Nimbuistische Aktualisierung

Nimbus4DM hat es endlich getan: Textron.org wurde um den Eintrag „Nimbus4DM beim Zivildienst“ aktualisiert. Der Meister gibt preis, womit er sich den ganzen Tag beschäftigt, bzw. womit er den ganzen – oder, wenn’s nach Nimbus geht: den halben – Tag beschäftigt wird. Wie der Job auch immer sein mag – so oft und so regelmäßig war ich noch nie beim Chinesen.

Spam-Killer

Wie der Standard in seiner heutigen Ausgabe berichtet, werden US-Bürger doch noch Vorbilder für Europäer, Asiaten und alle anderen Mitglieder der Menschengemeinschaft: Berichtet wird über einen Amerikaner, der, genervt vom täglichen Spam-Müll in seinem Posteingang ganz einfach den Spieß auf seine Art und Weise umgedreht hat. Brooker, so sein Name, hat der Spam versendenden Firma ganz einfach gedroht, ihr „ein Paket voll mit Anthrax-Sporen“ zu schicken. Außerdem habe er einem Angestellten gedroht, ihn mit Hilfe einer Kugel zu entmannen, ihn mit einer Bohrmaschine und einem Eispickel zu malträtieren und im übrigen die Angestellten des ungenannten Internet-Providers zu kastrieren, bis sie ihn endlich von ihrer Email-Liste streichen würden.

Sonntagsarabesken #8

Die Alte Welt ist hinter dem Horizont verschwunden. Der Ozean umgibt uns. Noch leben wir. Wie lange noch? Die Unbescheidenheit trieb uns hinaus aufs Meer, angelockt von flackernden Lichtern am Rand der sichtbaren Welt. Kleine Glühwürmchen in einer stürmischen Nacht, fast verlöschend, dann wieder hoch empor lodernd, geisterhafte Flammen im Nichts. Abreise in das gefährlich Ungewisse. Dennoch: Man braucht sich nur über die Reling des Schiffes zu beugen und im schwarzen, zerfurchten Wasser die eigene fahle Gesichtsscheibe beim Zerrinnen beobachten. In solchen Momenten ist man nicht alleine. Spiegelbilder, vor allem die verzerrten, sind stumme Boten einer anderen Wirklichkeit, der es an Aufregung und Ängsten fehlt (deshalb lockt sie singend die Barken an ihr Felsenriff), die stets möglich und doch für immer von uns getrennt sein wird. Wie die Leuchtfeuer am anderen Ende des Meeres, von denen wir beim Aufbruch auch nicht wußten, ob wir sie nur geträumt oder tatsächlich gesehen hatten. Wie die Inseln irgendwo da draußen und die ineinander verkeilten Eisscholen der nördlichen See, von denen wir so oft hörten in den kühlen Patios von Salamanca, während die Orangenbäume blühten. Wie das Lächeln der Frauen, deren Körper wir hitzig besitzen wollen, deren unverstehbare Gelassenheit uns zugleich aber wahnsinnig werden läßt. – Über all diese Gedanken ragen Schatten der Vergangenheit (ein Gebirge, aus dem man geflohen ist, an den Strand gelaufen, mit fliegenden Haaren und rasselndem Atem, der hoch getürmten Felswüste scheinbar entkommen – doch plötzlich liegt mit eisiger Kälte der Schatten, das lichtlose Ungeheuer über meinen Schultern), es sind mächtige Bilder, die einander ablösen und ergänzen und schließlich aufheben. Farbige Bilder, gewölbt wie Regenbögen und beinahe genauso schillernd. Das Gesicht eines Mädchens mischt sich mit meinem Gesicht im Wasserspiegel, ich weiß nicht, wo die blassen Farben enden, wo das Fleisch beginnt, alles fließt ineinander und hebt sich doch untereinander ganz deutlich ab (scharfe Konturen, im Mondlicht?). Das Mädchen, ja, das Mädchen, Grund für den Aufbruch, Anlaß für die Ängste und Schmerzen, Auslöserin für die Besinnung und die Liebe, die beiden einzigen Dinge, die eine Fahrt ins Nirgendwo nicht absurd erscheinen lassen. Gesicht in Gesicht verschmolzen, das Schiff wiegt sich im sanften Seegang, und die Feuer am Horizont peitschen mit blauer Flamme über die Bäuche der Nachtwolken. Ich liebe. Nach wie vor.

