Waneella hat schon lange nichts mehr auf YouTube veröffentlicht. Seit dem letzten Video (No Sleep Again) sind ganze 8 Monate vergangen. Und dann das: Verzerrte Perspektiven, so viel Text wie schon lange nicht mehr (ABC, 0001, 24.6, Coffee, Bistro, Speed Dial), ungewöhnliche Farben, und sogar der Signature-Schriftzug fehlt. Der Soundtrack (von E. Sanchillo) irgendwo zwischen Bedrückung und Melancholie.
Sternschnuppen, am Horizont die wechselnde Beleuchtung eines Hochhauses. Die Szenerie wirkt kalt, fremd, fast klinisch. Wir blicken in einen Sonnenuntergang, doch liegen Schatten auf allem, was es zu sehen gibt. Die Stadt wirkt dichter, komplexer, chaotischer, die Attribute ihrer Infrastruktur treten wie Adern hervor. Alles, was wir sehen, ist Infrastruktur. Die Lebensadern der Stadt, die treffender als alles andere zeigen, wie kaputt sie eigentlich ist.
Ist das ein Neuanfang oder ein Abschied? Wo ist Waneella in diesem Bild? Wo ihre Signatur? Wo sind wir?
An einigen Ecken und Kanten betritt Natur dieses schmutzig-sterile Szenario. Sie versucht, zu überleben, doch der Beton, der Stahl, die Chemie… Waneella lässt sie nicht. Einige wenige Grashalme bekommen die Überreste des Tageslichts zu sehen. Die elektrische Beleuchtung übernimmt, was von dem Leben dort noch übrig ist. Menschen fehlen. Sie waren einmal da, die Flaschen und Becher beweisen das, aber sie sind lange fort.
Wie sind wir hier gelandet? Wie konnte es dazu kommen, dass wir genau jetzt genau hier stehen und auf eine leere Stadt schauen? Eine Stadt, in der wir alle leben, sie aber nicht als das sehen wollen, was sie ist? Nicht so sehen wollen. Vielleicht, weil wir nie wirklich hingeschaut haben. Weil wir Jahr für Jahr dieselben Versprechungen gehört, dieselben Pläne geschmiedet und dieselben Konferenzen besucht haben.
Waneella zeigt uns, wohin der Weg geht: Die Zahlen steigen (“0001 →”). Doch nichts bewegt sich wirklich. Wir rennen, erschöpft, atemlos, und bleiben doch an Ort und Stelle. Die Infrastruktur wuchert weiter, die Hochhäuser blinken ihre Codes in die Nacht, “Speed Dial” verspricht Verbindung, doch niemand, nicht einmal KI, hebt ab. Das “Bistro” hat geschlossen, der Betreiber hat nicht einmal das Licht abgedreht. Die Lebenserhaltung dieses Lokals erfüllt bedeutungslos ihren Sinn. Die Sternschnuppen fallen, aber wir wünschen uns nichts. Nicht aus Resignation, sondern weil wir gelernt haben, dass Glaube ans Wünschen kindisch ist. Die Architektur des Stillstands lässt soetwas nicht zu.
Jedes Jahr ein neuer Sonnenuntergang über derselben Stadt. Jedes Jahr ein bisschen dichter, ein bisschen fremder, ein bisschen mehr Schatten. Die Ohnmacht wächst mit jedem Zyklus. Die Probleme sind überall, doch die Häuser sind leer. Wo sind all die Menschen? Wo sind sie? Hat die Stadt, hat die Infrastruktur sie einfach verschluckt?
Wer soll diese gewaltigen und komplexen Systeme noch ändern? Wer ist überhaupt dazu in der Lage? Die Grashalme kämpfen zwar, aber der Beton gewinnt immer. Das ist keine Metapher, sondern eine Bestandsaufnahme. Wir schieben jeden Tag denselben Stein den Berg hinauf und rechtfertigen diese Meetings, Versprechen und Pläne mit der Möglichkeit eines besseren Lebens für uns oder die unsrigen; und jeden Abend rollt er zurück. Wir hören förmlich das “Ding!” der Schreibmaschine am Ende der Zeile, bevor wir sie wieder an den Anfang führen, während das Ende des Blatts unaufhörlich auf uns zukommt. Aufstehen, Essen, Arbeiten, Ding! Montag bis Freitag, Jahr für Jahr. Ding! Die Zahlen steigen, die Infrastruktur wächst, aber der Berg bleibt derselbe. Wir haben nicht einmal mehr die Kraft, uns Glück vorzustellen.
