures and sensations. Afterward one can choose – not simply accept – the phrases that will best cover the meaning.

George Orwell

Was Orwell über politische Sprache sagt und der Papst über Predigten, gilt nicht für jeden beliebigen Text. Die meisten davon sind ja ohnehin egal2. Aber manche eben nicht, und genau für die wird der Unterschied entscheidend. Wenn wir uns daran gewöhnen, mit KI zu “schreiben”, verlieren wir womöglich das Gespür dafür, welche das sind. Da können ChatGPT, Claude und Gemini noch so überzeugend tun, als ob.

Wenn es zur Norm wird, dass KI als Vermittler zwischen Gedanken und geschriebenem Wort auftritt, behandeln wir ein Schriftstück an ein Amt irgendwann genauso wie die Glückwünsche zur Geburt eines Kindes3, die formalisierte Antwort auf eine Bewerbung wie die Urlaubsgrüße an unsere Familie und einen Finanzbericht über das letzte Quartal wie eine intime Entschuldigung eines geliebten Menschen. Die Unterschiede zwischen diesen Texten – und was sie mit uns machen – beginnen zu verschwimmen. Sie lösen sich in der Gleichartigkeit ihres Entstehungsprozesses auf: Prompt, Copy, Paste.

Gerade deshalb sollte man einen Gedanken nicht der Effizienz seiner Verschriftlichung opfern. Besonders nicht bei bedeutsamen Texten. So behalten wir die Fähigkeit, sie von Gebrauchstexten zu unterscheiden. Auch auf Mastodon wird das registriert, mit erfreulicher Rücksichtslosigkeit:

Cory Doctorow, Chris Hayes, and David Roberts: why do people hate AI i can’t figure it out

the AI companies: we are going to take away your ability to think and sell it back to you, that’s our plan, literally and explicitly, we are saying it from a stage.

Peter

Wer sich daran gewöhnt, Gedanken nicht mehr nur gelegentlich, sondern dauerhaft KI-vermittelt auszuformulieren, riskiert die Atrophie einer Fähigkeit, die wir alle früher oder später brauchen, ja, von der wir abhängig sein werden: die eigenen Gedanken selbst in Worte zu fassen. Effizienz wirkt modern, bequem und verführerisch. Aber aus der Erleichterung wird schnell eine Routine, in der die Wiederholung an die Stelle der Veränderung tritt. Der Fortschritt findet nicht mehr in unseren Köpfen, sondern in Rechenzentren statt. Nur hilft uns das nicht, wenn der Moment kommt, in dem ein synthetisch erzeugter Text eben nicht genügt; aber die Fähigkeit, einen Gedanken selbst zu formulieren, längst verloren ist. Denn im Ausformulieren klärt sich oft erst, was ein Gedanke wirklich ist, was er von uns will und welche Haltung er in uns verlangt4. Fehlt dieser Weg, wird aus dem Schreiben leicht eine bloße Erledigung dessen, was eigentlich Ausdruck eines Bedürfnisses sein sollte. Zwischen Erledigung und echtem Bedürfnis liegt manchmal weniger ein Unterschied des Inhalts als einer der Haltung. “Bringen wir’s hinter uns!” hat am Ende nichts mit “Ich will jemandem helfen!” zu tun.

Es ist also auch außerhalb des religiösen Kontextes etwas dran an der kirchlichen Strenge bei der Entstehung einer Predigt: Ein bedeutsamer Text sollte nicht nur durch einen Menschen hindurchgehen, sondern aus ihm hervorgehen, auch wenn das langsam und ineffizient erscheinen mag.

Seen in this light, Pope Leo XIV’s insistence that priests must not surrender their preaching to artificial systems is emblematic rather than incidental. If proclamation is reduced to generated language, the church implicitly concedes that revelation can be mediated impersonally. Yet Christian faith is incarnational. Grace ordinarily passes through personal encounter. The Word is not downloaded. It is proclaimed.

National Catholic Reporter

Was für das Wort Gottes gilt, muss deshalb nicht schon für jeden beliebigen Text gelten. Damit habe ich mittlerweile meinen Frieden geschlossen. Aber für Texte, die mehr sein wollen als bloße Mitteilung, ist daraus sehr wohl etwas zu lernen. Manche Texte beziehen ihre Bedeutung gerade daraus, dass sie nicht bloß fertig vorliegen, sondern von jemandem hervorgebracht werden. Am Ende geht es nicht nur um die Wirkung eines Textes auf seine Leserinnen und Leser, sondern auch um seine Wirkung auf die, die ihn schreiben.

Vielleicht liegt die eigentliche Verlockung der KI genau darin: Sie verspricht uns Und täglich grüßt das Murmeltier ohne Zeitschleife. Ein Ergebnis ohne Wiederholung, die richtige Formulierung ohne mühsames Suchen, die Wirkung ohne die Veränderung, die dem Ganzen überhaupt erst Bedeutung verleiht. Phil Connors bekommt Rita ja auch nicht, weil er irgendwann das perfekte Skript auswendig gelernt hätte, sondern weil ihn die Schleife verändert. Und auch am Klavier ist der Punkt nicht, dass man irgendwann ein Stück korrekt spielen kann, sondern dass aus Übung, Wiederholung und Zeit etwas Eigenes hervorgeht. Das Skript und die Noten sind Stütze, aber nicht das, was die Sache am Ende trägt.