Go Wok

Ich habe mich heute in das neu eröffnete Wok-Restaurant „Go Wok“ begeben und mich an einem Cola, einer Veg Roll (auszusprechen „wegroll“) und einem Lemon Grass Chicken (Hühnerbrust gegrillt, mit Karotten, grünem Paprika und Pfefferoni, im Wok gebraten. Bestreut mit Zitronengras, Chili-Schoten, Knoblauch und Minze. Mit Reis.) erfreut. An sich bin ich mit den Speisen zufrieden gewesen, nur ein Hinweis sei dem werten Leser auf den Besuch in diesem Lokal mitgegeben: Die Speisen schwimmen teilweise in einer äußerst wässrigen Sauce. Fällt einem also das Lemon-Grass-Henderl auf den Teller weil man sich gerade an der ultrascharfen Chilischote die Zunge verbrennt, dann spritzt es nicht nur auf Anzug und Krawatte, sondern bekleckert auch die nette Begleitung!

Sonntagsarabesken #7

Auf einer fernen Insel sitzt das Grauen und leckt sich die Lippen. Ihr wollt wissen wie es aussieht? Ob es tatsächlich blaue Fingernägel und aschgraue Wimpern hat, und ob sein dreifach flammender Drachenschwanz wirklich mit giftig goldenen Schuppen geschmückt ist? Nun, ich weiß es nicht. Ehrlich gesagt, nicht einmal die Gestalt der besagten Insel kann ich hinlänglich beschreiben. Durch das große Fernrohr (kunstvoll geschliffene Linsen im kupfernen Gehäuse) scheint sie einmal winzig, nierenförmig und von Palmen bedeckt, dann wieder als gewaltiger schroffer Felsen, an dem sich die Wellen schaumig brechen; beim dritten Hinsehen ist sie schließlich dicht von Wolken und Nebelschwaden umgeben, und nur ein Feuerschein am Horizont kündet von dem vulkanischen Toben, das ihr Herz erschüttert. Weder die Insel noch das Grauen können also von mir mit Worten geschildert werden. Ich bin machtlos vor dem Schweigen einer im Dunklen nagenden Ungewißheit; weit entfernt, und doch mitten in meinem Magen, dort hat sich das Grauen eingenistet, auf seiner geheimnisvollen Insel. Alles hat sich in den Handstand begeben, langsam und so behutsam, dass mir die Umkehrung erst jetzt so richtig bewußt geworden ist. Wie eine plötzliche Übelkeit fühlt sie sich an, die Erkenntnis nämlich, dass jede einzelne Entscheidung zu jeder Zeit gleichzeitig richtig und falsch sein kann. Das ist meine derzeitige Verfassung. Eine einzige Note in dieser großen, großartigen und schrecklichen (grauenvollen) Melodie leicht verfehlt, falsch angesetzt, und die Linie verändert sich; die Lebenslinie, in diesem Fall. Deshalb ist das Grauen so zufrieden auf seiner entlegenen Insel (im Ozean der Verzweiflung). Es hört die wunderbarste Horrormusik, die auf Erden vorstellbar ist, das Säuseln und Singen unendlich vieler Existenzmöglichkeiten, die nie Wirklichkeit geworden sind und derentwegen sich die lächerlichen Menschenwürmer ihr Leben lang die Köpfe zermartern. Ein Festkonzert der Verzweiflung dringt an die Gestade der fernen Insel, übertönt das Rauschen der Brandung, das Donnern des Vulkans, die Vogelstimmen des Dschungels. In meinem Fall hat eine unbedachte Hand die Partitur geschrieben; die Finger einer wunderschönen, aber mir völlig emotionslos gegenüber stehenden Künstlerin haben die Feder geführt; und die Tintenkleckse, die mir so durch das Herz geschnitten sind, fügten sich zu einem fremden Liebeslied. Und die Insel verschwindet im Nebel…

