Kritik des aktuellen Zynismus

Cynism

Frage ich mich heute tatsächlich nach der Substanz oder gar nach der „Wahrheit“ unserer Zeit? Ja. Ich frage mich, welcher Zug diesen Raum, den ich mit meiner Existenz auszufüllen glaube, charakterisiert, welche Eigentümlichkeiten er aufweist und welche Probleme immer und immer wieder in ihm geboren werden. Unsere Zeit, wenn man das im moralinsauren Ton des altmodischen seriösen Herren (des unverbesserlichen Aufklärers) sagen darf, erscheint uns und sich selbst grundlegend zynisch, wie es bereits P. Sloterdijk in den Achtzigern konstatierte. Freilich haben sich seit diesen Tagen die Parameter der Stimmung verändert. Das atomare Wettrüsten ist in der hegemonialen Muskelshow einer einzigen Supermacht verdampft. Die Bedrohungsszenarien haben sich gewandelt. Europa findet sich wieder in einer barocken Vision von überbordendem Luxus und aufgebrochenen Weltgrenzen. Alles ist verfüg- und abrufbar, die Bestellung hat Hochsaison, und das nicht konkret Konsumierbare (Gott, zum Beispiel) kann getrost vernachlässigt werden. Die Determinanten mitteleuropäischer Gesellschaft über Jahrhunderte verschwinden nicht einfach; sie bleiben auf der Bühne, aber ohne jede Bedeutung, zu Statisten degradiert. Die Welt als Supermarkt entwirft M. Houellebecq, und er hat Recht.Ein Strang des gesellschaftskritischen Zynismus, der, die Jahrhunderte durchziehend, lange Zeit mit dem Stigma des Aussätzigen versehen ein abseitiges Dasein gefristet hat (als radikaler Zynismus nämlich), ist nun über alle Felder des öffentlichen und privaten Lebens explodiert; vor allem in jenem Grenzbereich zwischen Privat und Öffentlich hat sich in doppeldeutig-heftiger Zynismus breit gemacht, der mit den bekannten Formen des traditionellen Konservativismus spielt. Das Ausnutzen (bewusst oder unbewusst) der überlieferten Konventionen kennzeichnet diese alltagszynische Methode, die weniger Werkzeug als Lebenseinstellung zu sein scheint. Der postulierte „Herrenzynismus“, das elitäre Selbstbild der Wissenden, Mächtigen und Verdienenden, wurde – zumindest teilweise – sanft von einem neuartigen Fun-Zynismus abgelöst. Wahllos und doch eklektisch, schulintelligent und doch halbgebildet, wissensdurstig und doch alltagsgebunden: diese Züge sind bezeichnend für den beschriebenen jugendlichen, ewig jugendlichen Zynismus der Post-Postmoderne; einer Zeit, die sich schon per definitionem nicht mehr als eigenständigen Ursprungs begreifen kann, und dies mehr als jede andere Zone der Geschichte, die zwar ständig auf Traditionen und Geschichten zurückzugreifen weiß – doch unser Wertekonglomerat, das aus allen Informationen und Diskursfragmenten der Vergangenheit zusammengesetzt ist (und zwar ganz offensichtlich, sich mit der Aura der akademischen Bildung und spielerischen Nonchalance umgebend, magisch!), gibt kaum echte Orientierung, führt uns stattdessen dauernd hinters Licht, ein clowneskes Theater der Diachronitäten.

