Facebook kassiert Höchststrafe#

In Großbritannien wurde Facebook wegen des Cambridge Analytica-Skandals mit der möglichen Höchststrafe unter dem Data Protection Act (der britische Vorgänger der DSGVO) belegt: 500.000 Pfund.

In the first quarter of 2018, Facebook took £500,000 in revenue every five and a half minutes. Because of the timing of the breaches, the ICO said it was unable to levy the penalties introduced by the European General Data Protection (GDPR), which caps fines at the higher level of €20m (£17m) or 4% of global turnover – in Facebook’s case, $1.9bn (£1.4bn). The £500,000 cap was set by the Data Protection Act 1998.

Einerseits gut, weil klar wird, dass der rechtliche Rahmen für Facebooks Vorgehen die Höchststrafe in einem Datenschutzvergehen vorsieht. Andererseits ist sich’s für Facebook wirklich gerade noch ausgegangen, „nur“ die halbe Million und nicht die zukünftig 1,9 Milliarden USD zahlen zu müssen.

Auch private Nachrichten…#

Ziemlich wahrscheinlich sind bei dem ganzen Cambridge Analytics-Desaster auch private Nachrichten und nicht nur quasi-öffentliche Statusupdates übermittelt worden.

For the users who did install the app, potentially their entire mailbox history was uploaded. Those users, however, would have been explicitly notified – through a simple clickthrough panel listing all the permissions they were handing over – that they were granting mailbox access.

LOL.

Facebooks PR-Strategie nach dem CA-Desaster#

Facebook wird durch immer neue Enthüllungen gezwungen, die Zahl der vom Cambridge Analytica-Desaster betroffenen User kontinuierlich zu erhöhen. Zuerst waren es 50 Millionen, gestern schon 87 Millionen und kurze Zeit später schon 2 Milliarden User, deren Daten außer Kontrolle geraten waren.

John Gruber nennt diese Taktik Drip-Drip-Drip PR

and Facebook utilizes it every time they have bad news involving a number of users. First they announce a low number, then a higher number, and then an even higher number. Notice that their mistakes always — always — start low and then go high. They never once announce that their original number was too high.

Das ist alles so dermaßen ungut…

Facebook-Daten bei Cambridge Analytica

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

Cambridge Analytica wurde von Facebook suspendiert. Im Mittelpunkt der Suspendierung steht die Beschuldigung, Cambridge Analytica habe Daten von Facebook-Nutzern über die App eines Drittanbieters (gegen die Nutzungsbedingungen) erworben und sie nach Aufforderung nicht gelöscht, sondern weiterhin genutzt.

Was „genutzt“ seitens Cambridge Analytica in diesem Zusammenhang bedeutet, macht das hier verlinkte Video klar, in dem Christopher Wylie, der Whistleblower, der das alles ans Tageslicht gebracht hat, die Praktiken des Unternehmens aufzeigt. Mir gefallen auch die ganz grundlegenden Überlegungen, die er da von sich gibt; spätestens, wenn man feststellt, dass auch in Österreich ein „Shared Understanding“ (Wylie erwähnt das bei 10m36s) fehlt, weil Meinungsmache auf einem individuellen Level und weit vor der herkömmlichen politischen Kampagne abläuft, wird’s unangenehm. Und erinnert so stark an die Polarisierung, derer wir alle Zeugen geworden sind.


Die Erkenntnisse über die Datenlecks bei Facebook oder das Verhalten von Cambridge Analytica sind für sich genommen schon ein Wahnsinn. Doch was lernen wir daraus? Wie können wir das Wissen um diese Ereignisse für uns selbst nutzen? Reflexion und Selbstbeobachtung sind die beiden Schlüsselwörter, die nun zum Tragen kommen: Wird ein für mich bislang gültiges Argument durch Dritte direkt oder indirekt infrage gestellt, und sind diese Dritten mir Unbekannte, so ist es sehr wahrscheinlich, dass ich mich bereits inmitten einer Kampagne befinde. Keiner unmittelbar wirkenden, aber einer mittelbar meine Argumentationsgrundlage verändernden.

