Jeff Bezos‘ Antwort… als Blogpost

Jeff Bezos hat einen de facto Erpessungsversuch eines Tabloids gegen ihn öffentlich gemacht. Für mich interessant dabei ist, aber, dass er das nicht mittels Presseaussendung oder einem Beitrag auf Facebook oder Twitter getan hat, sondern mittels Blogpost auf Medium. Dass das Statement ein Blogpost ist, ist schon besonders:

[Jeff Bezos‘ post] is, in short, incredible content. And it’s not entirely wrong to read it as spectacle, because it is spectacle, after all. Refusing to be extorted is the ultimate power move. And it masks what isn’t spectacular here, too. It is ultimately one man’s calculation about how best to protect himself, his family, his reputation. […] It is chatty and confidential. It is overwhelming and oversharing. It reveals how Jeff Bezos thinks, in uncomfortable detail. It is writing that says something about its author while also doing something for its author. It is a set of words on Medium […] It is a tale of how once-liberating ideas—about the freedom of the press, the joy of photography, the instantaneousness of the internet—were ultimately contorted and made into playthings of powerful men.

Jeff Bezos Wrote a Blog Post, Robinson Meyer (The Atlantic)

Matt Mullenweg wird sich über Jeff Bezos‘ Entscheidung, Medium und nicht WordPress zu nutzen, grün und blau ärgern. Und ich stelle mir die Frage, was es ist, dass Twitter, Facebook und traditionellen Medien fehlt, das Blogs erfüllen können. Denn die Entscheidung des reichsten Mannes der Welt, sich auf diese Art und Weise zu wehren, ist sicher nicht „einfach so“ passiert.

WordPress betreibt nun 33% aller Websites

Letzten März waren es noch 30%, heute wird ein Drittel aller mit einem Content Management System (CMS) betriebenen Websites mit WordPress betrieben. 33% für WordPress, wow!

Diese Zahl wird umso bedeutender, wenn man sich vor Augen hält, dass zwar 45% aller Websites ohne CMS betrieben werden, der nächste Konkurrent zu WordPress – es ist Joomla – allerdings mit einem Wert von 3% auf Platz 3 aufscheint! Google hat also nicht umsonst schon im Dezember 2017 begonnen, WordPress aktiv zu unterstützen.

Ein paar weitere CMS, die man eventuell kennt: Drupal 1,9% (Platz 4). Wix 1% (Platz 7). Typo3 (0,7%, Platz 11 – LOL, das nutzt noch wer?!). Medium, letzten März noch vorhanden, ist offenbar aus der Liste gefallen.

Medium nur mehr ohne eigene Domains

Medium hat die Funktion, eigene Domains mit dem Dienst zu koppeln, aus seinem Angebot entfernt. Damit sind alle, die auf Medium publizieren wollen, gezwungen, eine medium.com-URL zu nutzen. Mein Blog wäre, hätte ich ihn auf Medium gehostet, somit nicht unter mkln.org, sondern unter medium.com/mkln erreichbar.

Das ist nicht gut, gar nicht gut. Auf Domains trifft nämlich das gleiche zu wie auf E-Mailadressen: Man sollte seine eigene haben.

Von Medium zurück zu WordPress

Vor etwa einem Jahr hat Matt Mullenweg am WordCamp Europe über den Wechsel einiger Publikationen von WordPress zu Medium berichtet und dabei mehr als deutlich auf die von Medium gesetzten Anreize verwiesen: „They’re paying those people to switch.“

Heute lese ich, dass die meisten dieser Publikationen entweder wieder zu WordPress zurückgekehrt sind (zB The Awl, Billfold, Film School Rejects, ThinkProgress), in andere Publikationen eingegliedert wurden oder nun ihre eigenen, proprietären Systeme betreiben. Nach dem Fiasko bei Medium im Frühjahr wundert mich das nicht.

Und welche Gründe werden für den Wechsel zurück zu WordPress genannt? Auf technischer Ebene war Medium zu wenig flexibel und einige Publikationen mussten auf Funktionen gänzlich verzichten oder Kompromisse eingehen. Auf der finanziellen Ebene hat der Jänner ohnedies klar gemacht, dass es Probleme geben wird: Die Einnahmen aus den Medium-Abonnements sind bei weitem nicht kostendeckend und für die dort veröffentlichten Publikationen alles andere als lukrativ.

Relaunch des NY Times Open-Blog

Der ehemals techniklastige New York Times Open-Blog wurde einem Relaunch unterzogen, inhaltlich um alle „digitalen Produkte“ erweitert, und ist nun auf Medium zu finden. Die Entscheidung, den Open-Blog nicht auf der eigenen Infrastruktur zu errichten, ist eigenartig, aber man stützt sich auf die übliche Begründung:

While it may seem strange for us, a publisher, to post on Medium rather than our own platform, we are here for a simple reason: the community. Medium is where so many of our people are, so much of the product, design and development community, so we wanted to be here too.

Wenn der Interessierte nicht zum Content kommt, dann muss wohl der Content zum Interessierten. Aber immerhin, es gibt einen Newsfeed.

Medium-Abonnements?

Einige Wochen, nachdem man sich bei Medium die Frage gestellt hat, womit man Geld verdienen will, gibt es  Feedback zum wenige Tage später vorgestellten Abonnement-Modell. Und es fasst zusammen, was ich mir im Moment der Ankündigung schon gedacht habe:

It’s an interesting about face, moving away from ads & sponsorships to a pay-for-content service. The entire concept has some merit (and has been tried by other services). But if the NYT struggles to get enough paying subscribers, I’m skeptical that Medium will fare better. […] After a couple of weeks, my skepticism remains.

Ein Medium-Abonnement kostet monatlich USD 5. Da müssen schon einige ein Abonnement abschließen, damit Autorinnen und Autoren Medium zu ihrer primären Publikationsplattform machen…

Nachhaltige Finanzierung qualitativer Angebote durch Werbung? Eher nicht.

Evan Willams über das grundlegende Problem nachhaltigen Wirtschaftens für eine Publishing-Plattform wie Medium, wenn nicht das sonst übliche Ziel der Skalierung im Vordergrund steht, sondern ein grundlegend anderes, wie zum Beispiel der Anspruch an Qualität.

In 2016, we made big investments in teams and technology aimed at attracting and migrating commercial publishers to Medium. And in order to get these publishers paid, we built out and started selling our first ad products. […] To continue on this trajectory put us at risk — even if we were successful, business-wise — of becoming an extension of a broken system. […] We decided we needed to take a different — and bolder — approach to this problem. We believe people who write and share ideas should be rewarded on their ability to enlighten and inform, not simply their ability to attract a few seconds of attention. We believe there are millions of thinking people who want to deepen their understanding of the world and are dissatisfied with what they get from traditional news and their social feeds. We believe that a better system — one that serves people — is possible. In fact, it’s imperative. So, we are shifting our resources and attention to defining a new model for writers and creators to be rewarded, based on the value they’re creating for people.

Williams trifft mit seiner Analyse den Nagel auf den Kopf, denn die Reduktion qualitativ hochwertiger Inhalte auf simple, nach Aufmerksamkeit heischende Impulstexte, ist ein Verlust, den ich medienübergreifend sehen, und aus Sicht der Verlagshäuser aber leider auch verstehen kann. Eine kontinuierliche Abwärtsspirale – wie einer der Investoren in Williams Firma treffend formuliert:

Publishing, as we know it, is broken. More specifically, publishing on the internet is broken. And more specifically still, publishing written content on the internet is broken. […] Link-bait has given way to click-bait which has given way to slideshows which have given way to fake news. While tactics change and evolve over time, they’re all powered by the same thing: a business model predicated around the almighty pageview.

[A number such as the pageview] can deceive when the goal is not actually to build the site with the most pageviews on the internet, but instead to fundamentally change the nature of publishing and reading. To do that, it’s not enough to simply be big. That’s part of the equation, to be sure. But just as vital is continuing to innovate on core product and experience while also building a sustainable model to make sure that all sides (publishers and readers) are deriving value — actual value — from the content, for the long-term.

Medium erliegt also dem gleichen Schicksal, dem sich auch andere ausgesetzt sehen, die hochwertige Inhalte online veröffentlichen wollen. Wenn das Unternehmen seinen Investoren gegenüber so argumentiert wie Uber, dann verkauft es ihnen wahrscheinlich am Ende ein Erlösmodell, das einem mit Buzzwords durchsetzten Äquivalent zum gewöhnlichen Zeitungsabonnement entspricht. Wenn es Medium gelingt, das Problem nachhaltig zu lösen, werden viele von dieser Lösung profitieren. Ich bin skeptisch.