Ein Gebrauchszynismus ist das, und ein Lifestylezynismus, je nachdem in welchem Bereich er begegnet. So spielen die modern-postmodernen Kyniker eine ewige Scharade zwischen Marquis de Valmont und Bismarck, zwischen ästhetisierender Weltverachtung und pragmatischer Nackenbeißerei. Nach der Demaskierung der Nationalismen und des Marxismus dienen faschistische und kommunistische Symbole und Parolen den Fun-Zynikern als gelehrte (geleerte?) Embleme eines neuen Bildungsbürgertums und einer geschichts-unbewussten Weltläufigkeit. Spielwiese sind sie geworden, die großen und schrecklichen Ideologien, Versatzstückladen und Schrottplatz für das desinteressierte aber umtriebige zoon politikon von heute. Die Kadaver der gestürzten Systeme wecken den Hunger und ein wenig auch die Nostalgie der Aasgeier und Hyänen, die keine anderen sind als unsere Nachbarn, Freunde und Bekannten. Die mitteleuropäische Gesellschaft sitzt auf dem Haufen ihrer Geschichtlichkeit wie auf stolz produzierten Exkrementen, und diese historische Scheiße stinkt hinein in unser aller Unterbewusstsein. Ein Ekel, der von aufklärerischem Missionarstum vor der Unterdrückung bewahrt wird (in einem Krampf des sendungsbewussten Handelns), eine Müdigkeit und verärgerte Renitenz gegenüber der Historie, die nicht die eigene ist, machen sich immer dann breit, wenn der alltägliche Fun-Zynismus auf seine Wurzeln gestoßen wird. Es scheint angenehm, den eigenen zynischen Attitüden nachzugeben, unwillkommen und körperlich irritierend jedoch, den Stammbaum dieser Kapriolen zu betrachten. Die gleichgültige kynische Trägheit, in der diese Generation von Individualisten vegetiert, wird zu einem guten Teil von den Überdosen einer gebetsmühlenartig rezitierten Historie sediert. Die Spaltung zwischen naiver Zukunftsgläubigkeit, täglichem ennui und vergangenen Wirklichkeiten strapaziert das post-postmoderne Subjekt; bewusst wahrgenommen wird diese Kette von Gründen allerdings nicht. Der öffentliche Diskurs und seine Kontaktflächen zum privaten Geflüster, diese eine seltsam synkretistische Doppelmoral gebären, sind steril sauber von störender Kritik. Es gibt keine tolerierte oder tolerierbare Kritik an der historischen Begründung des Fun-Zynismus. Das liegt zu einem guten Teil an der politischen Legitimation der herrschenden moralischen Systeme und vice versa an der moralischen Basis der aktuellen Politik. Die Schneise des Zweiten Weltkriegs und des Verbrechens der Massenvernichtung, das Trauma des als System gescheiterten Kommunismus und des Verbrechens der Massenvernichtung; beides sind Brüche in einem Diskurs der Bürgerlichkeit und des aufgeklärten Konservativismus, fundamentale Einschnitte in einer Linie der politischen Tradition (die viel älter ist und sich sogar auf klassische Vorbilder als Gründungsmythen beruft), die in Folge weiter zu führen versucht wurde (und wird).

Sonntagsarabesken #6

Schreiben für Dich, die Du es nicht lesen wirst.

Ich bin nicht verzweifelt oder gedemütigt oder verletzt zurück gelaufen in die sichere Festung alter Bindungen, wenn Du das glaubst. Ich habe mir nicht aus Bequemlichkeit das Leben verbaut. Ich habe keineswegs irrational oder überstürzt oder impulsiv gehandelt. Eine einfache Entscheidung (ein kleiner Schnitt in das Fleisch meiner Empfindungen) hat genügt, mir einen Moment der Ruhe zu verschaffen. Absurd ist die Annahme, durch diese meine Tat sei deutlich geworden, dass ich nur einen kurzfristigen Ersatz für die beendete Beziehung gebraucht hätte, damals, im September. Unsinn. Die alte Freundin jetzt durch die alte Freundin ersetzen? So verrückt bin nicht einmal ich, dass ich es nötig hätte, derart krankhaft auf meine unterbewußten Wünsche zu reagieren! Meine Liebe zu Dir war nicht gelogen, nicht eingebildet, nicht konstruiert. Sie war alles, was eine Liebe nur sein kann: mitreißend, bedrohlich, somatisch, erhebend, beruhigend (und vieles mehr, dessen Aufzählung ich mir jedoch erspare). In stammelnder Sprache habe ich versucht, diese Liebe zu beschreiben. Dabei habe ich alles ausgedrückt, was ich konnte, und so, wie ich es konnte; ich dachte, in der Qual meines Versuches glaubhaft gewirkt zu haben. Und jetzt von Dir dieses schlecht verdaute Psychologen-Geschwätz, das nicht einmal zur Hälfte authentisch wirkt; kommt das etwa aus den Tiefen einer oft verletzten Seele? Ich fühle, wie mich ein seltsamer Zorn zur Grausamkeit verleitet; ich spüre, dass ich mit Giftpfeilen um mich schießen will. Was ist mit Deiner so gut gespielten Aufregung und Bestürzung zum Beginn meiner neuen alten Beziehung? Wie soll man die Zeichen deuten, die scheinbar offen, vielleicht aber mit Hintersinn (erleichtert, entgeistert?), sich dem Auge darbieten? Zur Zeit bin ich noch verwirrt, aber mir scheint, als könne diese Stimmung jederzeit in puren Ekel umschlagen. Vor allem, wenn ich mich daran erinnere, wie die kalte Nicht-Reaktion auf meine Worte ausgesehen hat, zur regnerisch-nächtlichen Stunde bei Klaviermusik am letzten freien Tisch. Seitdem bin ich überzeugt, dass keine Silbe in dieser Sache noch Veränderung bewirken kann. Weil Du Dir auch in Zukunft nicht nur jede Antwort, sondern wahrscheinlich auch das Lesen verbieten wirst.

Oder liest Du sie doch, diese Zeilen? Und schweigst?

Der Bachelor

Es gibt einen, dessen Verhalten mir schlichtweg unverständlich ist. Auf der einen Seite sind seine Aussagen über seine Beziehung mit der Frau Doktor durchwegs positiv, auf der anderen Seite extrem negativ. Einerseits beklagt er, was geschieht, andererseits lobt er es. Er redet nicht schlecht über sie und doch verachtet er sie. Der Mann muss in zwei Welten leben – und ich verstehe ihn nicht. Warum beendet er den Albtraum nicht einfach? Warum schickt er sie nicht einfach fort und findet eine, die zu ihm passt?

_Aktualisierung 12 Jahre später: Er hat eine, die zu ihm passt, gefunden, und hat ein Kind mit ihr._

Halloween

Ist es dem werten Leser nicht auch schon aufgefallen? Jede Website, jedes Geschäft, das Radio, das Fernsehen… überall spuken dämliche Kürbisfratzen herum. Wo man hinsieht, welchen Sender man aufdreht – die idiotischen Fressen sind omnipräsent! Und nicht nur das! Bei Metro/AGM grinsen einen die bladen Weihnachtsmänner aus ihren Coca-Cola-Kostümen an, Kürbisse sowieso, an manchen Verkaufsständen sind bereits die Osterhasen zu sehen und ab und zu taucht irgendwo ein halbnacktes, vollbusiges Christkind auf. Nicht einmal die Universität bietet einem noch einen Hort des Friedens: Am Campus stapeln sich die Christbäume schon! Am Graben haben die Punschpanscher ihre Buden schon aufgebaut und verkaufen ihr psychoaktives Zeug an Touristen. Duftkerzen und sonstiger Weihnachtsschnickschnack zerstören sämtliche Sinne und man weiß schon gar nicht mehr, wohin man flüchten soll, um noch ein wenig Ruhe zu finden. Das Weihnachtsgeschäft wird bestimmt, wenn es dann soweit ist, schon übersättigt sein…

Und dennoch, einen Ort gibt es, der sich von dem Trubel abhebt: Das Heim, katalysiert durch einen Wein, vor allem, wenn es am 20. November wieder heißt: Le Beaujolais Nouveau est arrivé!

