Wo finden lassen?

Dedizierte KI-Tools bewirtschaften nur einen kleinen Teil des Suchvolumens im Web, auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen. Doch der Umbruch findet trotzdem statt: Aus Suchen wird Finden-Lassen, aus aktiver Recherche passives Vertrauen. Solange das Ergebnis plausibel klingt, ist es offenbar okay.

Auch wenn wir es nicht glauben wollen, so ganz – diese Einordnung ist angesichts der gewaltigen Zahlen als ironisch zu betrachten – ist Google von ausschließlich auf KI basierenden Such- und Recherchesystemen noch nicht verdrängt.

Verteilung des Suchvolumens in einer – zugegebenermaßen sehr kleinen – Stichprobe US-amerikanischer Websites.

Suchen im Web finden überall statt, aber noch schlägt Google sie alle. In Zahlen bedeutet das:

  1. Mehr als 80% der Suchen finden auf traditionellen Suchmaschinen (Google, Yahoo, Bing, Yandex, DuckDuckGo usw.) statt.
  2. Knapp 10% der Suchen finden direkt bei E-Commerce-Plattformen wie Amazon oder eBay statt.
  3. In sozialen Netzwerken wie YouTube, Instagram oder TikTok werden etwas über 5% der Suchen durchgeführt.
  4. AI-Tools wie ChatGPT, Claude, Deepseek usw. bekommen knappe 4% des Suchvolumens ab.

In Europa sieht es nicht viel anders aus. Google kommt hier auf einen überwältigenden Marktanteil von knapp 80%, ChatGPT knapp 4%, Amazon, YouTube und Bing warten als die drei nächsten Größen auf, aber alle um oder (teils weit) unter 5% Suchanteil.

Verteilung des Suchvolumens an einem noch kleineren Sample europäischer Websites.

Was sagen uns diese Zahlen? Während die Fachwelt (also die lauten Stimmen auf Mastodon, auf Twitter oder entsprechende Blogs) Googles Untergang nicht nur prophezeiht, sondern ihn bereits als gegeben ansieht, reicht ein Blick auf die Zahlen, um diese These zu widerlegen. ChatGPT, Perplexity, Claude und wie sie alle heißen, scheinen als Ergänzung, nicht aber als Ersatz zu dienen. (Ganz abgesehen davon fährt Google mit Gemini ja selbst auch mit ordentlichen Kalibern auf, um relevant zu bleiben. Und das gelingt dem Unternehmen auch erstaunlich gut. Trotz miserabler Suchergebnisse.)

In anderen Worten: Wir wandern noch nicht massenhaft zu KI-Tools ab, aber wir verändern unser Verhalten innerhalb der 80%, die Google beherrscht. Die Konkurrenz – ChatGPT, Perplexity, Claude usw. – ist für Google nicht das Problem. Das Problem liegt darin, dass wir unsere Art zu suchen langsam verändern: Anstatt Websites zu suchen, die Informationen bereitstellen, gewöhnen wir uns an synthetisierte Antworten mit aus diesen Websites extrahierten Informations-Nuggets, die für uns aufbereitet werden. Die Quellen sind in Fußnoten verlinkt; das macht den Klick auf die Quelle zwar möglich, faktisch aber unnötig.

Suchen wird zu einem Finden-Lassen. Die 4% des Suchvolumens, die gegenwärtig an KI fallen, sind nur der Anfang, obgleich diese 4% selbst wiederum infrage gestellt werden müssen. Im Artikel auf Sparktoro erwähnt Rand Fishkin einen interessanten Nebengedanken und verweist auf eine Schwäche des (für die oben gezeigten Grafiken) genutzten Quellmaterials.

Many visitors to commonly-searched platforms… don’t search at all. […] Almost everyone who visits Google searches on Google. […] Only ~half of visitors to eBay and ChatGPT search/prompt at all. Why? […] Many ChatGPT visitors only see chats that others have shared with them; they’re not entering their own prompts. […] It’s another reminder to be wary of using visits as a proxy for usage […] Visits and prompts are two different things, and if you’re looking at data on traffic-based popularity rather than prompt quantity, you’ll likely be misled.

Rand Fishkin

Diesen Hinweis – Menschen werden auf generierte Ergebnisse der Recherchen anderer auf den großen KI-Plattformen gelenkt, nutzen sie aber nicht aktiv – habe ich nie so richtig verstanden, weil ich mich immer schon gefragt habe, was man denn sonst auf einem für die Interaktion optimierten Interface tun kann. Aber ich bemerke, auch zum Beispiel hier in meiner Kommentarspalte, dass direkte Verweise auf KI-generierte Recherchen immer häufiger werden und bei einigen mittlerweile Usus sind. Niemand wäre noch vor einigen Jahren darauf gekommen, auf eine Google-Suchergebnisseite zu verlinken (es sei denn, dieser Inhalt wäre das eigentliche Thema), aber bei KI ist das offenbar egal, man glaubt ganz fest an die Qualität des Ergebnisses und geht – oft ohne Quellenprüfung – von ihrere absoluten Richtigkeit aus.

Wir, die wir die Zeit vor KI erlebt haben, verfügen noch über das Wissen um die zwar schrumpfende, aber doch noch vorhandene und nicht selten manifeste Fehlbarkeit von KI in unseren Köpfen. Der Anteil derer, die das nicht haben – aus Unwissenheit oder der eigenen Jugend zu verdanken – steigt rapide an. Und damit weitet sich auch das eigentliche Problem aus: Wir schenken einer Black Box blindes Vertrauen und verlassen uns auf die generierten Antworten eines Algorithmus. Klar ist auch heute schon: Niemand prüft die Quellen, die in Fußnoten aufgelistet werden.

I’m feeling lucky.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert