Kultur der Videos auf Apple Fitness+

Je länger ich mir die Videos auf der Website zu Apple Fitness+ ansehe, umso dystopischer und erzwungener wirken sie auf mich. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass mir hier unterschwellig eine Kultur als Norm präsentiert wird, die definitiv nicht die meine ist.

Texte, die (online) gelesen werden

Öfter höre ich, vor allem von Menschen, die sich mit Onlinemarketing beschäftigen, dass Menschen Texte, vor allem lange Texte, nicht lesen. Man solle die Texte in Passagen gliedern, so viele Überschriften und Elemente, die den Text aufpolieren, wie nur möglich, nutzen, denn Skimmen, das tun sie, die Leserinnen und Leser, aber lesen… nicht. Passend dazu lese ich auf Twitter:

When I worked at NYT, I had access to a plug-in that told me what percentage of readers dropped out of an article, and at what point they stopped reading, and my advice to most of you is that your articles are too long.

@lostblackboy

Das kann man nun für wahr nehmen, aber wenn ich mir meine eigenen Statistiken ansehe, dann stehen die eigentlich in direktem Widerspruch dazu. Am allerbesten gehen die langen Beiträge, die mit mehreren tausend Zeichen; Beiträge in denen ich in die Tiefe gehe, ein Thema halbwegs ausführlich behandle. Kurze Beiträge werden zwar betrachtet (und wahrscheinlich auch gelesen, so kurz wie sie sind), aber sie stehen in keiner Relation zu den langen. Und so dürfte es nicht nur mir, hier, auf meinem Blog gehen, sondern auch den ganz Großen. Alice Bota schreibt zum Beispiel als Antwort auf den oben zitierten Tweet:

Zu den mit am häufigsten von vorn bis hinten gelesenen Texten bei @DIEZEIT gehören die Dossiers. Etwa 30 000 Zeichen. Texte, die nicht gelesen werden, sind nicht zu lang, sondern zu langweilig, zu überfordernd, zu lieblos.

@AliceBota

Und das ist es wohl: zu langweilig, zu überfordernd, zu lieblos. Ich dehne diese Definition auf alles aus, Bücher, Filme, Serien, Essen… und stimme ihr vollinhaltlich zu. Das ist zwar kein befriedigendes Ende eines Beitrags, aber es ist ein Abschluss unter ein Statement, das ich unterstützen kann und dessen Materialisierung ich in nächster Zeit umso mehr an mir beobachten werde. Sind es die langen Beiträge, an denen ich woanders hängen bleibe? Oder sind es kürzere, die mich halten? Ich möchte jetzt schon festhalten, dass ich von ersterem Szenario ausgehe. Mal sehen.

Ray-Ban Stories

Es vergeht kein Tag, an dem die Dystopie nicht noch mehr Wahrheit wird: Ray Ban hat sich tatsächlich überreden lassen, sein Label für „Stories“, eine Facebook-Datenbrille, herzugeben, mit der Fotos und Videos gemacht, und Podcasts gehört werden können. Datenschutz adé, auch wenn es im Ankündigungsbeitrag bei Facebook heißt:

From the start, we designed Ray-Ban Stories with privacy in mind, adding numerous built-in features to provide control and peace of mind to both device owners and bystanders.

Introducing Ray-Ban Stories: First-Generation Smart Glasses

Facebook hat auch eine Privacy-Microsite zur Brille erstellt, die mit fast schon peinlich offensichtlichen Hinweisen („Respect people’s preferences“, „Keep your eyes on the road“, „Power off in private spaces“) versucht, das, wofür man sich die Brille kauft, durch PR – für mich ist diese Seite nichts anderes – wettzumachen.