Sonntagsarabesken #5

Diesmal werde ich keine Geschichte erzählen; das verspreche ich. Vielleicht ist wieder die Zeit gekommen, in Selbstmitleid zu baden, aber auch dies soll heimlich und ganz im Stillen geschehen, und meine Lippen werden sich nicht verziehen im trockenen Stöhnen eines ruhelosen Gewissens; das verspreche ich. Soll ich über die Liebe schreiben? Bitte nicht! werden sich die meisten Leser denken, oder gar an dieser Stelle die Lektüre beenden, da sie voll Langeweile bereits Wetten abschließen, welches Lamento denn jetzt wieder zu erwarten sei. Aber seltsam – Bitte nicht! denke auch ich mir heute, an einem grauen kalten Tag, in Erwartung eines Föhnsturms, der aus dem Westen heranbraust, Bitte nicht! murmelt es in mir, wie das Klappern einer Gebetsmühle. Die Liebe gibt als Thema nichts mehr her. Also will ich diesmal nicht von ihr anfangen. Das verspreche ich. Symptome könnte ich schildern; Symptome einer verirrten Vergangenheit (oder einer Vergangenheit der Verirrungen?), die sich nahtlos in die undurchsichtige Gegenwart fortsetzt. Hoffnung, Freude, Mut, Schock, Enttäuschung, Resignation. In dieser Reihenfolge klingt alles schlüssig. Eine Abfolge von Gefühlskatastrophen, deren letzte die schwärzeste ist, ausweglos, denn das Verfaulen kennt nur die Zeit, die es selbst braucht, gewährt keinen Aufschub und auch keine Abkürzung der Leiden. Die Blumen vor dem Fenster haben sich noch einmal erholt, im warmen Luftzug. Doch eisiger Todesstoß ist nicht fern. Näher als je zuvor, aber die Blüten recken sich dennoch mit verzweifelter (und unbeschwerter) Lebenslust der fahlen Sonne entgegen. „Fahl“ wird die Sonne immer dann, wenn das Gemüt des Schreibenden ähnlich blaß und durchsichtig und vergiftet ist. So wie meines im Augenblick? Ja. Auch ich blinzle aus entzündeten Augen in das wunderschöne Leuchten, das meine Enttäuschung umgibt, und spüre in mir die heiße Freude über diese letzte Gnade. Vergebens ist meine Blütenhoffnung in der Sterbestunde. Lockend klingt der Gesang lügnerischer Sirenen, und nichts ist größer als jener Schmerz, der auf die Zerstörung der Illusion folgt (nicht einmal der Schmerz, der diese Zerstörung ausgelöst hat, denn damals wollte man ihn nicht verstehen, so unwirklich und mystisch schien alles abzulaufen; die absolute Klarheit des zweiten Schmerzes verwundet mit gläsernem Dolch!). Verlieren und verloren werden hat nichts mehr mit dem Anfang zu tun. Schreckliche Bilder treten aus Nebeln, die man lieber in einer abseitigen Zukunft angesiedelt hätte. Sie erlangen den Stellenwert von Realität, also: Wahrheit. Jede dieser schwarzen Konturen entspricht einem Stich ins Fleisch dessen, der so gerne vergessen würde. Das Vergessen ist keine Eigenschaft, die sich trainieren ließe; im Gegenteil: Hoffnung und Illusion stemmen sich mit mächtiger Urkraft gegen den Wunsch nach einem gelöschten Gedächtnis. In dieser Mühle wird der Verstand zerrieben, langsam und unerbittlich. Das sind die Symptome, die zu beschreiben ich angetreten bin. Vielleicht hätte ich doch besser eine Geschichte erzählt?

geizleich.at

Fast alle Bereiche im Leben eines Menschen sind bereits von der Wirtschaft durchdrungen. Warum sollte demnach nicht auch der Bereich nach dem Leben von der Wirtschaft erobert werden? Ein Beispiel dafür gibt es ja bereits: privatwirtschaftliche Bestattungsunternehmen. – Sie bieten nahezu alles: die klassische Erd- oder Feuerbestattung, aber auch See- und Weltraumbestattungen sind möglich. Klassische Gräber, moderne Gräber, Urnen (aus allerlei Material in allen Preiskategorien vorzufinden), Legosärge für die Spielsteinliebhaber, Stahlkisten für Motorradfreaks, Särge mit ergonomischer Liegeposition (sic!), bunte Särge, schwarze Särge… kurz: alles ist möglich.

Das Prinzip der Privatwirtschaft baut aber sehr auf dem Wort privat auf, das bedeutet, dass jederman, der sich der Aufgabe gewachsen fühlt und einen gültigen Befähigungsnachweis sowie einen Gewerbeschein vorweisen kann, sofort zu graben beginnen kann. Ich weiß zwar nicht, wofür man einen Befähigungsnachweis braucht, um Menschen zu begraben (ein Loch wird doch wohl jeder schaufeln können), aber bitte. Die Särge kann man ja auch beim Tischler bestellen.

