Raycast Hype-Maschinerie

Raycast ist ein hervorragender Launcher, der mit einer eleganten KI-Integration punkten konnte. Dann kam der selbst verursachte Hype um Version 2. Und die Enttäuschung.

Seit einiger Zeit schon nutze ich Raycast als Launcher und Utility-App auf meinem Mac. Als vor ein paar Jahren die Pro-Version veröffentlicht wurde, war ich begeistert. Praktisch jeder auf dem Mac ausführbare und tagtäglich genutzte Befehl war nur noch eine Tastenkombination (CMD ⌘ + Leertaste ␣) entfernt. KI war so gut in die App integriert, dass man sie schnell und mühelos ansprechen und mit ihr arbeiten konnte. Alles war stimmig. Alfred und LaunchBar wurden nach nur wenigen Stunden (!) mit Raycast für mich uninteressant.

Was mir aber an Raycast ganz besonders gut gefallen hat, war die Geschwindigkeit in der Entwicklung der App. Alle paar Wochen gab es kleine Updates, die die App immer wieder einen kleinen Schritt verbesserten. Dann kamen Versionen für iOS und Windows dazu, aber es ging weiter und weiter, ein Update folgte dem anderen. Bis dann eben keines mehr veröffentlicht wurde.

Im Februar 2026 hat Raycast dann dieses Video veröffentlicht:

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Die Wochen vergingen, der April war schon fast vorbei, das Versprechen musste eingelöst werden, wollte Raycast, das bislang zu seinem Wort gestanden hat, seine Glaubwürdigkeit nicht verlieren.

Zu dem Zeitpunkt findet man kein Wort über einen v2-Release im Raycast-Blog. (Übrigens auch heute nicht.) In den sozialen Medien haben die ersten Userinnen und User schon gefragt, was da los sei. Am 30. April 2026 veröffentlicht Raycast dann diesen Tweet:

It’s now the end of April and a lot of you are expecting the new Raycast to be publicly available for download. […] Many of you rely on it hundreds of times per day, so it’s really important that it’s as stable, performant, and delightful as it should be. For this reason we’re rolling it out in stages. We’ve already sent many invites and are continuing to send them as fast as we can, while we address any issues that come up while the new version is in beta.

Raycast

Moment: “is in beta”? Rollout “in stages”? Das klingt so gar nicht wie “das neue Raycast ist da”. Die Kommentare zu diesem Tweet sind durchwegs negativ. Nicht, weil man Raycast keine Zeit geben wollte, sondern weil man sich vonseiten Raycasts einer Hype-Maschinerie bedient hatte, die bei dieser ja doch irgendwie nerdigen Art von Software gar nicht gut kommt.

It’s good that my renewal date comes on May 12 — I’ll just cancel. The problem isn’t over-optimism; it’s that you’re trying too hard to hype the new version to people who are already paying you, and you don’t trust them enough to even let them switch update channels or choose for themselves.

Anton Volnuhin

Raycast hat auch einen Post auf Reddit veröffentlicht, in dem die Entwickler zum Verpassen der selbst gesetzten Deadline Stellung nehmen. Aber für mich macht dieser Post die ganze Sache nicht besser. Zu viel wird hier umgedeutet, zu viel entschuldigt. Das für Ende April angekündigte Release ist in Wirklichkeit nur ein schrittweiser Beta-Rollout? Come on! Man muss schon sehr gutgläubig und positiv gestimmt sein, um das immer und immer wieder vorgebrachte Statement, es ginge um Qualität, nicht als Ausrede zu betrachten.

We didn’t manage to deliver on our promise from the video. We apologise for that. […] Raycast v2 was always planned to roll out as a beta first. When we said “rolling out”, we meant that we had started sending invites to the beta in batches. We should have made that much clearer. […] So when we say “available for everyone to download”, we mean you’ll be able to manually download Raycast v2, migrate data from v1, and try it out. During that period, you’ll still be able to use both versions in parallel in case something doesn’t work as expected. […] Even with clear “this is a beta” communication, some users will understandably still judge it as the product experience. We’d rather take a bit more time and make sure most people get something we’re proud of.

pitnikola

Besonders unangenehm für Raycast ist aber, dass auch die großen KI-Anbieter mittlerweile Desktop-Apps anbieten. Sowohl Claude als auch OpenAI stellen Apps mit KI-Funktionen bereit. Das Hauptargument für das AI-Pro-Abonnement von Raycast ist damit hinfällig geworden. Außerdem hat macOS die Funktionen der Spotlight-App erweitert. Apps wie Raycast, Alfred oder LaunchBar sind somit wirklich nur noch in Detailfragen die bessere Lösung und müssen mit kontinuierlicher Verbesserung und neuen Ideen punkten, um bestehen zu können. Aber es passiert halt eben nichts.

Für mich ergibt sich aus all diesen Umständen ein ungutes Gefühl. Ich frage mich, wie sich die App entwickeln wird und ob sie mir noch nützt. Ähnliche Meinungen sehe ich auch anderswo:

Today I cancelled my AI subscription to raycast. This product had unbelievable advantage in terms of locality on my phone and laptop to provide me the best AI in day-to-day life experience. But somehow they manage to loose absolutely everything, not being able to deliver neither working chat, nor the integrations with anything. The only thing that I still use there is a quick shortcut for translations to different languages, and sometimes quick personal chats but I think I’ll figure it out without paying 150$+ per year.

Dmitriy Kovalenko

Wie es der Zufall so will, müsste auch ich mein Pro-Abonnement mit Advanced AI am kommenden Sonntag (10. Mai) verlängern. Noch bin ich geteilter Meinung, ob ich das vollumfänglich tun werde. Im guten Glauben: ja zu Raycast Pro. Aber ein “wahrscheinlich nicht” zu Advanced AI. Aber darum kümmere ich mich am Sonntag.

Aktualisierung an eben diesem Sonntag, 10. Mai 2026

Stefan war am Raycafé in Köln und resümiert durchaus positiv:

Das was ich heute gesehen habe, lässt mich – auch wenn es nicht der ganz große Wurf zu sein scheint, den man sich mitunter von der Nutzerbasis aus vorgestellt und von Raycast-Seite aus befeuert hat – positiv auf Raycasts Zukunft blicken.

eay.cc

Ich habe selbst auch nochmal nachgedacht und verlängere sowohl das Pro- als auch das Advanced AI-Abonnement. Pro aufgrund von Stefans Ausblick und das Advanced AI-Abonnement, weil ich faul bin. Raycast bietet mir einen einfachen Weg, Tasks mit einer Vielzahl von KI-Modellen diverser Anbieter ausführen zu lassen. Nachdem ich den ursprünglichen Beitrag zur Hype-Maschinere von Raycast online gestellt habe, habe ich mich selbst beobachtet und festgestellt, dass ich genau das, also die Möglichkeit, zwischen verschiedenen KI-Anbietern zu wechseln, erstaunlich oft nutze. Also: Auf ein weiteres Jahr mit Raycast!

2 Kommentare

  1. Wieder ein tolles Post, wozu ich später gern länger kommentieren möchte.

    Da du das aufgebohrte Spotlight erwähnst: Kannst du damit Nachrichten via iMessage an Telefonnummern schicken, oder werden die bei dir auch kaputtformatiert?

    • Ich nutze Spotlight praktisch gar nicht – gerade mal, wenn Raycast aus irgendwelchen Gründen nicht startet, um es zu starten. Bei mir fristet Spotlight ein bisschen ein Dasein wie auf Windows-Geräten früher der Internet Explorer: um Chrome zu laden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert