Bei Medium weiß man offenbar nach wie vor nicht, womit man Geld verdienen will, und ebensowenig, wie man mit Partnern umgeht.

Medium’s exit from the online ad business was news to some of its publishing partners, many of whom have come to depend on the publishing platform as a key source of revenue. More than two dozen publications are members of Medium’s revenue beta program, which allows them to sell paid subscriptions to readers and to receive a cut of Medium’s native advertising revenue.

Five members of the revenue beta program told POLITICO that they did not receive any advance notice of Medium’s change in strategy before Williams’ public announcement.

Besonders trist ist das, weil eben jene Partner, und das sind teils große Online-Magazine wie The Awl, The Bold Italic, Film School Rejects oder The Ringer, zu Medium gewechselt sind, weil es Probleme mit der Finanzierung gab oder die Websites mangels Interaktion mit ihren Leserinnen und Lesern endgültig am absteigenden Ast waren. Alles Probleme, für die Medium Lösungen versprach1.

Diese Flexibilität war offenbar bewundernswert und eindrucksvoll genug, um darüber hinwegzusehen, dass ebene jene Qualität in Wirklichkeit ein Risiko darstellte. Das Fehlen eines Geschäftsmodells, das zumindest gewisse Schranken setzen würde, konnte aber mithilfe von reichlich zur Verfügung stehendem Investmentgeld überspielt werden. Unter solchen Betriebsbedingungen seitens des technischen Anbieters ist aber die für den Geschäftsbetrieb eines Onlineangebots notwendige Stabilität nur ein Schein.

New businesses are unstable… that’s just the way it is. In Silicon Valley (and in other startup-rich areas), these unstable businesses have lots of someone else’s money to throw around — which makes them appear more stable in the short term — but they cannot escape the reality of the extreme risk involved in building a new business, particularly a business that needs to grow quickly (as almost all VC-backed startups are required to do). All of which can make it difficult to enter into a business arrangement with a startup… just ask publishers working with Facebook or businesses dependent on Twitter’s API or Vine or Tumblr, not to mention the thousands of startups that have ceased to exist over the years.

Die Entscheidung für Medium erwies sich für The Ringer, Film School Rejects und womöglich auch bald für alle anderen, die dort ihre Onlinepräsenz aufgebaut haben, als keineswegs nachhaltig oder kostensparend. Sie alle kalkulieren wahrscheinlich gerade, ob sie einen weiteren Plattformwechsel finanziell verkraften können. Sie alle hoffen, dass es doch nicht so schlimm kommt, wie es die Kündigung eines Drittels der Belegschaft (!) bei Medium vermuten lässt.

Und sie alle bedauern den Fehler gemacht zu haben, vor dem Matt Mullenweg in einem Interview am WordCamp Europe implizit gewarnt hat, nämlich, sich auf einen Drittanbieter eingelassen zu haben, der Kunden akquiriert hat, in dem er für strategische Probleme technische Lösungen, also quasi den Himmel auf Erden versprochen hat.

Das sollte man übrigens nie tun. In jeder Situation und in jeder Hinsicht.


  1. Auf Poynter gibt es dazu einen ausführlichen Beitrag, der vor nicht einmal 4 Monaten veröffentlicht wurde. 

So sieht es aus, wenn Beijing von Smog überzogen wird. Die Zeitrafferaufnahme entspricht etwa 20 Minuten. Die NY Times hat dieses Video kurz kommentiert:

The video, just 12 seconds long, shows what appears to be toxic smog descending on buildings over 20 minutes, with nearby structures becoming almost unrecognizable. The video was by taken by Chas Pope, a British worker, and posted on Monday, just as the city has been grappling with yet another extended bout of pollution. […] Mr. Pope, writing on Twitter, pegged the air quality index, a measure of the pollution, above 400 around the time of the video. The United States government rates readings of 301 to 500 as “hazardous.” […] the government on Tuesday issued its first-ever national red alert for fog, saying visibility would be as low as 50 meters, or about 160 feet, across northern China.