Nun ist ein Prinzip der Wirtschaft die Marktwirtschaft, deren Preisgestaltung sich also am Markt, reguliert durch Angebot und Nachfrage, orientiert oder, besser gesagt, orientieren muss. Die Konsequenzen daraus sind allerdings pervers: Was ist, wenn ein Kunde es beinhart durchzieht und einfach nach dem billigsten Bestatter Ausschau hält? Wie sieht ein Preiskampf von Bestattern aus („Ich biete das Leichenhemd umsonst!“ – „…und bei mir kriegn’s auch noch die Schuh‘ gratis dazu!“)? Wie auch immer. Da der Preis anscheinend bald schon das entscheidende Kriterium sein wird, schlage ich eine Internetsuchmaschine à la geizhals.at vor. Ich habe auch einen Namensvorschlag für diese Seite: www.geizleich.at!

Sonntagsarabesken #4

Das Rascheln hunderter Fächer, blitzende Colliers, rauschende Roben; die Logen gut gefüllt mit Mailands bester Gesellschaft. Im gedämpften Honiglicht der Bühnenkerzen bewegen sich die dunklen Silhouetten der Sänger, der Maestro steht weiter vorne, auf das Klavier gestützt. Das Drama nähert sich seinem Ende, dem Höhepunkt, und während La Pasta, die Primadonna, in der Garderobe noch eisgekühlten Champagner zu sich nimmt, bricht die Welt unseres armen Elvino zum zweiten Mal zusammen. Hat ihn nicht zuvor schon seine geliebte Amina belogen und betrogen? Hat er nicht schon einmal den Glauben in die Liebe verloren? Und jetzt? Jetzt Lisa? Rubinis göttlicher Tenor setzt zärtlich ein, mit dem nötigen Hauch von Verzweiflung: Lisa! mendace anch’essa! Rea dell’istesso errore! – Hat sie ihn belogen, sich des selben Verbrechens gegen die Liebe schuldig gemacht? Auch sie? Seine zweite Braut? Elvino stolpert hilflos zwei Schritte nach vorne; Rubinis Augen haben sich getrübt, der Kerzenrauch macht ihn halb blind, das Glitzern der edlen Stoffe und die bleichen Gesichter der edlen Damen in den Proszeniumslogen lassen ihn ein wenig konfus werden, den Text sollte er sich ja auch noch merken: Spento è nel mondo amore… Was für ein Satz! Das Theater hält den Atem an. Der Maestro wendet den Blick hinauf zu jenem jungen Mädchen, dem diese kleine Canzonetta gewidmet ist. Die Marchesina Pepoli, die ihren hübschen Kopf sofort in die Dunkelheit ihrer Loge zurückzieht, als sie Bellinis Augen auf sich ruhen spürt. Das Publikum atmet verhalten. Ist sie also wirklich tot, die Liebe, in dieser unserer Welt? Durch den eingebildeten Betrug einer Anderen, die wir zu lieben glaubten, weil sie unsere letzte Hoffnung war? Täuscht sich Elvino nicht selbst, wenn er von allen Seiten nur die Erwiderung seiner Liebe erhofft und bei Zurückweisung vor Eifersucht vergeht? Più fé, più onor non v’ha! Das also ist das Werk der Einbildung. Amina und Lisa haben sich in Elvinos Brust gegen ihn verbündet – vor diesem gespenstischen Pakt geht er in die Knie. Wie ein Wahnsinniger verwüstet er jeden Winkel seines Geistes, läßt kein Gefühl auf dem anderen und stürzt schlußendlich in die erste maskuline Depression der italienischen Romantik. Ein Leidender aus Liebe; ein Blinder im Qualm von Kerzen und falschen Eitelkeiten. Die Melodie wogt weiter. In ihrem Bogen verlieren sich, feiner als Rauch, dünner als Wind, die Spannung und Intensität aller Blicke und Unsicherheiten, aller Einbildungen und Gleichgültigkeiten. Das sanfte Ende eines traurigen Liedes, das im Ensemble der Stimmen erstirbt.

