COVID-19, Tag 498: Nicht einmal mehr „haben sie was dabei“?

Freitag, 23. Juli 2021, Tag 498 der Corona-Pandemie. Als die Gastronomiebetriebe das Go für die Wiederaufnahme des Lokalbetriebs bekommen haben, hat es geheißen, man werde die 3G-Regel ganz genau einhalten. „Hat es geheißen“, denn was ich miterlebt habe, sah (und sieht) eher so aus:

  • Tag 0-2: Bitte weisen Sie einen Impfpass, einen gültigen Coronatest oder einen Genesungsbescheid vor!
Weiterlesen

Wahlwerbende Parteien zum Thema Abtreibung #

Die Zeitschrift „Wienerin“ hat am 14.9.2017 einen Artikel von Jelena Gučanin veröffentlicht, in dem es um die (von ÖVP und FPÖ geforderte) Einführung einer Statistik über Abtreibungen und deren Motive ging. Dieser Artikel ist auf der Website der Zeitschrift zwar nicht mehr verfügbar, wie Johanna Jaufer aufgefallen ist, es gibt aber eine Kopie davon in der Wayback-Machine: Das sagen die Parteien zum Thema Abtreibung.

Und wie so häufig, wird auch bei Lektüre dieses Artikels klar, wie wichtig das Erschaffen eines gedanklichen Ausgangspunktes, also das Framing eines Themengebiets, ist. Ist der Ausgangspunkt einmal etabliert, so ist es im Nachhinein sehr schwierig, wenn nicht nahezu unmöglich, ihn infrage zu stellen, da sich jeder Einspruch gegen die darin abgebildete Definition eines Themas auf das grundsätzliche Einverständnis eben jener Definition selbst bezieht. Wenn also der Wunsch nach einer Abtreibung von diversen Akteuren nicht als „Wunsch nach Abtreibung“, sondern, wie im konkreten Fall, als „Schwangerschaftskonflikt“ im Kontext einer „familienfreundlichen Gesellschaft“ bezeichnet wird und einige Akteure die Einführung einer Statistik über die Gründe für eine Abtreibung fordern, dann…

zeigt die Forderung nach einer solchen Statistik bloß, dass sie keinem anderen Zweck dient, als Frauen und ihre Körper zu kontrollieren. Wenn also Parteien und deren Obmänner sich für ein solches Verzeichnis aussprechen, sagen sie damit in Wirklichkeit: „Liebe Frauen, eure Körper gehören euch nicht. Deshalb brauchen wir Informationen darüber, was ihr damit macht – um euch später vorzuschreiben, was ihr damit nicht mehr machen dürft.“ […] Konkret würde diese Statistik für Frauen, die abtreiben, bedeuten: sie müssen ihre Motive nennen, und sie müssen sich für ihre Entscheidung offiziell rechtfertigen. Und das sollten sie nicht müssen. Schon gar nicht im Jahr 2017.

Sicher, man könnte die Forderung nach solchen Statistiken nun beim Wort nehmen (wie dieses Wort aussieht, findet sich im oben verlinkten Artikel) und auf die medizinischen, psychologischen oder, ganz allgemein, wissenschaftlichen Erkenntnisse verweisen, die argumentativ als Begründung für dieses Verzeichnis diese Statistik angeführt werden, doch gerät man damit nicht nur direkt in die Falle, sie als solches grundsätzlich als Diskussionsgrundlage anzuerkennen, sondern akzeptiert damit auch noch etwas, das sich in den meisten Fällen als Deckmantel für gänzlich andere Interessen entpuppt, wie das Beispiel USA zeigt.

Wie Uber seine Fahrer kontrolliert #

Wie hält Uber knapp 400.000 Fahrer unter Kontrolle und behält dabei den Status einer „Vermittlerplattform“ bei? Ganz einfach (so der verlinkte Artikel). Man täuscht vermittels Technologie über die wirklichen Machtverhältnisse hinweg. Ein Algorithmus überwacht den Taxifahrer und die Fahrgäste ergänzen die dauerhafte Überwachung durch punktuelle Feedbacks. Kein Taxifahrer wird unmittelbar bestraft, mittelbar durch die Herabsetzung der Wahrscheinlichkeit neuer Kunden (und dem damit einhergehenden Verdienstentgang) aber sehr wohl.

Through Uber’s app design and deployment, the company produces what many reasonable observers would define as a managed labor force. Drivers have the freedom to log in or log out of work at will, but once they’re online, their activities on the platform are heavily monitored. The platform redistributes management functions to semiautomated and algorithmic systems, as well as to consumers. Algorithmic management, however, can create a deal of ambiguity around what is expected of workers — and who is really in charge. Uber’s neutral branding as an intermediary between supply (drivers) and demand (passengers) belies the important employment structures and hierarchies that emerge through its software platform.

Es ist schon sehr genial, wenn ein Taxiunternehmen ohne Taxis seine Fahrer, die nicht angestellt sind, mittels Software, die die Umstände nicht kennt, bewertet und diese Bewertungen von kostenlosen Arbeitskräften, die für die Fahrten auch noch bezahlen, verifizieren und damit sein eigenes Geschäft verbessern lässt. Gute Fahrt!

Fahrscheine, bitte! #

Die Wiener Linien erweitern ihre Schwarzkappler-Abteilung um Menschen aus allen Alters- und Bevölkerungsgruppen. Damit soll verhindert werden, dass die statistische (Un-) Wahrscheinlichkeit, kontrolliert zu werden, zu gezieltem Schwarzfahren animiert.

Bei einer Strafe von 70 Euro kommt ein Schwarzfahrer, der in einem Jahr sechsmal von Kontrolloren erwischt wird, billiger davon, als wenn er sich die Jahreskarte um 449 Euro kauft. Dass es tatsächlich Menschen gibt, die das durchrechnen, bestätigen die Kontrollorinnen: „Manchmal erwischen wir Schwarzfahrer, die die 70 Euro schon abgezählt in der Brusttasche haben.“