In Europa scheint es einen noch schärferen Index für die Luftverschmutzung zu geben, denn wir wenden nicht den hier zitierten „Air Quality Index“ an, sondern den „Common Air Quality Index“, der nicht nur den momentanen Verschmutzungswert beinhaltet, sondern auch die Langzeiteffekte misst; hier der Wikipedia-Eintrag dazu. Die Skala nennt jedenfalls schon einen Wert von mehr als 100 als „sehr gefährlich“.

Auf den Air Quality Index normierte Werte gibt es übrigens in Echtzeit unter waqi.info zu sehen. Ich schreibe diesen Artikel am 6.1.2017 um 11:00 Uhr, der AQI-Wert in Wien liegt an der Messstation AKH bei 21 Punkten. In Beijing ist es gerade 17 Uhr und der über alle dort verorteten Messstationen ermittelte Durchschnittswert liegt bei 280 Punkten. Weitere Städte: Berlin 14, New York 28, Bangkok 93 und Shanghai 76.

Evan Willams über das grundlegende Problem nachhaltigen Wirtschaftens für eine Publishing-Plattform wie Medium, wenn nicht das sonst übliche Ziel der Skalierung im Vordergrund steht, sondern ein grundlegend anderes, wie zum Beispiel der Anspruch an Qualität.

In 2016, we made big investments in teams and technology aimed at attracting and migrating commercial publishers to Medium. And in order to get these publishers paid, we built out and started selling our first ad products. […] To continue on this trajectory put us at risk — even if we were successful, business-wise — of becoming an extension of a broken system. […] We decided we needed to take a different — and bolder — approach to this problem. We believe people who write and share ideas should be rewarded on their ability to enlighten and inform, not simply their ability to attract a few seconds of attention. We believe there are millions of thinking people who want to deepen their understanding of the world and are dissatisfied with what they get from traditional news and their social feeds. We believe that a better system — one that serves people — is possible. In fact, it’s imperative. So, we are shifting our resources and attention to defining a new model for writers and creators to be rewarded, based on the value they’re creating for people.

Williams trifft mit seiner Analyse den Nagel auf den Kopf, denn die Reduktion qualitativ hochwertiger Inhalte auf simple, nach Aufmerksamkeit heischende Impulstexte, ist ein Verlust, den ich medienübergreifend sehen, und aus Sicht der Verlagshäuser aber leider auch verstehen kann. Eine kontinuierliche Abwärtsspirale – wie einer der Investoren in Williams Firma treffend formuliert:

Publishing, as we know it, is broken. More specifically, publishing on the internet is broken. And more specifically still, publishing written content on the internet is broken. […] Link-bait has given way to click-bait which has given way to slideshows which have given way to fake news. While tactics change and evolve over time, they’re all powered by the same thing: a business model predicated around the almighty pageview.

[A number such as the pageview] can deceive when the goal is not actually to build the site with the most pageviews on the internet, but instead to fundamentally change the nature of publishing and reading. To do that, it’s not enough to simply be big. That’s part of the equation, to be sure. But just as vital is continuing to innovate on core product and experience while also building a sustainable model to make sure that all sides (publishers and readers) are deriving value — actual value — from the content, for the long-term.

Medium erliegt also dem gleichen Schicksal, dem sich auch andere ausgesetzt sehen, die hochwertige Inhalte online veröffentlichen wollen. Wenn das Unternehmen seinen Investoren gegenüber so argumentiert wie Uber, dann verkauft es ihnen wahrscheinlich am Ende ein Erlösmodell, das einem mit Buzzwords durchsetzten Äquivalent zum gewöhnlichen Zeitungsabonnement entspricht. Wenn es Medium gelingt, das Problem nachhaltig zu lösen, werden viele von dieser Lösung profitieren. Ich bin skeptisch.

Victoria Valentine stellt durch einen Zusammenschnitt aus einem Promotionsvideo einer Sorority mit einem Video zur Aufklärung über Mind Control-Kulte dar, wie Abhängigkeit durch Bewusstseinskontrolle geschaffen werden kann. Der Zusammenschnitt zeigt, wie die gleichen Mechanismen, die bei obskuren Kulten zur Anwendung kommen, auch in anderen Gruppen und Vereinen (in dem Fall eine Damenverbindung) eingesetzt werden.