Finanzielle Freiheit

Das eigene Verdienst ist der erste Schritt zur Unabhängigkeit. Manche arbeiten bereits in der Schulzeit, andere fangen in der Studienzeit an, aber eigentlich weigert sich niemand, bis auf einige Idealisten, prinzipiell, zu arbeiten. Es gibt allerdings Ausnahmen. Es gibt ein weibliches Wesen in meinem nähesten Umfeld, dass sich dauer- und standhaft weigert zu arbeiten. Es lässt sich aus falschem Stolz keine Order erteilen, es will sich aus absoluter Egomanie nicht unterwerfen. Beziehungsunfähigkeit ist klarerweise damit einhergehend, Verliebtheit bezieht sich auf infantile Wunschvorstellungen. Das kindliche Dagegensein und das ewige Wider machen es ihr allerdings umso schwerer, denn die so lang ersehnte und oft proklamierte Unabhängigkeit wird ein Wunschtraum bleiben – unter dem Joch der Eltern.

Kritik des aktuellen Zynismus

Cynism

Frage ich mich heute tatsächlich nach der Substanz oder gar nach der „Wahrheit“ unserer Zeit? Ja. Ich frage mich, welcher Zug diesen Raum, den ich mit meiner Existenz auszufüllen glaube, charakterisiert, welche Eigentümlichkeiten er aufweist und welche Probleme immer und immer wieder in ihm geboren werden. Unsere Zeit, wenn man das im moralinsauren Ton des altmodischen seriösen Herren (des unverbesserlichen Aufklärers) sagen darf, erscheint uns und sich selbst grundlegend zynisch, wie es bereits P. Sloterdijk in den Achtzigern konstatierte. Freilich haben sich seit diesen Tagen die Parameter der Stimmung verändert. Das atomare Wettrüsten ist in der hegemonialen Muskelshow einer einzigen Supermacht verdampft. Die Bedrohungsszenarien haben sich gewandelt. Europa findet sich wieder in einer barocken Vision von überbordendem Luxus und aufgebrochenen Weltgrenzen. Alles ist verfüg- und abrufbar, die Bestellung hat Hochsaison, und das nicht konkret Konsumierbare (Gott, zum Beispiel) kann getrost vernachlässigt werden. Die Determinanten mitteleuropäischer Gesellschaft über Jahrhunderte verschwinden nicht einfach; sie bleiben auf der Bühne, aber ohne jede Bedeutung, zu Statisten degradiert. Die Welt als Supermarkt entwirft M. Houellebecq, und er hat Recht.Ein Strang des gesellschaftskritischen Zynismus, der, die Jahrhunderte durchziehend, lange Zeit mit dem Stigma des Aussätzigen versehen ein abseitiges Dasein gefristet hat (als radikaler Zynismus nämlich), ist nun über alle Felder des öffentlichen und privaten Lebens explodiert; vor allem in jenem Grenzbereich zwischen Privat und Öffentlich hat sich in doppeldeutig-heftiger Zynismus breit gemacht, der mit den bekannten Formen des traditionellen Konservativismus spielt. Das Ausnutzen (bewusst oder unbewusst) der überlieferten Konventionen kennzeichnet diese alltagszynische Methode, die weniger Werkzeug als Lebenseinstellung zu sein scheint. Der postulierte „Herrenzynismus“, das elitäre Selbstbild der Wissenden, Mächtigen und Verdienenden, wurde – zumindest teilweise – sanft von einem neuartigen Fun-Zynismus abgelöst. Wahllos und doch eklektisch, schulintelligent und doch halbgebildet, wissensdurstig und doch alltagsgebunden: diese Züge sind bezeichnend für den beschriebenen jugendlichen, ewig jugendlichen Zynismus der Post-Postmoderne; einer Zeit, die sich schon per definitionem nicht mehr als eigenständigen Ursprungs begreifen kann, und dies mehr als jede andere Zone der Geschichte, die zwar ständig auf Traditionen und Geschichten zurückzugreifen weiß – doch unser Wertekonglomerat, das aus allen Informationen und Diskursfragmenten der Vergangenheit zusammengesetzt ist (und zwar ganz offensichtlich, sich mit der Aura der akademischen Bildung und spielerischen Nonchalance umgebend, magisch!), gibt kaum echte Orientierung, führt uns stattdessen dauernd hinters Licht, ein clowneskes Theater der Diachronitäten.

