Žižek in der Vogue Adria

Ein Interview mit Slavoj Žižek in der Vogue Adria endet in einem deprimierenden Blogbeitrag. Aber ihr wollt das so!

In der Vogue Adria ist ein Interview mit Slavoj Žižek erschienen. Diesen Long Read zusammenzufassen lässt sich nicht machen. (Kommentieren aber schon.) Der slowenische Philosoph mit einem Faible für Popkultur, vulgäre Witze und Hegel spricht über Kapitalismus und Konsum, über die politische Landschaft in Europa, über eine Vision für eine neue Linke und über die globalen Herausforderungen Ökologie, Künstliche Intelligenz und gesellschaftliche Instabilität. Alle drei tragen zu einem wenig hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft bei. Das hat Auswirkungen – vor allem bei jungen Menschen.

Even if the cause of dissatisfaction lies in poverty, it is not just poverty, but […] being invisible and socially unrecognized. […] Even if you are poor, it is not only about I will starve, but that you are not treated as a human being. […] People do not live by bread alone, especially when they truly have nothing else. It is precisely then that you want dignity. […] I always quote Gramsci when he says “the old is dying and the new cannot be born,” in that interregnum arise what he calls phenomena morbosi. […] What traditional Marxists did not understand is that capitalism is collapsing, but nothing better is in sight to replace it. It is simply collapsing, and in that interim you have Trump and other horrors. […] If you look at the tendencies of the world today, we are heading into chaos, where we have no answers to three major challenges: ecology, AI, and the possibility of wars.

Slavoj Žižek

Diese “krankhaften Phänomene” des Übergangs können wir überall beobachten. Wenn wir genau hinsehen, erkennen wir die Unsichtbarkeit, von der Žižek spricht, in der Hoffnungslosigkeit einer ganzen Generation. Sie glaubt nicht mehr an die Versprechen von Staat und Gesellschaft. Ihr wurde die Würde genommen, ein normales Leben führen zu können, das sich auf die Kausalität von Arbeitsaufwand und Wohlstand stützen kann. Denn diese Kausalität gibt es nicht mehr; und niemand kümmert sich mehr darum, sie wiederherzustellen.

Der Staat, also die einzige Institution, die es in ihrer DNA codiert haben sollte, den sozialen Aufstieg derer zu ermöglichen, die nicht über Erbschaften und andere finanzielle Mittel verfügen, sich den Aufstieg zu kaufen, ist nicht mehr in der Lage, diese Funktion zu erfüllen. Darauf zu hoffen ist so weit weg von der alltäglichen Erfahrung einer Generation, dass sie den Staat bereits ohne diese Funktion denkt. Somit wird er, der zumindest in westlichen Demokratien als Garant eines guten Lebens konzipiert wurde, als Last (und nicht als Enabler) wahrgenommen und kontinuierlich infrage gestellt. Denn was, außer Steuern einheben, bringt der Staat mir? Warum dann sollte ich mich um sein Wohlergehen kümmern? Diese Fragen können wir links und rechts sehen. Die Erklärungs- und Begründungsmuster sind andere, aber die Fragen dieselben.

Wer an die Funktion des Staates glaubt, das Leben seiner Bevölkerung verbessern zu können, will das Wohlergehen dieses Staates sicherstellen. So jemand rebelliert, wenn der Staat diese Funktion nicht erfüllt. Rebellionen haben nicht das Ziel, den Staat als solchen zu stürzen oder infrage zu stellen. Sie wollen sich seiner gegenwärtigen, krankhaften Ausformung entledigen, die dazu führt, dass er seine Aufgaben nicht mehr erfüllen kann. Zumindest war das 1968 so. Heute ist es deutlich problematischer: Die Hoffnungslosigkeit führt nicht zur Rebellion einer Gesellschaft mit dem Ziel, das System – den Staat, also – wiederzubeleben. Er wird herangezogen und benutzt, um als Leinwand für individuelle Erfolge Einzelner herhalten zu können. Letztens erst im Marketingversprechen “make America great again”, das mit Abwandlungen “Europe”, “Austria” usw. langweilig über den Planeten widerhallt. Das Problem dabei ist – niemand weiß, was dieses America, dieses Europe, dieses Austria eigentlich ist!

Also ziehen sich die Individuen zurück. Sie sprechen dem System die Möglichkeit ab, irgendetwas verbessern zu können, ja, sie denken den Staat nicht einmal mehr als den zentralen (und einzigen) Ort, der Verbesserung bringen könnte. Diese Generation hat zwar den Wunsch nach Verbesserung, ihr fehlt aber der Adressat. Aus ihrer Not wird Resignation und Gleichgültigkeit. Das Vorhaben, die Dinge für alle besser zu machen, mündet in der Frage: Wofür das Ganze?

Die Kraft zum Handeln bringt nur auf, wer an Verbesserung und Erfolg glaubt. Und wer daran glaubt, dass der Staat vermittels der Demokratie der Ort ist, an dem Veränderung beginnt und etwas bewirken kann. Wer das nicht tut und “Demokratie”, “Staat”, “Politik” und andere Begriffe mehr als Worthülsen, als leere Marketingversprechen, als Rechtfertigungsklauseln einer den Staatsapparat beherrschenden Clique sieht, bemüht sich nicht, diesen Staat aufrechtzuerhalten. So stirbt er in den Köpfen der Menschen, während sie regelmäßig ihre Steuern zahlen. Immer mit der Frage im Hinterkopf: Wofür das Ganze?

Wie geht er zugrunde? Nicht durch Revolution, sondern durch den stillen Rückzug seiner Bevölkerung. Ihre Totenstarre, ein phenomenon morbosum, ist bereits sichtbar. Sie ist gleichzeitig Resignation, Kapitulation und Distanzierung als Selbstschutz. Žižek glaubt nicht an ein Erwachen aus dieser Starre. Die Situation ist zu verfahren. So verfahren, dass sogar er, Žižek, Sloterdijk heranziehen muss.

I do not believe the people will awaken. It happens a bit where you are, a bit somewhere else. But you know what […] Sloterdijk says? […] He says, okay, we are thrown together into global capitalism, but what if the problem is not that we do not understand each other and need to connect more, but precisely that we have not developed distance? I do not want to understand everyone, I want a world where I live and let others live. […] You have a neighbor, establish some order, with basic respect, and do not intrude into him nor let him intrude into you.

Slavoj Žižek

Sloterdijks “live and let live” ist keine Hoffnung, sondern die Kapitulation vor der Hoffnungslosigkeit. Die Distanz als letzte Strategie in einer Welt ohne gemeinsame Zukunft.

Meine Güte, wie deprimierend kann ein Blogbeitrag, der lediglich auf ein Interview mit Slavoj Žižek in der Vogue Adria hinweisen soll, eigentlich noch werden?!

We finished the conversation, and I stayed to download Project Hail Mary (which I watched that same evening) and to think about Pluribus and whether the one who understands the game but bends it to his own benefit truly achieves the most, but also about the freedom we are truly cursed with. I was given carte blanche at the very beginning of our conversation, to be a “Stalin with a human face” and do with his answers whatever I wished, censor all or none of the “nonsense.” I lower the screen and hope I did well.

Teodora Jeremić

An diesem Absatz erkennt man, mit wem Jeremić gesprochen hat. Der Artikel hat mich auf die Interviewerin Teodora Jeremić aufmerksam gemacht, die übrigens (nicht nur in der Vogue) interessante Themen abdeckt.

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