Websites sollten das Produkt erfahrbar machen. Wirklich?

Ich folge Felix Haas' These, die Website sollte das Produkt erfahrbar machen, und überlege mir, wie ich mein Schnitzel online bringen kann.

Felix Haas meint, Websites, wie wir sie kennen, würden bald schon obsolet werden, wenn sie ihren Zugang zur Kundenakquise nicht ändern. Um zu überleben, sollten sie das Produkt sofort erfahrbar machen. Oder besser noch: das Produkt sein. Eine äußerst spannende These, der ich einiges abgewinnen kann. Aber ich frage mich auch, wie das für einen Installateursbetrieb, eine Anwaltskanzlei, einen Friseurladen oder ein Restaurant funktionieren soll.

Websites were marketing billboards […] But in the age of AI, that’s no longer good enough. […] If [people] don’t see value in the first five seconds, they’re gone. They […] want to experience it. […] You land on the page […] The product is right there, live and interactive. You start using it immediately and see real value in seconds. […] Letting users explore your product immediately builds infinitely more trust than any hero section ever could. […] My prediction is that every company will eventually transform their website into an “agent hub.” […] The best websites won’t explain what they do. They’ll just do it.

Felix Haas

Bei “Websites” wie Google oder Lovable (Felix Haas’ Baby), also Unternehmen, deren Produkt online sofort nutzbar ist, kann ich mir so einen Zugang vorstellen. Aber was machen Installateure, Elektriker, Friseure, Steuerberater, Anwälte, Ärzte und alle anderen Berufsgruppen, deren Leistung auf persönlichem Kontakt oder dem Etablieren gegenseitigen Vertrauens basiert? Wer einen Steuerberater sucht, will keine “live experience”, sondern persönlichen Kontakt, Kompetenz und Vertrauen. Wer ein Restaurant sucht, kann die Speisen ohnehin nicht online probieren. Eine Website muss Expertise vermitteln und nicht Entertainment im Sinne einer Kostprobe des Produkts bieten. Ich glaube, Felix Haas unterliegt mit seiner Aussage einem kleinen Denkfehler: Er projiziert seine von Technologie und Software geprägten Vorstellungen auf alle Branchen. Solutionismus par excellence.

Felix Haas arbeitet für Lovable, ein SaaS-Unternehmen, das es allen ermöglicht, Apps mithilfe von KI zu erstellen. Auf der eigenen Website kann das Unternehmen Felix Haas’ These hervorragend umsetzen, ja sie ist hier geradezu das begründende Element: Die Website ist das Produkt. Durch diese Vereinigung von Marketinginstrument und Produkt, auch das erwähnt er zur Genüge in seinem Artikel, ist der Höhenflug von Lovable gelungen. Und das sei der ultimative Beweis für seine These, die eine Verallgemeinerung und eine Ableitung in ein Konzept rechtfertigt. Ein Konzept, das man natürlich problemlos vom App-Baukasten auf den Einbau von Wärmepumpen und den Geschmack eines Schnitzels übertragen kann. Ist das nun Confirmation-, Selection- oder Survivor-Bias, frage ich mich?

Sollte man nun Felix Haas’ Meinung folgen und sich sofort ans Werk machen, seine Website umzubauen? Ich bleibe skeptisch. Die IT-Branche und besonders KI-Anbieter neigen dazu, Lösungen zu verallgemeinern: In an age of AI werden viele, die Felix Haas beim Wort nehmen, versuchen, ihr Angebot irgendwie online verfügbar zu machen. Egal, ob das sinnvoll ist oder nicht. Mit KI geht das ja. Sie macht zumindest den Versuch möglich und hält den Aufwand niedrig1. Am allerbesten geht das übrigens bei Lovable, da kann man es ja gleich ausprobieren, wie Felix Haas uns mitteilt.

Aber bleiben wir am Boden (und lassen das Schnitzel in der Pfanne). Nur weil eine Technologie etwas möglich macht, bedeutet das nicht, dass man diese Möglichkeit auch nutzen muss. Auch wenn das diejenigen, die uns die Technologie verkaufen wollen, gerne so hätten. Guten Appetit!

  1. Genau hier schließt sich der Kreis: Tools wie Lovable ermöglichen es Menschen, Software zu erstellen, die sie nicht verstehen. Mit allen Konsequenzen. ↩︎

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