Das Rezept ist ohnehin bekannt und doch so erfolgreich: Hol das Individuum in eine Gruppe, in dem du ihr ein vordergründiges und höheres Ziel aufzeigst, das es alleine nie erreich kann. Lüge über die Charakteristik und Beschaffenheit deiner Gruppe, in dem du dem Individuum geistreiche, aber sinnentleerte Eigenschaften präsentierst. Ist das Individuum deinem Kult beigetreten, isoliere es beim ersten aufkommenden Zweifel und implantiere es in eine Gruppe von Konvertiten. In seiner Einsamkeit und Isolation wird sich das Individuum an seine Umgebung anpassen; damit kannst du ihm diktieren, was Normalität ist. Führe dumme und kindische, vor allem aber repetitive Handlungen durch, die das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und intellektuelle Barrieren einreißen lassen. Ist das Individuum zum Teil deines Kollektivs geworden, erschaffe eine Außenwelt, die dazu beiträgt, das Wir vor das Sie zu setzen. Alles erledigt? Wunderbar. Du besitzt nun einen Kult um deine Idee.

Oft lohnt es sich, die Literatur vergangener Epochen mit der Brille aktueller Entwicklungen zu lesen. Die technische Mediation unserer Beziehungen hat sich verändert, die zugrundeliegenden Mechanismen der Soziologie und der Psychologie einer Partnerschaft hingegen nicht. Sie holt uns immer und immer wieder neu aufgelegt in unterschiedlichen Konstellationen ein. Literatur beschäftigt sich mit diesen Konstellationen, skizziert die Umstände und analysiert sie in Form der Handlung, den darin spielenden Akteuren und dem über allem stehenden Blickwinkel, der die Interpretation erst interessant macht. Die Literatur vergangener Epochen bietet sich für aktuelle Fragen umso mehr an, da sie einerseits die Fragestellung selbst nicht zum Thema macht (zum Thema Datenschutz denke ich da an The Circle), und sich andererseits dem Thema auf eine von den technischen Zwängen der Gegenwart befreiten Art und Weise nähert.

Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ein grundlegendes Argument für den Schutz der Privatsphäre in einer 1899 erschienenen Kurzgeschichte des russischen Autors Anton Tschechow („Die Dame mit dem Hündchen„) eine entscheidende Rolle spielen würde? Tschechow erzählt über die Begegnung des verheirateten Moskauers Dmitrij Dmitrijewitsch Gurow mit der ebenfalls verheirateten, jungen Anna Ssergejewna währende eines Kuraufenthalts in Jalta. Über Dmitrijs Avancen, Anna näher kennenzulernen, und die darauf folgende Affäre, die beide nicht wahrhaben und als Urlaubsflirt abtun wollen, bis sie bemerken, dass sie diese schicksalshafte Begegnung in Jalta für immer verändert und aneinander gebunden hat. Dennoch kehren sie zu ihren Eheleuten zurück, und führen dort ihre Leben weiter. Die Begegnung der beiden hat aber ihre Spuren hinterlassen, denn Dmitrij wird schmerzlich bewusst, dass er mittlerweile ein Doppelleben führt:

das eine Leben war offenbar, allen sichtbar und bekannt, voller konventioneller Wahrheiten und konventioneller Lügen und glich vollkommen dem Leben seiner Freunde und Bekannten; und das andere Leben verlief im geheimen. Die Umstände hatten sich aber seltsamerweise so gefügt, daß gerade das, was ihm wichtig, interessant und notwendig erschien, worin er aufrichtig war und sich niemals betrog, was den Kern seines Daseins bildete, in jenem geheimen Leben enthalten war, während alles, was Lüge und eine Maske war, hinter der er die Wahrheit verbarg, […] zu seinem sichtbaren Leben gehörte. Er beurteilte auch alle anderen Menschen nach eigenem Maßstabe, mißtraute einem jeden und glaubte, daß auch jeder andere Mensch ein zweites, geheimes Leben habe, in dem sich alles Wichtige und Interessante abspiele. Alles persönliche Leben wird von uns als ein Geheimnis behandelt; das ist vielleicht der Grund, warum jeder Kulturmensch so nervös um die Wahrung der Diskretion in seinen Privatangelegenheiten besorgt ist.