Die Brille ist in meinen Augen eine Katastrophe. Denn genau dort, wo man sie nicht nutzen soll, wird sie, denke ich, zur Anwendung kommen. Es wird nicht lange dauern, bis ein Facebook-Daddy die Geburt seines Kindes oder ein Spanner an einem Strand die Badenden aufzeichnen wird. Es wird nicht lange dauern, bis wenig reife Gehirne in der Umkleidekabine, wenn nicht sogar in der Dusche filmen werden und diese Videos dann online auftauchen. Es wird nicht lange dauern, bis Autorennen aus dem POV gefilmt werden, nicht lange, bis jemand auf Demonstrationen mitmarschieren und Personen dort filmen wird, nicht lange, bis Kirchen und andere kultische Stätten filmtechnisch erkundet sind, nicht lange, bis es Videos geben wird, auf denen Personen zu sehen sind, die nicht wollen oder nicht wissen, dass sie gefilmt werden. Es wird nicht lange dauern, bis Einzelne, die sich nicht anders zu wehren wissen, handgreiflich werden, weil jemand mitfilmt, der nicht mitfilmen soll, oder auch nur die Vermutung besteht, dass mitgefilmt werden könnte. Und selbst dann ist es fraglich, wie man die Daten, die ja offenbar am Smartphone landen, wieder von dort entfernen kann.

Diese Brille ist in meinen Augen eine Katastrophe. Dass sich Ray Ban dafür hergegeben hat, finde ich widerlich.

Triest: Salat Ripovich

Triest. Jedes Mal, wenn ich da bin, frage ich mich, warum ich da bin. Jedes Mal, wenn ich wieder weg bin, finde ich, dass es gut war, da gewesen zu sein. Was man aber keinesfalls machen sollte: Am Samstag Abend hier ankommen. Denn selbst im MOLO 4 wird’s am Samstag Abend eng. Und dann lohnt es sich doch wieder, wenn man mitten in einem aufgelassenen Hafengelände parkt und sich dort auch fototechnisch ein wenig ausleben kann.

WhatsApp führt verschlüsselte Backups ein

WhatsApp, nicht gerade ein Liebkind auf meinem Blog, aber doch immer irgendwie bemüht, für Sicherheit zu sorgen, beginnt sich zu mausern und führt verschlüsselte Backups ein. Damit ist WhatsApp mit einem Schlag technisch sicherer als iMessage, das Backups nach wie vor nicht verschlüsselt.

With E2EE backups enabled, backups will be encrypted with a unique, randomly generated encryption key. People can choose to secure the key manually or with a user password. When someone opts for a password, the key is stored in a Backup Key Vault that is built based on a component called a hardware security module (HSM) — specialized, secure hardware that can be used to securely store encryption keys. […] The HSM-based Backup Key Vault will be responsible for enforcing password verification attempts and rendering the key permanently inaccessible after a limited number of unsuccessful attempts to access it. These security measures provide protection against brute-force attempts to retrieve the key. WhatsApp will know only that a key exists in the HSM. It will not know the key itself.

How WhatsApp is enabling end-to-end encrypted backups

So viel Positives und dann doch: WhatsApp ist Facebook, was bedeutet, dass grundsätzliche Vorsicht geboten ist.

Update am 14. Oktober 2021: Das Feature ist nun verfügbar und kann mit wenigen Klicks eingeschalten werden.

Trailer zu Matrix Resurrections

Yes! Sehr, sehr viele Menschen, die mit dem Anspruch und der Qualität längst vergangener Zeiten aufgewachsen sind, werden sich auf diesen Film freuen. Meine Güte, wenn nich mir jetzt Teil 2 und 3 von The Matrix ansehe und mit anderen, aktuellen Filmen vergleiche, dann wirken selbst diese oft kritisierten Fortsetzungen des ersten Teils wie anspruchsvolle Arthaus-Filme. Ich freue mich auf Dezember (und fürchte ein wenig, das die Vorfreude nicht erfüllt werden könnte, ignoriere das aber geflissentlich, denn mit dieser Einschränkung muss man sich heutzutage, wir schreiben das Jahr 2021, wohl abfinden).

WhatsApp kann Nachrichten doch lesen? Moment, bitte!

