Wer ist Schuld an der App-Skepsis?

Wenn ich lese, wie die banale Verwaltung von Daten auf große Skepsis stößt, dann frage ich mich, ob wir, also diejenigen, die den Datenschutz eingemahnt und auf die Gefahren von Datenmissbrauch hingewiesen haben, es waren, die das gegenwärtige Unbehagen auch bei als datenschutzfreundlich auditierten Apps ausgelöst haben oder ob es doch eine generische Furcht vor den üblichen Datenkraken ist, die die Menschen davon abhält, nützliche und der Bekämpfung der Pandemie dienliche Apps zu installieren und zu verwenden.

Menstruations-Apps geben Daten an Facebook weiter#

Privacy International hat populäre Menstruations-Apps (diverse Period Tracker, Maya, MIA, Mobapp, My Period Tracker, Ovulation Calculator und Mi Calendario) unter die Lupe genommen und kommt zu einem katastrophalen Ergebnis.

Intimate details of the private lives of millions of users across the world are shared with Facebook and other third parties without those users’ free, unambiguous and informed or explicit consent, in the case of special-category (sensitive) personal data, such as data relating to a user’s health or sex life.

Es lohnt sich ganz besonders, den Artikel zu lesen, denn das Ausmaß, mit dem teilweise höchst private Daten mit Facebook (und anderen Werbepartnern!) geteilt werden, ist gigantisch. Immerhin, es lohnt sich für die Apps kommerziell, diese Daten weiterzuleiten, schlichtweg, weil der Werbewert einer schwangeren Frau so dermaßen hoch ist!

Before you start, MIA wants to know if you intend to use the app as a regular period tracker, or if you are trying to get pregnant and using it to maximise your chances. […] The moment you click on the icon to let the app know you are trying to get pregnant, you are immediately targeted with an ad for a premium version to of the app to help you conceive. The information is also shared with Facebook. […] The data of pregnant women is particularly valuable to advertisers: expecting parents are consumers who are likely to change to their purchasing habits. In the US for instance, an average person’s data is worth $0.10, while a pregnant woman’s will be $1.50.

Und es ist widerlich, was da abgeht; wirklich widerlich. Ich würde niemals einem Unternehmen meine Daten anvertrauen, das schon initial so problematisch damit umgeht, denn so eine Unternehmenskultur ist tief verwurzelt und wird sich nicht so schnell ändern, auch wenn das Unternehmen Besserung verspricht (siehe Artikel). „Einmal das Vertrauen gebrochen, nie wieder genutzt,“ sollte die Devise sein.

Jedenfalls bin ich froh, aber auch erstaunt, dass die Wienerin (!) über die Datenweitergabe berichtet hat. Gut so, großes Lob! Und hier habe ich ein Video vom Guardian gefunden, dass sich mit dem Thema „How period apps are making other people rich“ beschäftigt. – Das ist alles eine gute Sache und alle, die es betrifft, sollten sich sehr genau damit beschäftigen, wem sie welche Daten anvertrauen.

App statt Web#

Walled Gardens in Form von Apps wie Facebook, WhatsApp oder Instagram, die noch dazu alle von einer einzigen Firma entwickelt und betrieben werden (nämlich Facebook), sind das, was wir heute als das Internet wahrnehmen. Das hat es vor 30 Jahren schon einmal gegeben. Damals hießen die großen Player BTX, CompuServe und AOL.

Das vor etwas mehr als zehn Jahren entstandene Web 2.0 ist im Kommunikationsalltag der meisten Menschen kaum noch relevant: Private Blogs spielen heute fast keine Rolle mehr, Nutzer veröffentlichen ihre Inhalte überwiegend auf geschlossenen Silos wie Facebook, Snapchat, Musical.ly oder Instagram […] Das dezentrale und offene Internet hat sich zentralisiert. […] Das Internet zu Beginn des Jahres 2017 weckt damit Erinnerungen an die Anfänge der Online-Revolution: Wie einst auf den geschlossenen Plattformen BTX und Compuserve bleiben die Nutzer bei Snapchat unter sich. Rund 35 Jahre nach Einführung von BTX prägen wieder sogenannte Walled Gardens den Alltag der meisten Internetnutzer. Die Apps nutzen die technischen Grundlagen des offenen und freien Internets, entsprechen aber nicht mehr seinem Geist.

Den „Gegentrend“, den Stephan Dörner im t3n-Magazin zu sehen vermeint, kann ich nicht erkennen. Eher noch eine umso stärkere Zentralisierung, denn die Einschränkung durch Apps und das Walled Garden-Phänomen gibt es seit spätestens 2010. Ja, es werden immer weniger Apps heruntergeladen, installiert und benutzt, aber das bedeutet nicht, dass die Hersteller der wenigen Apps, die übrig bleiben – und das sind die eingangs genannten – nicht umso mehr daran setzen werden, ihre ausbeuterischen Angebote als das freie und offene Internet zu propagieren. Und das ist der essentielle Unterschied zu früher.

Weniger Stromverbrauch durch laufende iOS-Apps

Ja, auch ich habe iOS-Apps, die im App-Switcher sichtbar waren, manuell beendet. Ja, auch ich bin davon ausgegangen, dass die Apps, auch, wenn sie nicht mehr aktiv sind, noch einige Zeit lang (es sind übrigens genau zehn Minuten) im Hintergrund weiter ausgeführt werden und deshalb Strom verbrauchen.

Der umzäunte Garten Internet#

Es ist schon erstaunlich, wie schnell soetwas geht. Erst vor drei Jahren habe ich auf einen Artikel verlinkt, in dem vor der Parzellierung des Internet durch Apps und in sich geschlossene Netzwerke (wie Facebook) gewarnt wurde. Heute zeichnet Mark Surman vom Mozilla Projekt ein trübes Bild der Fortsetzung dieses Prozesses.

Right now the web is a huge source of empowerment; it’s the spark for untold amounts of creativity and innovation. But I worry that as billions more people come online in the next decade, they won’t have the same Web we had. These [do it yourself] ideals are losing ground as the mobile Internet becomes less open, less accessible to every-day people. Fewer and fewer individuals getting online today have the know-how or the tools to make the Internet theirs, to create their song, share their cause, or spread their idea in the broader digital world. Mobile is a gated world where you have to ask permission to build a new cool thing and put it in an app store. There has never been a more important time than now to roll up our sleeves and build it, teach it; loosen the gatekeeper’s grip.

In einem Gespräch mit einem Freund erwähnte dieser beiläufig, dass alle, die heuer jünger als 14 oder älter als 41 seien, das Internet ohnehin nicht so verstünden wie wir. Sie würden es nur als die unsichtbare Black Box wahrnehmen, aus der die kostenpflichtigen Apps auf ihren mobilen Endgeräten ihre Daten holten.

Apps, die umzäunten Gärten des Internet

#Viele Netzbeobachter sehen die Zukunft des Internet in „Walled Gardens“, also in Form von Subsystemen des Web, die Inhalte in an ein bestimmtes Format gebundener Form verfügbar machen. Fürs eBook braucht man Amazons Kindle; für Apps benötigt man Apples iPhone oder das iPad; um Inhalte hochladen zu können, benötigt man ein Facebook-Konto. Was sie alle gemeinsam haben? Das Internet ist ein kostenloses und offenes System – gewesen. eBooks, Apps und Facebook machen daraus eine Ansammlung von zum Teil kostenpflichtigen Subsystemen.

Was früher AOL, Prodigy und CompuServe gebildet haben, bilden jetzt Facebook, Apple und andere geschlossene Systeme: Subsysteme des Internet, die vermeintlich Erleichterungen und Benefits mit sich bringen.

Diese Entwicklung, hier am Beispiel Facebook, wird über kurz oder lang zum Problem werden.