Am 6. März 1831 trat Elvino zum ersten Mal auf die Bühne. Die gläsernen Wände seines Gefängnisses – Liebe, Eifersucht, Zorn – stehen seitdem fester als Stahlbeton.

Sonntagsarabesken #3

Vor einem Monat scheint sich gewissermaßen alles auf den Kopf gestellt zu haben; vor einem Monat war alles ganz anders, im Nachhinein betrachtet: fremd und unwirklich, und doch das, was ich mittlerweile Realität zu nennen gelernt habe. Bis etwa 20:30 jenes damaligen Tages, eines zu schnell und doch quälend langsam verstrichenen Tages, im Übrigen – ein schönes Paradies, das ohne eine Spur von Schatten oder Makel außerhalb von Zeit und Raum zu schweben schien; danach? Kaltes Lächeln, zynisches Indiz für den Sturz einer subjektiven Weltordnung. Ich kann alles benennen, ein Blick auf die Uhr genügt, ein müder Blick, ein völlig übermüdetes Augenrollen, das sich in die Unendlichkeit fortsetzt, heute Abend, ein Monat später. Nichts hat sich geändert, weder ihre Augen, noch ihr Haar, noch ihre Stimme… doch fühlt sich Stunde für Stunde schrecklicher an, und gegen Ende des Tages hält mich nur noch die Gewißheit um meine eigene Lächerlichkeit aufrecht. Das ist wohltuend und grausam zugleich.

Angelo casto e bel… non turbi un sol avel…

Was ich denke, was ich fühle, was ich will – nichts davon kann ich mehr benennen. Eindeutigkeiten versinken wie eine tote Sonne hinter dem Horizont meines allzu schwachen Willens. Die Zeit der Masken ist wieder angebrochen, neu und alt vertraut zugleich, das Versteckspiel geht in seine zweite Runde, und noch ist die Sorge um die Häßlichkeit der Zukunft fern. Weit weg. Die romantische Figur des vor Liebeskummer Sterbenden, der sich noch einmal vorstellt, wie die Angebetete an der Seite ihres neuen Gatten an seinem Grab vorbeischlendert, ohne auch nur einen Blick zu verschwenden für den kalten Marmor und die wuchernden Flechten. Ich glaube solche Bilder zu erkennen. Doch dann sage ich mir: Meine Tage sind zu kurz, um sie mit Dingen wie Trauer oder auch nur Traurigkeit zu vergeuden. Gleichzeitig weiß ich, wie sehr ich mich selbst belüge. Da gibt es keinen Ausweg. Existenzform des geringsten Widerstandes? Vielleicht versuche ich das gerade. Jedenfalls meine ich, glücklich zu sein. Ist das weniger wert als echtes Glück?

Wirtschaftsunisystem

Die Wirtschaftsuni lässt mittlerweile auch die Institute der Hauptuni (Wer hat sich eigentlich diesen Namen einfallen lassen?) grüßen: Ein unmögliches Anmeldesystem, schlechtgelaunte Professoren, überfüllte Hörsäle und massig Tölpel from all over the world.

Als durch Zufallsprinzip Hundertvierundzwanzigster von 170 bei 30 Plätzen und 10 Gnadenplätzen fühlt man sich… nicht gut! Da ich glücklicherweise nahezu alle anderen Kurse wunschgemäß belegen konnte, schweige ich auch schon wieder, doch das sei noch gesagt:

Jetzt studieren ist nicht das, was Studieren vor zwei oder drei Jahren war. Meine ersten Seminare waren echte Diskussionsforen im Hörsaal mit höchstens zwanzig Anwesenden! Oftmals waren Seminare ein echter Gedanken- und Meinungsaustausch zwischen dem Professor, dem Tutor und den (häufig) nicht mehr als sieben bis acht Studenten. Da waren Argumentation, Haltung und Position gefragt; bei einer Vorbesprechung heute konnte man Denunziation, Schmeichlerei und offenkundigstes Lügen in ihrem perversen Facettenreichtum wahrnehmen.