Auf ProPublica wird behauptet, Facebook würde WhatsApp-Nachrichten mitlesen. Das Medien und Social-Media-Echo ist groß, andere Medien – bspw. die Futurezone – titeln „Facebook liest bei WhatsApp-Nachrichten mit„. Soetwas ist für einen Messengerdienst, der mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung wirbt und der ohnehin im Umfeld des Mutterkonzerns (zumindest in meinen Augen) ein Glaubwürdigkeitsproblem hat, mehr als unangenehm. Was also steht da eigentlich drinnen, in diesem nun viel zitierten Artikel auf ProPublica? Hier die relevante Passage:

WhatsApp messages are so secure […] that nobody else — not even the company — can read a word. […] WhatsApp emphasizes this point so consistently that a flag with a similar assurance automatically appears on-screen before users send messages: “No one outside of this chat, not even WhatsApp, can read or listen to them.”

Those assurances are not true. WhatsApp has more than 1,000 contract workers filling floors of office buildings in Austin, Texas, Dublin and Singapore, where they examine millions of pieces of users’ content. […] These hourly workers use special Facebook software to sift through streams of private messages, images and videos that have been reported by WhatsApp users as improper and then screened by the company’s artificial intelligence systems.

How Facebook Undermines Privacy Protections for Its 2 Billion WhatsApp Users

Ist man bei Facebook tatsächlich schon so abgehoben, die eigenen User dermaßen hinters Licht zu führen und sicherheitsrelevante Informationen lediglich als Werbemasche anzuführen? Alles in mir möchte „Ja!“ schreiben, aber – meine Güte, dass ich mich jemals in einer Position befinden würde, Facebook zu verteidigen, das schmeckt mir jetzt gar nicht, aber was soll’s: – dem ist mitnichten so. Etwas weiter im Text wird der Vorgang, der die Entschlüsselung und Moderation darstellt (WhatsApp beharrt darauf, dass es sich bei dem Vorgang nicht um Moderation handelt), nocheinmal geschildert:

Because WhatsApp’s content is encrypted, artificial intelligence systems can’t automatically scan all chats, images and videos, as they do on Facebook and Instagram. Instead, WhatsApp reviewers gain access to private content when users hit the “report” button on the app, identifying a message as allegedly violating the platform’s terms of service. This forwards five messages — the allegedly offending one along with the four previous ones in the exchange, including any images or videos — to WhatsApp in unscrambled form, according to former WhatsApp engineers and moderators. Automated systems then feed these tickets into “reactive” queues for contract workers to assess.

Und hier, selbst in meinem Beitrag, wird zum zweiten Mal erwähnt, was tatsächlich passiert: Ja, Facebook bzw. WhatsApp kann Nachrichten lesen, aber – und dieses Aber ist der entscheidende Punkt – nur, wenn Userinnen und User Nachrichten melden. Nur dann erhalten die „Moderatoren“ (die nunmehr keine sind, weil Moderation proaktiv erfolgt, in dem Fall aber nur auf Zuruf) Zugriff auf die letzten 5 Nachrichten, um beurteilen zu können, ob es sich bei der betreffenden Nachricht um einen Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen handelt. Die Aussage, WhatsApp würde mitlesen oder es gäbe keine Verschlüsselung ist in meinen Augen demnach als nichtig zu betrachten. Auch Signal- oder Telegram-Nachrichten sind „nicht verschlüsselt“, wenn jemand einen Screenshot davon erstellt. Und in etwa so verhält es sich auch bei der Report-Funktion von WhatsApp.

Was bedeutet das aber für den Datenschutz und die Verschlüsselung des Messenger-Dienstes an sich? Nun ja, eigentlich einen Gewinn für die Privatsphäre, denn es gibt einen Kanal, der es möglich macht, Verschlüsselung willentlich aufzuheben, um sich (im Rahmen der Nutzungsbedingungen) zu schützen. Sofern WhatsApp die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung beibehält und sie nur im Falle einer von einer Userin oder einem User aktiv durchgeführten Meldung für genau 5 Nachrichten aufhebt, die dann an die „Moderationsteams“ geschickt werden, dann ist das eine Stärkung der Sicherheit und keine Schwächung. Gäbe es nämlich diese Meldefunktion nicht, würde sich WhatsApp früher oder später mit Forderungen anderer, deutlich potenterer Akteure wie zB Behören konfrontiert sehen, die Zugriff auf die Nachrichten fordern würden.

