Starten wir mit einem im Spiegel zitierten Gesundheitspolitiker.
[Ein] Gesundheitspolitiker […] findet, die Bevölkerung gehe „verschwenderisch“ mit dem Gesundheitssystem um. Sparmöglichkeiten sieht er bei teuren Medikamenten für besonders Alte oder Kranke und meint auch seinen verstorbenen Vater. […] Die Bürgerinnen und Bürger würden „viel zu sehr das Gesundheitssystem in Anspruch nehmen“, [m]an gehe „verschwenderisch mit den wenigen Ressourcen, die wir haben“ um […]. „Es gibt einfach Phasen im Leben, wo man bestimmte Medikamente auch nicht mehr einfach so benutzen sollte“.
SPIEGEL.de
In der Talkshow, in der diese Sätze gefallen sind – Meinungsfreiheit – entsteht ein etwas differenzierteres Bild als jenes, das hier aufkommt, man solle die ganz Alten doch einfach sterben lassen. Dem Politiker geht es primär darum, und da ist man sich in der Diskussionsrunde auch einig, in der Bevölkerung ein viel stärkeres Bewusstsein über die entstehenden Kosten ihrer oftmals letzten Endes selbst herbeigeführten Krankheiten und Verletzungen zu bilden.
Wenn jemand übermäßig raucht, trinkt oder isst, sich aktiv Gefahren aussetzt oder am Silvesterabend die Feuerwerksrakete unbedingt mit der freien Hand abschießen muss, dann sollte dieser Person auch bewusst sein, dass die Lungenkrebstherapie, die Heilung der Folgeschäden übermäßigen Alkoholkonsums, die enormen Kosten für Fettleibigkeit oder die für den Krankenwagen, der in der Silvesternacht den Patienten mit der abgesprengten Hand zu einem hochspezialisierten Chirurgen bringt, gewaltig sind und in Wirklichkeit Kosten für das eigene Risiko an die Gemeinschaft abgewälzt werden. Es herrsche „Vollkasko-Mentalität“, meint einer der Diskussionsteilnehmer.
Das Thema mit den hochpreisigen Medikamenten für besonders Alte und Kranke richtet sich weniger an die Bewusstseinsbildung bei den Patientinnen und Patienten, sondern an die bei Pharmafirmen und medizinischem Personal. Wie geht man mit einer Person um, die gerade mal eine Lungenkrebstherapie überlebt hat und nach einer Zigarette fragt? Wie geht man mit einer knapp einhundertjährigen Person um, deren Heilungschancen bei bestenfalls 10 Prozent liegen und die, wenn geheilt, trotzdem nur noch wenige Wochen leben würde, aber die Kosten für die Möglichkeit dieser 10 Prozent die bisherigen Gesamtkosten aller medizinischen Behandlungen, die die Person je in Anspruch genommen hat, ums x-fache überschreiten?
Das sind alles sehr heikle Fragen, bei denen wir alle wohl gewissermaßen zustimmend und voller Verständnis mit dem Kopf nicken, gleichzeitig aber hoffen, nie in der Situation und darauf angewiesen zu sein. Und so ganz klar ist die Sache, die vor allem in der Prävention stark auf Eigenverantwortung setzt, auch nicht, denn wo genau ist die Grenze angesiedelt? Die Verantwortung über das eigene Leben und über die eigene Gesundheit bewegt sich hier nämlich schon stark in Richtung „Selbstoptimierung“. Das ist ein Zwang, der Eigenverantwortung zum Paradoxon macht: Wo liegt das Momentum der Eigenverantwortung, wenn ein Staat seine Bürgerinnen und Bürger dazu zwingen würde? So wird das Element des aktiven Tuns, der eigenen und freien Entscheidung, also, zunichte gemacht, und aus ihr wird ein aufoktroyierter Zwang. Und weiter: Was, wenn selbst bei größtem Willen die Selbstoptimierung gar nicht durchführbar ist, weil es die soziale Lage einer Person gar nicht ermöglicht? Darf man sich dann auf die Solidarität der anderen Mitglieder einer Gesellschaft stützen? Liegt nicht gerade darin das Konzept des sozial tätigen Staates? Oder greift man in so einem Fall lieber auf die Privatversicherung zurück und führt damit die Eigenverantwortung über in die Privatisierung eines sozialen Risikos?
Bleiben wir bei einem ganz simplen Schluss: Rauchen, Alkohol und Essen, aber in Maßen. Ein bisschen Sport, ein wenig Bewegung und einmal kurz nachdenken, ob es wirklich gleich in die Notaufnahme gehen muss oder ob ein Besuch beim nahegelegenen Arzt nicht auch reicht. Im Gegenzug kümmert sich die Politik darum, dass wir auch nur die Idee des Triagierens aber so ganz schnell wieder aus der Diskussion herausbekommen.