Ein Gebrauchszynismus ist das, und ein Lifestylezynismus, je nachdem in welchem Bereich er begegnet. So spielen die modern-postmodernen Kyniker eine ewige Scharade zwischen Marquis de Valmont und Bismarck, zwischen ästhetisierender Weltverachtung und pragmatischer Nackenbeißerei. Nach der Demaskierung der Nationalismen und des Marxismus dienen faschistische und kommunistische Symbole und Parolen den Fun-Zynikern als gelehrte (geleerte?) Embleme eines neuen Bildungsbürgertums und einer geschichts-unbewussten Weltläufigkeit. Spielwiese sind sie geworden, die großen und schrecklichen Ideologien, Versatzstückladen und Schrottplatz für das desinteressierte aber umtriebige zoon politikon von heute. Die Kadaver der gestürzten Systeme wecken den Hunger und ein wenig auch die Nostalgie der Aasgeier und Hyänen, die keine anderen sind als unsere Nachbarn, Freunde und Bekannten. Die mitteleuropäische Gesellschaft sitzt auf dem Haufen ihrer Geschichtlichkeit wie auf stolz produzierten Exkrementen, und diese historische Scheiße stinkt hinein in unser aller Unterbewusstsein. Ein Ekel, der von aufklärerischem Missionarstum vor der Unterdrückung bewahrt wird (in einem Krampf des sendungsbewussten Handelns), eine Müdigkeit und verärgerte Renitenz gegenüber der Historie, die nicht die eigene ist, machen sich immer dann breit, wenn der alltägliche Fun-Zynismus auf seine Wurzeln gestoßen wird. Es scheint angenehm, den eigenen zynischen Attitüden nachzugeben, unwillkommen und körperlich irritierend jedoch, den Stammbaum dieser Kapriolen zu betrachten. Die gleichgültige kynische Trägheit, in der diese Generation von Individualisten vegetiert, wird zu einem guten Teil von den Überdosen einer gebetsmühlenartig rezitierten Historie sediert. Die Spaltung zwischen naiver Zukunftsgläubigkeit, täglichem ennui und vergangenen Wirklichkeiten strapaziert das post-postmoderne Subjekt; bewusst wahrgenommen wird diese Kette von Gründen allerdings nicht. Der öffentliche Diskurs und seine Kontaktflächen zum privaten Geflüster, diese eine seltsam synkretistische Doppelmoral gebären, sind steril sauber von störender Kritik. Es gibt keine tolerierte oder tolerierbare Kritik an der historischen Begründung des Fun-Zynismus. Das liegt zu einem guten Teil an der politischen Legitimation der herrschenden moralischen Systeme und vice versa an der moralischen Basis der aktuellen Politik. Die Schneise des Zweiten Weltkriegs und des Verbrechens der Massenvernichtung, das Trauma des als System gescheiterten Kommunismus und des Verbrechens der Massenvernichtung; beides sind Brüche in einem Diskurs der Bürgerlichkeit und des aufgeklärten Konservativismus, fundamentale Einschnitte in einer Linie der politischen Tradition (die viel älter ist und sich sogar auf klassische Vorbilder als Gründungsmythen beruft), die in Folge weiter zu führen versucht wurde (und wird).

Sonntagsarabesken #6

Schreiben für Dich, die Du es nicht lesen wirst.