Manche Ergebnisse sind von der Art ihres Zustandekommens nicht zu trennen. Für Texte, die mehr sein wollen als bloße Mitteilung, gilt das nicht anders. Egal, ob Predigt oder Liebesbrief, Parte oder Blogbeitrag.

  1. Die Augen verdrehen kann schnell, wer sich nicht klarmacht, dass Religion gerade deshalb leicht kritisiert werden kann, weil sie sich durch Schriftstücke, Rituale und Institutionen angreifbar macht. Um die KI-Unternehmen und ihre Milliardäre hat sich längst ein ebenso wirksamer Kult gebildet – nur in einem Vokabular, das weniger nach Weihrauch und mehr nach Innovation klingt. Verehrt wird dort trotzdem, und die gesellschaftliche Einbettung dieser Technologie bleibt dabei oft bemerkenswert unterbelichtet. ↩︎
  2. Ich fürchte, wir schreiben schlichtweg zu viel. Das meiste davon ist bedeutungslos, unwichtig oder bestenfalls von kurzer Halbwertszeit. Immer mehr Texte bestehen aus Wiederkäuen, aus dem Durchreichen vorgefertigter Redeweisen, aus dem Ersetzen eigener Gedanken durch Links auf “Dialoge mit ChatGPT” oder sinngemäß ähnliche Formen ausgelagerten Denkens. Dümmlich eingesetzte Emojis sollen kaschieren, was sprachlich längst leer, hastig oder schlicht nicht gedacht ist. Eine gesättigte, übersättigte, von einer Contentmaschinerie vergiftete Gesellschaft bringt irgendwann genau die Sprache hervor, die sie verdient. ↩︎
  3. Das mag abstrakt oder romantisiert klingen. Ein konkretes Beispiel zeigt vielleicht besser, worum es geht: Für eine Taufe wurde ich einmal um ein paar Fürbitten gebeten, und ich habe mich an einem Sonntagnachmittag hingesetzt und sie verfasst. Ja, ich habe den Nachmittag diesen kurzen Texten gerne gewidmet und niemals kam mir der Gedanke auf, ihn “geopfert” zu haben. Immerhin ging es ja um etwas! (Da kann ich nicht einfach das erstbeste Google-Ergebnis heranziehen und die dritte, siebte und elfte Fürbitte als die meinige ausgeben.) Ich habe mein Wissen um die konkrete Situation der Familie, ihre Eigenheiten und kleinen Quirks mit einfließen lassen. Es hat Spaß gemacht, und ich war stolz auf Fürbitten, die weit weg waren von dem allgemeinen Blabla, das man im Internet finden kann. Vor allem aber habe ich die Reaktion des Priesters, der beim Vorlesen nicht bloß artig gewartet, sondern den ungewohnten Formulierungen sichtbar aufmerksam zugehört hat, fast als Ritterschlag empfunden. Noch mehr, weil er später sogar auf eine der Fürbitten zurückkam. Live, einfach so, in Interaktion mit einem Gedanken, der aus einem Menschen und seinen Erfahrungen hervorgegangen war und als Fürbitte Worte gefunden hatte. Aus dem Internet geladene Standardfloskeln ohne persönlichen Bezug hätten daraus nur Füllmaterial gemacht, das alle absitzen. KI-generierte Fürbitten hätten bestenfalls den Namen des Täuflings in eine tausendfach benutzte Schablone gegossen. Ein wenig echte Aufmerksamkeit für die Sache verändert in solchen Momenten fast alles und macht aus einem “Fest, das man absolvieren muss” eine freudige, persönliche Erinnerung an einen festlichen Akt. ↩︎
  4. Ist das nicht absurd? Die Evolution hat über Jahrmillionen hinweg ein Werkzeug hervorgebracht, das zu eigenständigem Denken und Lernen fähig ist. Und wir unterwerfen seine Ergebnisse freiwillig und aus Bequemlichkeit dem Output eines monatlich bezahlten KI-Dienstes, der zwar weit fortgeschritten ist, aber fehlerhaft und unvollkommen bleibt. Die Absurdität liegt nicht bloß im kostenpflichtigen Auslagern einer Aufgabe, sondern in der freiwilligen Preisgabe einer Fähigkeit, die unser wertvollstes Gut sein könnte und uns zu dem macht, was wir am Ende eben doch sind: Menschen. ↩︎

2 Kommentare

  1. Ich bleibe an dem Gedanken der Fürbitte-Fußnote hängen: Der Text, der erst dann Substanz erhält, weil sein Entstehen eine Hingabe erforderte, vielleicht sogar einen Kampf ums rechte Wort. Nicht als bestmöglich optimiertes Prozessergebnis, sondern als Ende eines gegangenen Weges. Das Ziel eines echten Gedankens. Etwas Originäres, dass, auch wenn es sich aus unendlich oft benutzter Sprache speist, doch immer ein “frisch gezapfter” Funke ist. Das Gegenstück zum synthetisierten Wörter-Burger von McLLM.

    Guter Gedanke. Danke.

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