Natürlich ist die Sache ein Trade-Off, aber einer an den man sich, wenn es um Verschlüsselung geht, gewöhnen wird müssen. Casey Newton hat das in einem Kommentar zum ProPublica-Artikel auch angeführt:

What WhatsApp has done instead of all this to attempt finding a middle ground – enabling individual users who are experiencing abuse to report that to the platform, while offering limited cooperation with law enforcement when it is legally required to do so.

By taking this approach, WhatsApp has sought to ensure the long-term survival of end-to-end encryption for average consumers by offering a set of policies that most lawmakers may be able to live with. The vast majority of users get truly private communications; users experiencing abuse get help from the platform that is enabling it; and law enforcement gets limited tools to fight crime.

Insofern verstehe ich die Kritik des ProPublica Artikels nicht. Es hätte eigentlich Lob sein müssen.

ProtonMail hat’s erwischt

Der auf Datenschutz und Sicherheit ausgelegte E-Maildienst ProtonMail hat die IP eines Klimaschützers mit dem Verweis auf eine schwere Straftat an die Polizei übergeben. Das sollte, laut Werbeversprechen, eigentlich nicht möglich sein.

Update am 12.9.2021: ProtonMail loggt IP-Adressen.

TikTok wird YouTube gefährlich

TikTok beginnt nun den ganz großen ihre Plätze streitig zu machen. Die Engagement-Werte für die Android-App übertreffen die von YouTube. Tendenz steigend; der Netzwerkeffekt ist in vollem Rollout.

In the UK, TikTok surpassed YouTube back in June 2020, and has maintained its lead since. In the US, TikTok and YouTube traded places multiple times late last year before TikTok emerged on top in April 2021. […] Among social, communication, photo, video and entertainment apps, TikTok is ranked as the most-downloaded worldwide since 2020. It also competes with YouTube for the top spot in consumer spending since last year.

TikTok overtakes YouTube for average watch time in US and UK

Die Werte stammen nur von Android-Geräten und China ist in der Berechnung nicht berücksichtigt, aber gefühlt wirkt YouTube im Vergleich zu TikTok ohnehin schon länger wie damals Yahoo! im Vergleich zu Google. Doch es ist nicht nur YouTube, das mit TikTok zu kämpfen hat. Im Frühjahr habe ich bereits einen Bericht gepostet, aus dem hervorgeht, wie sehr Facebook an TikTok verliert und schon damals hat es geheißen, „TikTok is projected to land itself a spot amongst these apps before the year is out.“ Das dürfte sich dann wohl auch ausgehen.

Fettleibigkeit ist ein Rätsel

Auf Slime Mold Time Mold (!) widmet man sich dem Thema Fettleibigkeit und stellt sehr schnell fest, dass absolut nichts so zu sein scheint, wie es scheint. Aus der Einführung:

The first mystery is the obesity epidemic itself. It’s hard for a modern person to appreciate just how thin we all were for most of human history. A century ago, […] about 1% of the population was obese […]. Now it’s about 36%. […] Another thing that many people are not aware of is just how abrupt this change was. […] The rate of obesity in most developed countries was steady at around 10% until 1980, when it suddenly began to rise. […] Humans aren’t the only ones who are growing more obese — lab animals and even wild animals are becoming more obese as well. […] Domestic pets like dogs and cats are all steadily getting fatter and fatter.

A Chemical Hunger – Part I: Mysteries

Der wirklich mehr als lesenswerte und sehr, sehr lange Artikel „A Chemical Hunger“ räumt dabei mit allerlei irrgeleiteten Vorstellungen auf, die – ich muss es zugeben – auch ich für richtig und korrekt gehalten habe. Besonders im zweiten Kapitel, in dem nach den Gründen für Fettleibigkeit gesucht wird und praktisch jede mir bekannte Diät ihren Senf abbekommt, hatte ich etliche – etliche! – Momente der Erkenntnis. Und wenn ich den Kolleginnen und Kollegen beim Mittagstisch über ihre Detox-Kuren und Trenddiäten zuhöre, dann weiß ich jetzt mehr als vorher.