Ich bin nicht verzweifelt oder gedemütigt oder verletzt zurück gelaufen in die sichere Festung alter Bindungen, wenn Du das glaubst. Ich habe mir nicht aus Bequemlichkeit das Leben verbaut. Ich habe keineswegs irrational oder überstürzt oder impulsiv gehandelt. Eine einfache Entscheidung (ein kleiner Schnitt in das Fleisch meiner Empfindungen) hat genügt, mir einen Moment der Ruhe zu verschaffen. Absurd ist die Annahme, durch diese meine Tat sei deutlich geworden, dass ich nur einen kurzfristigen Ersatz für die beendete Beziehung gebraucht hätte, damals, im September. Unsinn. Die alte Freundin jetzt durch die alte Freundin ersetzen? So verrückt bin nicht einmal ich, dass ich es nötig hätte, derart krankhaft auf meine unterbewußten Wünsche zu reagieren! Meine Liebe zu Dir war nicht gelogen, nicht eingebildet, nicht konstruiert. Sie war alles, was eine Liebe nur sein kann: mitreißend, bedrohlich, somatisch, erhebend, beruhigend (und vieles mehr, dessen Aufzählung ich mir jedoch erspare). In stammelnder Sprache habe ich versucht, diese Liebe zu beschreiben. Dabei habe ich alles ausgedrückt, was ich konnte, und so, wie ich es konnte; ich dachte, in der Qual meines Versuches glaubhaft gewirkt zu haben. Und jetzt von Dir dieses schlecht verdaute Psychologen-Geschwätz, das nicht einmal zur Hälfte authentisch wirkt; kommt das etwa aus den Tiefen einer oft verletzten Seele? Ich fühle, wie mich ein seltsamer Zorn zur Grausamkeit verleitet; ich spüre, dass ich mit Giftpfeilen um mich schießen will. Was ist mit Deiner so gut gespielten Aufregung und Bestürzung zum Beginn meiner neuen alten Beziehung? Wie soll man die Zeichen deuten, die scheinbar offen, vielleicht aber mit Hintersinn (erleichtert, entgeistert?), sich dem Auge darbieten? Zur Zeit bin ich noch verwirrt, aber mir scheint, als könne diese Stimmung jederzeit in puren Ekel umschlagen. Vor allem, wenn ich mich daran erinnere, wie die kalte Nicht-Reaktion auf meine Worte ausgesehen hat, zur regnerisch-nächtlichen Stunde bei Klaviermusik am letzten freien Tisch. Seitdem bin ich überzeugt, dass keine Silbe in dieser Sache noch Veränderung bewirken kann. Weil Du Dir auch in Zukunft nicht nur jede Antwort, sondern wahrscheinlich auch das Lesen verbieten wirst.

Oder liest Du sie doch, diese Zeilen? Und schweigst?

Der Bachelor

Es gibt einen, dessen Verhalten mir schlichtweg unverständlich ist. Auf der einen Seite sind seine Aussagen über seine Beziehung mit der Frau Doktor durchwegs positiv, auf der anderen Seite extrem negativ. Einerseits beklagt er, was geschieht, andererseits lobt er es. Er redet nicht schlecht über sie und doch verachtet er sie. Der Mann muss in zwei Welten leben – und ich verstehe ihn nicht. Warum beendet er den Albtraum nicht einfach? Warum schickt er sie nicht einfach fort und findet eine, die zu ihm passt?

_Aktualisierung 12 Jahre später: Er hat eine, die zu ihm passt, gefunden, und hat ein Kind mit ihr._

Halloween

Ist es dem werten Leser nicht auch schon aufgefallen? Jede Website, jedes Geschäft, das Radio, das Fernsehen… überall spuken dämliche Kürbisfratzen herum. Wo man hinsieht, welchen Sender man aufdreht – die idiotischen Fressen sind omnipräsent! Und nicht nur das! Bei Metro/AGM grinsen einen die bladen Weihnachtsmänner aus ihren Coca-Cola-Kostümen an, Kürbisse sowieso, an manchen Verkaufsständen sind bereits die Osterhasen zu sehen und ab und zu taucht irgendwo ein halbnacktes, vollbusiges Christkind auf. Nicht einmal die Universität bietet einem noch einen Hort des Friedens: Am Campus stapeln sich die Christbäume schon! Am Graben haben die Punschpanscher ihre Buden schon aufgebaut und verkaufen ihr psychoaktives Zeug an Touristen. Duftkerzen und sonstiger Weihnachtsschnickschnack zerstören sämtliche Sinne und man weiß schon gar nicht mehr, wohin man flüchten soll, um noch ein wenig Ruhe zu finden. Das Weihnachtsgeschäft wird bestimmt, wenn es dann soweit ist, schon übersättigt sein…

Und dennoch, einen Ort gibt es, der sich von dem Trubel abhebt: Das Heim, katalysiert durch einen Wein, vor allem, wenn es am 20. November wieder heißt: Le Beaujolais Nouveau est arrivé!