Tschechow beschreibt hier nichts anderes als die Bedingung der Privatsphäre, um sich selbst treu zu sein, sich weiter entwickeln und seinen Wünschen nachgehen zu können.

Und nun blicken wir auf die Gegenwart, in der Leute, junge wie alte, ihre Bedürfnisse über Social Media kundtun oder in E-Mails beschreiben, die sie über kostenlose E-Maildienste verschicken. Ihnen allen ist mehr oder weniger deutlich bewusst, dass nichts von dem, was sie mitteilen wollen, tatsächlich privat ist. Sie alle wissen, dass sie das, was ihnen „wichtig, interessant und notwendig“ erscheint, öffentlichkeitstauglich machen müssen und damit ihr Denken verändern. Zusammengefasst hat das Eric Schmidt mit seiner unbedachten Aussage „If you have something that you don’t want anyone to know, maybe you shouldn’t be doing it in the first place“. Doch kann man die Beziehung zwischen Dmitrij und Anna unter diese Aussage setzen? Ist sie eine Straftat, über die niemand bescheid wissen soll? Oder ist sie nur aufgrund der gegenwärtigen Konvention, die in einer Gesellschaft herrscht, Vergehen. Und wenn dem so ist, welcher Gedanke wäre zugelassen, um diese Konvention zu sprengen und eine neue Gesellschaft zu schaffen? Schnell wird klar, dass Tschechows Verständnis von privater Freiheit weitaus größer ist als was wir uns heute zu denken trauen.

Christoph Kuner hat Tschechows Kurzgeschichte im OUP-Blog diskutiert und sieht Tschechows Verständnis von Privatsphäre als unabdingbaren Wert für die innere Entwicklung eines Menschen.

Chekhov values privacy because it allows a higher quality of inner deliberation, and helps us remain true to ourselves. In his view, we tend to engage in greater dissembling and rationalisation in the way we act towards others than in private contemplation. Maintaining an inner, private sphere thus allows us to hold an honest inner dialogue and to see ourselves more clearly. In addition, human beings must retain the power to determine the limits of the private realm to which they can retreat, which cannot be wholly devolved to the state, regulators, or the private sector. Privacy must enable the individual to make meaningful choices about the limits of his or her inner life.

Chekhov’s examination of private life demonstrates his sensitivity to the distinction between what we really are and what we pretend to be to other people. While these insights reflect the highly stratified society of pre-revolutionary Russia in which he lived, they are still valuable for today’s computerised and globalised world, in which we are struggling to maintain a private realm and to define its boundaries.

Der Spin, dem wir alle unterliegen und der diese Wahrnehmung zerstören will, ist subtil. Wir dürfen aber nicht zu vergessen, das wir mit jedem Buchstaben, der in halböffentliche Netze fließt, Teile unseres Selbst zugunsten von Werbeeinnahmen (!) verlieren. Ja, so blöd ist das.

Ich mag Richard Stallmans Konzept der „Gründe gegen…“- bzw. „Was ist schlecht an…“-Seiten. Dort trägt er kontinuierlich Gründe gegen die Nutzung eines Service zusammen oder ergänzt Punkte, was schlecht an Firma XY ist, in seinen Listen. Beispiele: Apple, E-Books, Facebook, Google, Uber oder Netflix. (Er kritisiert aber auch Dinge wie Bezahltoiletten.)

Ich habe lange überlegt, wie ich solche thematisch fokussierten Seiten am besten hier auf mkln.org lösen kann. WordPress bietet ja einige Möglichkeiten: Tags, Kategorien oder, tatsächlich, Seiten. Die Liste der besten Kaffees in Wien ist beispielsweise eine Seite, wohingegen meine immerwährende Kritik an Facebook in einem Schlagwort (Tag) zusammengefasst ist. Ich denke, diese Art und Weise der Zusammenfassung ist die bessere, da die thematische Konsistenz ohne viel Aufwand erzeugt wird, wobei mir die völlige Freiheit bleibt, mehr oder weniger präzise der Überschrift einer Seite zu folgen. (Ich kann darüber schreiben, wie Facebook seine auf Nutzerdaten basierenden Marketingmaßnahmen stetig weiter entwickelt und dem Eintrag das Schlagwort „facebook“ zuordnen – und es passt. Auf der Seite zum Thema „Guter Kaffee in Wien“ wäre ein Bericht über die neue Kaffeemaschine im Kaffee X zwar inhaltlich irgendwie zugehörig, aber der Überschrift geschuldet unpassend.)

