Sarah Wynn-Williams hat in ihren Memoiren über ihre Arbeit bei Facebook („Careless People“) Dinge beschrieben, die dem Konzern so gar nicht gefallen. Daraufhin hat Meta ihr über die üblichen rechtlichen Waffen (samt existenzgefährdeten Konsequenzen bei Missachtung) alles verboten, was das Buch promoten könnte. Wie konnte die Autorin dennoch auf einem Festival auftreten, auf dem das verbotene Buch diskutiert wurde? Es war ein starker Auftritt, eine wort- und regungslose Aktion, die umso mehr bewirkt hat.
Wynn-Williams […] sat on stage for the duration of the hour-long discussion between Cadwalladr and Wu, without speaking or responding. She was unable even to nod or shake her head. [The] former Facebook executive has faced mounting legal restrictions since the publication last year of Careless People, which contains allegations about Meta’s internal culture and decision-making, including claims relating to political influence, the company’s approach to China and concerns about the wellbeing of its child users.
The Guardian
„Careless People“ wurde im Guardian etliche Male rezensiert und der Fall, den Meta daraus gemacht hat, ebenso. Aber was macht das Buch so gefährlich, dass Meta Anwälte drauf ansetzt? Ich denke, es liegt an der anekdotischen Erzählform, die weit stärker wirkt als ein sachlicher Bericht. Wer liest, wie Person A reagiert hat, warum Person B geschwiegen und Person C weggeschaut hat, wie der Raum der Szene ausgesehen und welchen Ausgang sie genommen hat, erlebt die Darstellung. Anekdoten schaffen Bilder. Und Bilder bleiben im Gedächtnis.
Wer beispielsweise Mark Zuckerberg bisher als Genie sah, dem es wundersam und beneidenswert gelang, innerhalb weniger Jahre einen Megakonzern aufzubauen, wird nach mehreren Anekdoten vielleicht anders über ihn denken. Mehr Fragen haben. An der Genialität zweifeln, genauer hinsehen und womöglich zur Erkenntnis kommen, dass sie eigentlich ein Zirkelschluss ist: Er ist erfolgreich, also muss er ein Genie sein. Aber vielleicht war nicht das Genie das Movens im Aufstieg des Unternehmens, sondern eine glückliche Fügung aus richtiger Zeit, richtigem Ort und günstigen Marktbedingungen. Vielleicht war es einfach nur Glück.
Und so erfüllt die Anekdote ihre Funktion: Zweifel aufkommen lassen.
Zuckerberg, in short, turns out to be a giant man-baby suffering from a severe case of the Dunning-Kruger effect, whereby people overestimate their own cognitive abilities. His colleagues obsequiously let him win at board games. He calls politicians unfriendly to Facebook “adversaries” and instructs his team to apply pressure to “pull them over to our side”. He blames his assistants when he forgets his own passport.
The Guardian
Metas PR-Abteilung nennt das Buch einen „mix of out-of-date and previously reported claims about the company and false accusations about our executives“ (The Guardian). Gleichzeitig verbieten die Metajuristen der Autorin aber darüber zu sprechen. Stellungnahmen gibt es, soweit ich weiß, keine dazu.
Hat sich irgendwer bemüht, die Anekdoten zu widerlegen oder richtig zu stellen? Nein. Meta nimmt sogar den Streisand-Effekt in Kauf, was für mich darauf hindeutet, dass die ganze Sache weniger ein Konzernthema ist, sondern mehr nach persönlichem Rachefeldzug aussieht. Hier fühlt sich jemand angesprochen. Hier will jemand jemanden bluten sehen. Alles andere ist egal. Einen stärkeren Beweis für die Anekdoten kann es gar nicht geben.
Mehr muss man nicht wissen. Lesen. Wort- und regungslos dasitzen. Und im Stillen nicken.