Vielleicht ist das Fehlen der Signatur Waneellas ehrlichste Aussage. Selbst sie will sich nicht mit diesem Bild identifizieren. Es ist nicht ihr Werk. Es ist unseres. Wir sind es, die diese Stadt gebaut haben, diese Lähmung kultiviert, diesen Stillstand perfektioniert. Die Hölle ist keine Bestrafung von außen. Sie ist diese leere Stadt, die wir selbst errichtet haben. Wir haben uns eingeschlossen, die Tür verriegelt, den Schlüssel weggeworfen. Nicht aus Zwang, sondern aus Bequemlichkeit. Der umzäunte Garten war wenigstens noch bewacht. Hier gibt es nicht einmal mehr Wächter. Nur Infrastruktur, die sich selbst erhält.
Und während wir zusehen, wie die Beleuchtung des Hochhauses ihre Farben wechselt, verstehen wir: Es ist kein Fortschritt. Es ist nur ein Loop. Ein endloser, melancholischer Loop, in dem wir gefangen sind. Wir scrollen, liken und kommentieren unsere Sehnsucht auf Plattformen, die der Werbung gehören, die uns die Fortsetzung eines Zustands verkaufen will, den wir verabscheuen. Wir leben nicht das eigene Leben, sondern folgen den Algorithmen, die uns vorgeben, was Freiheit bedeutet.
Die Ironie daran: Freiheit ist der abgeschlossene Fitnessring auf der Apple Watch. Freiheit ist der grüne Bereich im Kalorientracker. Freiheit ist das blaue Häkchen bei “genug getrunken”. Freiheit ist, was ChatGPT einem sagt, dass Freiheit ist.
A lot of my prophecies about the alienated society are going to come true. Everybody’s going to be starring in their own porno films as extensions of the polaroid camera. Electronic aids, particularly domestic computers, will help the inner migration, the opting out of reality. Reality is no longer going to be the stuff out there, but the stuff inside your head. It’s going to be commercial and nasty at the same time, like “Rite of Spring” in Disney’s Fantasia. Our internal devils may destroy and renew us through the technological overload we’ve invoked.
J.G. Ballard
Einst war diese Freiheit eine Sehnsucht nach dem Strand, nach Flucht, nach einem Leben außerhalb unserer Devices. Hier gibt es nicht einmal mehr das. Hier ist nur noch die Infrastruktur, die wuchert. Uns wurde nicht nur die Freiheit genommen, sondern die Fähigkeit, ihre Abwesenheit zu betrauern. Die Zeit vergeht, die Schatten werden länger, und wir stellen fest, dass wir der letzten Freude unserer Kindheit den Gnadenschuss erweisen mussten: Es bringt nichts, wenn wir uns etwas wünschen, wenn Sternschnuppen fallen. Nicht, weil Wünsche nicht wahr werden können, sondern weil wir vergessen haben, wer wir ohne unsere Ketten sind.
Unsere Freiheit ist die Freiheit, den Stecker zu ziehen. Uns von der Infrastruktur abzukoppeln. Das letzte Geräusch, das wir wahrnehmen werden, ist nicht der Speer, der die Rüstung durchdringt, das Bersten der Frontscheibe oder sonst ein Ereignis, das zumindest auf einen Abgang außerhalb der alltäglichen Langeweile hindeutet. Nein, das letzte Geräusch wird das laute Piepsen eines Automaten sein, der das Leben erzwingt und nach der Krankenschwester ruft.
Neuanfang oder Abschied? Wo sind wir? Die Antwort auf diese Fragen ist dieselbe.