Gestern habe ich die letzten meiner insgesamt mehr als 14.000 Fotos und Videos, die ich in den letzten 12 Jahren bei Flickr hochgeladen habe, endgültig gelöscht. Die Aktion hat sich über mehrere Wochen erstreckt, denn einen automatisierten Download für diese Bildmengen gibt es nicht, und fiel mir nicht leicht. Die meisten meiner Fotos waren mit Geodaten ausgestattet, mit Schlagworten und entsprechenden Beschriftungen; mit der Eingabe dieser Daten habe ich Stunden verbracht. Sie alle sind nun verloren. Ebenso die Kommentare und Kommentarverläufe und damit die besonderen Momente, in denen ich online mit Menschen in Kontakt getreten bin, die ich später auch offline kennenlernen durfte. Und umgekehrt: Kommentare, die von Menschen online geschrieben wurden, die ich zuvor – oft unter abenteuerlichen Umständen – offline kennengelernt habe. Dass ich die Fotos habe löschen müssen, ärgert mich. Aber ich kann einem Unternehmen, dem es nicht und nicht gelingt, seine Nutzerdatenbanken zu schützen, mein Vertrauen für die sichere Aufbewahrung meiner Fotos einfach nicht schenken.

Und das ist schade, denn Flickr war der beste Fotodienst, den das Internet zu bieten hatte. Er stellte Speicherplatz zu Verfügung, auf den Nutzer Bilder hochladen, sie mit Geodaten und Schlagworten sortieren, in Alben oder ganzen Sammlungen organisieren und über all das hinweg für bestimmte Personengruppen freigeben oder sperren konnten. Nicht mehr und nicht weniger. Durch offene, aber thematisch fokussierte Gruppen, in die man Bilder posten konnte, öffnete man seine private Sammlung in eine Halböffentlichkeit. Durch spezielle Links konnte man auch gänzlich private Fotos mit einzelnen Personen teilen. All der Bullshit, den heutige Galeriemodule anbieten – Künstliche Intelligenz für die Sortierung von Fotos, Machine Learning fürs Auffinden aller Hundebilder, Was weiß ich was für ein Buzzword für was weiß ich welche Funktion – trägt nichts zur Qualität einer Fotogalerie, zum Aufkommen von Spaß oder zum Herstellen eines Kontakts mit anderen Menschen bei. Die automatisch generierten Bildsammlungen sind genauso kalt wie die Algorithmen, die sie erschaffen. Und deshalb interessieren sie auch niemanden mehr.

Sicher ist es einfacher, alle Fotos einer Person mittels automatischer Gesichtserkennung aus dem Konvolut von Bildern ausheben zu lassen. Klar ist es bequemer, Geodaten aus im Bild erkannten Objekten zu finden. Und sicher ist es schneller, Alben aus bestimmten Eckdaten automatisiert erstellen zu lassen. Doch was bringen mir all diese Funktionen außer den Verlust der Zeit, die ich für die Beschäftigung mit meinen Bildern aufbringen wollte? Habe ich nichts besseres zu tun? Nein, verdammt nochmal, ich habe nichts besseres zu tun, wenn ich mich mit meinen Fotos beschäftigen will! Ich will meine Daten selbst einpflegen, ich will meine Schlagworte selbst eingeben und ich will meine Alben von Hand sortieren. Ich will keine Personen auf Bildern vorgeschlagen bekommen, ich will keine Orte, keine Schlagworte… sondern einfach nur die Ruhe, mich damit beschäftigen zu können.

All das ist nun leider Geschichte. Ich kann meine Fotos nun bei Facebook hochladen – okay, wir wissen, dass ich das nie tun würde – oder einen dafür spezialisierten Service wie SmugMug nutzen. Was diesen Services (und selbst Facebook) jedoch fehlt, ist die auf Flickr einzigartige Community, die ich mit meinem Abschied von Flickr schweren Herzens auch verlasse. Ich verlasse thematisch fokussierte Diskussionen, freundliche (aber nicht unbedingt kritiklose) Kommentare und den Luxus der Unmöglichkeit, mit einem simplen Klick – quasi einem „Like“ – etwas zu sagen ohne etwas zu sagen.

Es waren 12 schöne Jahre mit vielen neuen Bekanntschaften. Wenn aber die letzten Jahre nur noch daraus bestehen, melancholisch Erinnerungen hervorzukramen und sich daran zu klammern, dann ist es allerhöchste Zeit fürs Schlussmachen.

Bye, bye, Flickr!

Man muss schon ein ruhiges Gemüt haben, um bei dieser Sammlung aus „Knapp vorbei…“-Situationen ruhig zu bleiben. Wer aber schon soweit ist, kann sich der genussvollen Unzufriedenheit hingeben.

Im New York Magazine empfiehlt Jake Swearingen allen Leserinnen und Lesern, ihre Facebook-Konten zu löschen und den Service endgültig zu verlassen. Er reiht sich mit seinem Argument und seiner detaillierten Schritt-für-Schritt-Anleitung in die lange Schlange von Menschen ein, die gleiches empfehlen.

Facebook has become so omnipresent — over 1.8 billion people worldwide are on the service […] — that leaving can feel a bit like you’ll be missing out. But you’ll still know when the people you truly care about get engaged or have a baby or any of the other things we use Facebook to announce nowadays. You just won’t know when that person you played church-league basketball with has a new kid. And that’s information you can probably live without.

Keine Sorge, du versäumst nichts, was dir nicht ohnehin egal gewesen wäre oder dich nicht gelangweilt hätte. Und ein Tag auf Facebook (und noch einer) hat mir gezeigt, dass dort fast alles egal oder unendlich langweilig ist. Ausbruch aus dem blauen Gefängnis? Bitte hier entlang zu meinem Artikel „Facebook-Konto löschen„.

Wir wenden unseren Blick auf Google und andere Suchmaschinen und lesen einen Teil des Abstracts eines Papers von Aleksandr Chuklin und Maarten de Rijke. Unser Fokus liegt dabei nicht auf ihren zwei Fragen, sondern auf der Voraussetzung für die zwei Fragen.

Modern search engine result pages often provide immediate value to users and organize information in such a way that it is easy to navigate. The core ranking function contributes to this and so do result snippets, smart organization of result blocks and extensive use of one-box answers or side panels. While they are useful to the user and help search engines to stand out, such features present two big challenges for evaluation. First, the presence of such elements on a search engine result page (SERP) may lead to the absence of clicks, which is, however, not related to dissatisfaction, so-called “good abandonments.” Second, the non-linear layout and visual difference of SERP items may lead to non-trivial patterns of user attention, which is not captured by existing evaluation metrics.

Das ist schon eine interessante Sache: Mit dem „Nutzen für die User“ rechtfertigen Suchmaschinen, Suchergebnisseiten so aufzubereiten, dass sie weiteres Klicken de facto unnötig machen. Gleichzeitig versuchen die Websites derjenigen, die die Quellen für die angezeigten Informationen ausliefern, eben jenen Klick zu erlangen, der in weiterer Folge womöglich zu irgendeiner Conversion führt. Fehlt aber eben jener Klick, dann wird plötzlich die Argumentation für oder wider das Leistungsschutzrecht interessant, denn dort wird er in beiden Fällen vorausgesetzt.

Barbara Kaufmann schreibt über unsere Angst vor dem Schlussmachen, wie wir sie mit Ersatzhandlungen überspielen, ignorieren und hinauszögern, um, wenn überhaupt, festzustellen, dass das Warten letzten Endes nur uns selbst geschadet hat.

[Man hält] an einer Beziehung fest, die einsam macht. Und das vor allem in Gegenwart des anderen. Zusammen ist man nur noch mehr allein. Da werden melancholisch Erinnerungen hervorgekramt, an die man sich klammert. Ängstlich, weil man fürchtet, keine neuen mehr schaffen zu können. Mit einem anderen Menschen, in einem anderen Leben, das man sich erst aufbauen müsste, für das es jedoch noch keinen Bauplan gibt. […] Also lässt man nicht los, sondern grübelt. Rekonstruiert wie ein Detektiv die Vergangenheit, zerlegt sie und setzt sie noch einmal zusammen. Als könnte man Geschehenes dadurch verändern. […] Das Grübeln wird zum Dauerzustand. Die Trauer unbewältigbar. Weil der Abschied noch vor einem liegt.

Doch auch nach außen hin kommt Schlussmachen manchmal gar nicht gut. Die Reflexion über die eigene Beziehung soll undenkbar bleiben, beinhaltet sie doch die Möglichkeit des Grübelns, der Rekonstruktion der Vergangenheit, der Analyse des Geschehenen. Das kann die Illusion zerstören.

Deshalb mag man die Arbeit, das Büro, das Mittagessen mit den Kollegen. Dort gibt es Gewissheit über den guten Zustand, dort herrscht Einigkeit, denn

Wer geht, ist nicht beliebt. Weil er zeigt, dass nicht alles gut bleibt, was gut ist. Weil er sichtbar macht, dass es ein Ende gibt. Weil er andere unglücklich macht und traurig.

Weil der Abschied damit zu einer Möglichkeit wird. Und niemand will unglücklich sein und traurig.

In einer Zeit als Blogs noch das A und O waren, hat Shaun Inman zwei Produkte auf den Markt gebracht, die in ihrer Zeit eine wirklich feine Sache waren: Das selbst gehostete Statistiktool Mint und den selbst gehosteten Newsreader Fever. Beide Produkte werden, wie Shaun Inman gestern auf seinem Blog mitgeteilt hat, nicht mehr weiterentwickelt.

As of today I’m officially suspending sales and support of Mint and Fever. But! As self-hosted software, absolutely nothing changes and you can continue using both Mint and Fever as you were yesterday. […] Over the course of developing Mint and Fever I’ve learned to avoid developing features I won’t personally use because I won’t notice when they break. It’s time I admit to myself that Mint and Fever are features I don’t use.

Ich habe beide Programme (um etwa jeweils 30 USD) gekauft und 2010 in einem Blogpost beklagt, dass ich das getan, somit „leider“ für sie bezahlt habe. Heute sehe ich die Sache ein wenig anders.

Mit dem Kauf von Mint und Fever habe ich einen Entwickler unterstützt, der (1) unabhängige, (2) frei entwickelte, (3) dezentrale und (4) nur in weiterer Folge von kommerziellen Interessen geleitete Software entwickelt hat, die vom Nutzer (5) Interesse an und (6) grundlegende Kenntnisse über die Beschaffenheit und Funktionsweise des Internets voraussetzt: Server, deren Betriebssysteme, Applikationsebenen, Verknüpfungen, Verlinkungen, usw. – Alles Qualitäten, die heute irrelevant geworden sind.

Insofern ziehe ich mein „leider“ von damals für diese beiden Applikationen zurück und bedauere sogar ein wenig, dass die Anzahl der wirklich freien und dezentralen Softwareprojekte um die Zahl 2 abgenommen hat. Andererseits kann ich es mir nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, wie – technisch gesehen – irrelevant das Ende der Weiterentwicklung beider Programme ist: Der Quellcode ist auf allen Servern, die die Programme installiert haben, frei einzusehen. Wer auch immer möchte, könnte nun die Entwicklung wieder aufnehmen und sich die Applikationen an seine Bedürfnisse anpassen. Und selbst in der Benutzung der Programme ändert sich solange nichts, solange das Wirtssystem nicht grundlegend verändert wird: Auch das ist ein riesiger Vorteil gegenüber Onlineservices, die mit ihrem Ende im besten Fall Nutzer vor den Kopf stoßen und im schlimmsten zu völligem Datenverlust führen.

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