Die Auswirkungen dieses neuen Studienwahnsinns machen sich allerdings auch schon im Alltagsleben eines Studenten bemerkbar: Während es noch Zeiten gab, da man sich mit Kollegen und Freunden über die Inhalte der Vorträge auseinandersetzte (wenn auch nur marginal und erst nach dem dritten Krügerl) und diese dann Gesprächsthemen waren, so beweist die Straßenbahnempirie, dass heutzutage wesentlich mehr als über den Inhalt, über die Formalitäten (ja nicht einmal über die Form) gesprochen wird!

Genau das passt mir nicht. Überhaupt nicht!

Sonntagsarabesken #2

Es mag kurioser Zeitvertreib sein, aber ich will ihn doch wagen (ohne einen Gedanken an das mit Sicherheit dräuende Missvergnügen zu verschwenden, welches ein Teil der Leserschaft einem solchen Versuch entgegenbringen wird): Den Vergleich von Liebe und Fußball.

Um das Ganze auf eine methodisch korrekte Basis zu stellen, sollen die Aussagen zu beiden Themenkreisen bewußt verkürzt, verknappt und mit dem schalen Beigeschmack sogenannter Weisheiten präsentiert werden. Jeder kann sich dann seinen eigenen Reim darauf machen.

Das Spiel dauert neunzig Minuten.
Es gibt bestimmt den idealen Partner.

Tor in der ersten Minute.
Liebe auf den ersten Blick.

Der Ball ist rund, der Rasen grün.
Liebe fragt nicht nach Namen oder Prestige.

Die Tore, die man vorne nicht schießt bekommt man hinten.
Wer nix sagt kommt nie zum Ziel.

Fußball ist der Sport, wo zweiundzwanzig Mann auf dem Feld stehen und am Schluß immer die Deutschen gewinnen.
Die Liebe ist der Wahnsinn, in dem mindestens zwei Menschen aufeinander prallen und am Schluß immer der Vorarlberger gewinnt.

Wenn’s läuft, dann läuft’s!
Liebe läßt sich nicht wegtherapieren.

Flach spielen, hoch gewinnen.
Konsequent bleiben!

In dieser Art ließe sich der Reigen der Sinnsprüche wohl noch lange, wenn nicht sogar bis in die unendlichen Weiten ironischen Tränenflusses, fortsetzen. Dennoch will ich es damit gut sein lassen. Schließlich soll das oben Ausgeführte noch auf das aktuelle Vegetieren gewisser (nicht namentlich genannter) Erdenbürger bezogen werden. Schließlich gibt es eine Menge Trauerarbeit zu leisten! Nun, die wichtigste Erkenntnis, die wir aus der Betrachtung des ästhetischen Systems namens „Fußball“ ableiten können, ist folgende: Es gibt verschiedene Spielweisen, die zum Erfolg führen können. So scheint z.B. der britische Kick-and-rush-Fußball dem mediterranen Kurzpaßspiel in der Komplexität der Abläufe unterlegen, Pokale wurden jedoch auf beiden Wegen errungen. Und die erlesenen Ballkünste eines Luis Figo führen wesentlich seltener zum direkten Torerfolg als die kaltschnäuzige Cleverness von John Carew. Um nur zwei Beispiele zu nennen. Das ist meine aktuelle Situation. Ich hätte ja gerne brasilianisch gespielt. Aber letzten Endes gewinnt man auch mit Sparta Prag.

Dragoner Gegenangriff

DT, der Mann der Superlative, ist in einem Punkt (wiedereinmal) widerlegt: Es gibt doch keine Straße, keine Gasse, keine Allee, keine Promenade oder was es sonst noch an Bezeichnungen für Verkehrswege gibt, die durch seinen Namen geschmückt wird.

Den Beweis kann der werte Leser gerne hier selbst „durchführen“: Verzeichnisse – Straßen – Unter „Gesuchte Straße“ den dementsprechenden Substring eingeben – Suchen klicken! – Fertig: Er ist widerlegt.

Sollte er allerdings darauf bestehen und meinen, dass es ja keine Straße sei, bla bla bla, dann verweise man ihn auf die Erläuterungen der Statistik Austria.