Sonntagsarabesken #5

Diesmal werde ich keine Geschichte erzählen; das verspreche ich. Vielleicht ist wieder die Zeit gekommen, in Selbstmitleid zu baden, aber auch dies soll heimlich und ganz im Stillen geschehen, und meine Lippen werden sich nicht verziehen im trockenen Stöhnen eines ruhelosen Gewissens; das verspreche ich. Soll ich über die Liebe schreiben? Bitte nicht! werden sich die meisten Leser denken, oder gar an dieser Stelle die Lektüre beenden, da sie voll Langeweile bereits Wetten abschließen, welches Lamento denn jetzt wieder zu erwarten sei. Aber seltsam – Bitte nicht! denke auch ich mir heute, an einem grauen kalten Tag, in Erwartung eines Föhnsturms, der aus dem Westen heranbraust, Bitte nicht! murmelt es in mir, wie das Klappern einer Gebetsmühle. Die Liebe gibt als Thema nichts mehr her. Also will ich diesmal nicht von ihr anfangen. Das verspreche ich. Symptome könnte ich schildern; Symptome einer verirrten Vergangenheit (oder einer Vergangenheit der Verirrungen?), die sich nahtlos in die undurchsichtige Gegenwart fortsetzt. Hoffnung, Freude, Mut, Schock, Enttäuschung, Resignation. In dieser Reihenfolge klingt alles schlüssig. Eine Abfolge von Gefühlskatastrophen, deren letzte die schwärzeste ist, ausweglos, denn das Verfaulen kennt nur die Zeit, die es selbst braucht, gewährt keinen Aufschub und auch keine Abkürzung der Leiden. Die Blumen vor dem Fenster haben sich noch einmal erholt, im warmen Luftzug. Doch eisiger Todesstoß ist nicht fern. Näher als je zuvor, aber die Blüten recken sich dennoch mit verzweifelter (und unbeschwerter) Lebenslust der fahlen Sonne entgegen. „Fahl“ wird die Sonne immer dann, wenn das Gemüt des Schreibenden ähnlich blaß und durchsichtig und vergiftet ist. So wie meines im Augenblick? Ja. Auch ich blinzle aus entzündeten Augen in das wunderschöne Leuchten, das meine Enttäuschung umgibt, und spüre in mir die heiße Freude über diese letzte Gnade. Vergebens ist meine Blütenhoffnung in der Sterbestunde. Lockend klingt der Gesang lügnerischer Sirenen, und nichts ist größer als jener Schmerz, der auf die Zerstörung der Illusion folgt (nicht einmal der Schmerz, der diese Zerstörung ausgelöst hat, denn damals wollte man ihn nicht verstehen, so unwirklich und mystisch schien alles abzulaufen; die absolute Klarheit des zweiten Schmerzes verwundet mit gläsernem Dolch!). Verlieren und verloren werden hat nichts mehr mit dem Anfang zu tun. Schreckliche Bilder treten aus Nebeln, die man lieber in einer abseitigen Zukunft angesiedelt hätte. Sie erlangen den Stellenwert von Realität, also: Wahrheit. Jede dieser schwarzen Konturen entspricht einem Stich ins Fleisch dessen, der so gerne vergessen würde. Das Vergessen ist keine Eigenschaft, die sich trainieren ließe; im Gegenteil: Hoffnung und Illusion stemmen sich mit mächtiger Urkraft gegen den Wunsch nach einem gelöschten Gedächtnis. In dieser Mühle wird der Verstand zerrieben, langsam und unerbittlich. Das sind die Symptome, die zu beschreiben ich angetreten bin. Vielleicht hätte ich doch besser eine Geschichte erzählt?