Jenny Wen, Design Lead bei Anthropic (und vormals Figma), plädiert angesichts veränderter Umstände (AI) für die Aufgabe bzw. Flexibilisierung des bisherigen, rigiden Design-Prozesses. Er bestand aus 5 Schritten, die durchgeführt wurden, um eine Lösung zu erarbeiten, die für ein Problem galt, das auch erst definiert werden musste. Der Prozess war ziemlich klar und hatte eine starre Abfolge:
- Recherche
- Erstellen von Personas
- Erstellen von Journey Maps
- Festlegen der Problemstellung
- Festlegen der für die Problemstellung besten Lösung
Und nun kommt Jenny Wen daher und meint: Nimm den Prozess nicht ganz so ernst, sei flexibel. Er ist in Zeiten von KI so nicht mehr effizient genug und verfehlt sein Ziel. Nutze stattdessen deine Intuition, aber schule sie durch Feedbackschleifen echter User Experience (zB durch Lektüre von User-Feedback und Support-Anfragen). Denn sie, die geschulte Intuition, ist das entscheidende Element für geschmackvolle und qualitativ hochwertige Arbeit – und nicht irgendein veralteter, abstrakter Prozess. Es ist die Intuition, die zu einem Prototypen führt, der ein Problem löst, von dem man nicht wusste, dass es es gibt. Und man weiß das nun, weil die Userinnen und User positiv darauf reagieren: „Warum war das nicht immer schon so?“ ist in meinen Augen die alles entscheidende Frage.
Oder anders: Wenn man schon einen Prozess benötigt, dann drehen wir ihn einfach um: Wir fangen mit dem Prototypen an. Der Prototyp, wenn er etwas bei Userinnen und Usern auslöst und gut ankommt – ein wichtiges Element in Jenny Wens Präsentation -, findet das Problem. Nochmal anders: Der Prototyp findet das Problem, indem er durch positive User-Reaktionen zeigt, was gefehlt hat. Diese Reaktionen validieren also sowohl das Problem als auch die Lösung. Personas und Journey Maps werden damit überflüssig.
Ein interessanter Zugang der Anthropic-Designerin, der auf veränderte Rahmenbedingungen reagiert: kleinere Teams, neue Rollenverteilungen, diverse Projektanforderungen – und die Verfügbarkeit von KI-Tools für schnelles Prototyping.
Der Zugang mag interessant sein, aber definitiv keine Generallösung, wie dieser Kommentar eines Users auf YouTube beweist.
This video is one of those examples where the person is trying to create hype without going deeper into technicalities, and a very Silicon Valley way of approaching things. Design is problem solving; it’s not just about creating the next big thing or next big ideas. There are so many problems and sometimes even life-threatening problems that design needs to solve and take into account for. It’s not as simple as trusting the process or not. We as designers have to be involved, think, and reflect on every stage of the design process. It’s not just about the outcome; outputs and inputs matter a lot as well.
@kyawdesign
Weder Jenny Wen noch der Kommentator erwähnen die privilegierte Position, aus der heraus die Anthropic- und vormalige Figma-Designerin spricht. Beide sind erfolgreiche, finanziell gut aufgestellte Silicon-Valley-Unternehmen mit Consumer-Produkten und schnellen Release-Zyklen. Sie können sich den Luxus, Fehler zu machen, leisten. Und gerade Anthropic kann es sich leisten, seine eigenen Produkte als Grundvoraussetzung für eine neue Art von Designprozess – als Infrastruktur, nämlich – einzusetzen; für Dritte stellt genau diese Abhängigkeit ein nicht zu unterschätzendes Risiko dar.
Ihr Zugang wäre deutlich spannender und herausfordernder, würde er einen Schritt weiter gehen und Beispiele aus Militär, Industrie, Maschinenbau oder – ganz allgemein – dem B2B-Bereich nennen, in dem man es sich eben nicht leisten kann, „einfach so“ mal etwas auszuprobieren, weil selbst ein aufs absolute Minimum reduzierter Prototyp bereits gewaltige Kosten verursachen könnte. Außer, natürlich man hat ein Pro Max Mega-Account für jeden einzelnen Arbeitsplatz bei Anthropic abonniert.