Zuerst verursacht die Beeinflussung Unklarheit, Zweifel und ein Gefühl, die aktuelle Situation mit den bisherigen Erklärungsmustern nicht mehr lösen zu können („das blöde Gerede von den Experten…“). Anschließend folgt der Aufbau eines Schemas, mit dem ich erzogen werde, eine bestimmte Art von Botschaft als einzige Wahrheit zu akzeptieren („der bringt’s auf den Punkt…“). Und im Anschluss daran – nun befinden wir uns wenige Monate oder Wochen vor der Wahl – wird diese einfache Botschaft (meist lediglich ein „die Personengruppe X ist schuld!“) zur Lösung komplexer Probleme vom Auftraggeber der politischen Kampagne verkündet.

Aber gut, was wundert es mich überhaupt noch.

Psychologie + Big Data = Wahlbeeinflussung

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

Der Psychologe Michal Kosinski entwickelt eine Methode, mit der Menschen anhand ihres Verhaltens auf Facebook und aufgrund ein paar weniger, zusätzlicher Eingaben, präzise kategorisiert werden können. Cambridge Analytica, eine Firma spezialisiert auf die Auswertung großer Datensammlungen, das Erstellen von Profilen nach dem OCEAN/CANOE-Modell, und die aus der Kreuzung dieser Daten resultierenden Empfehlungen für hochpersonalisierte Marketingmaßnahmen hat damit die Brexit-Kampagne und die Wahl in den USA beeinflusst.

aus durchschnittlich 68 Facebook-Likes [kann man über einen User vorhersagen], welche Hautfarbe er hat [Treffsicherheit: 95%], ob er homosexuell ist [88%], ob Demokrat oder Republikaner [85%]. Aber es geht noch weiter: Intelligenz, Religionszugehörigkeit, Alkohol-, Zigaretten- und Drogenkonsum lassen sich berechnen. […] 70 Likes reichen, um die Menschenkenntnis eines Freundes zu überbieten, 150 um die der Eltern, mit 300 Likes kann die Maschine das Verhalten einer Person eindeutiger vorhersagen als deren Partner.

Dass in so einer Methode enormes Potential für Marketingmaßnahmen steckt, liegt auf der Hand. Ergänzt man sie um zugekaufte Daten wie Grundbucheinträge, Bonuskarten, Wählerverzeichnisse, Mitgliedschaften in diversen Clubs, Zeitschriftenabonnements und medizinische Daten, dann bildet sich ein Pool von etwa 5.000 Markern für jede einzelne Person in einem Zielmarkt. Mit so einem Datenschatz als Grundlage können Marketingmaßnahmen punktgenau abgesetzt und die OCEAN/CANOE-Faktoren gezielt angesprochen werden. Auf Demografien oder anderen, nicht personalisierten Werten basierende Kampagnen, sind im Vergleich dazu „eine lächerliche Idee“, meint Alexander Nix im oben eingebetteten Video ungeniert.

Der Artikel „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“ ist mehr als lesenswert, vor allem, weil er auf die kommerzielle Verwertung von Kosinskis Methode, Big Data mit Psychometrie zu kreuzen, eingeht und zeigt, wie aus einer psychologischen Analysemethode eine Möglichkeit zur Wahlbeeinflussung wurde.

Während der Lektüre empfiehlt es sich aber, den gesunden Menschenverstand nicht auszuschalten und der Faszination für Prädiktionstechnologien nicht kritiklos zu verfallen. Fast möchte man meinen, Cambridge Analytica wäre für den Ausgang einer Wahl verantwortlich; das ist aber zu weit gegriffen und entspricht nicht den Erfahrungen der Wahlkampfteams. Während der Cruz-Kampagne scheint Cambridge Analytica nicht geliefert zu haben, was versprochen wurde, und es stellte sich schnell heraus, dass Statistik und Analyse nicht allzu viel bringen, wenn das politikwissenschaftliche und kulturelle Hintergrundwissen für amerikanische Politik fehlt. Overpromised and underdelivered? Oder doch einfach nur Tech-Bullshit?