Überwachungsapparat mit fragwürdigen Ergebnissen

2019 war das erste Jahr in den USA, in dem Onlinemedien mehr Werbeeinnahmen generieren konnten als Radio, Fernsehen, Zeitungen und andere Zeitschriften zusammengenommen. Zu verlockend ist die Versprechung der großen Plattformen Google und Facebook, hochgradig personalisierte Werbung situationsgerecht und den Lebensumständen eines Individuums entsprechend auszuliefern.

Mark Zuckerbergs Verständnis von freier Meinungsäußerung

Siva Vaidhyanathan hat im Guardian einen bissigen Kommentar zur Rede Mark Zuckerbergs an der Universität Georgetown geschrieben. Zuckerbergs Verständnis von freier Meinungsäußerung sei überkommen und man merke in seiner Rede durchgängig, dass es ihm an Bildung fehlt:

Zuckerberg outlined a facile and incomplete history of the expansion of legal speech in the United States, misapplied it to his own global, private company […], and offered the shallowest of platitudes about the value of two of his favorite phrases, “giving more people a voice” and “bringing people together”.

Über Facebooks Umgang mit dem Anschlag in Christchurch#

Kate Klonick hat im New Yorker einen detaillierten und die Komplexität der Situation darstellenden Bericht über das Team veröffentlicht, welches bei Facebook mit dem Anschlag in Christchurch konfrontiert war. Man erfährt dabei nicht nur, wie absurd Contentmoderation sein kann (das Spektrum reicht von „teen-agers reporting pictures in which they think they look fat“ bishin zu „a beheading by a Mexican drug cartel“), sondern man staunt durchgängig über die perverse Lust am Teilen (im Sinne von online sharing) von Gewaltdarstellungen.

in the first twenty-four hours, one and a half million copies of the video were removed from the site, with 1.2 million of those removed at the point of upload.

Moderation, egal, ob durch Software oder von Menschenhand durchgeführt, kann nur bis zu einem bestimmten Punkt für Fairness und Harmonie sorgen. Dass es aber offenbar nicht wenige Menschen gibt, die solchen Content online sehen wollen ist noch viel verstörender.

The Christchurch shooting may demonstrate that, as long as social media exists, some amount of horror is bound to slip through the cracks. Ultimately, what likely disturbs us most about moments like Christchurch is that this kind of content exists and, perhaps worse, that there are bad people trying to make it spread.

Vor allem aber schwebt über dem Bericht eine Erkenntnis, die ich bei Siva Vaidhyanathan in einem Tweet zum Thema gefunden habe: „Facebook can’t control the monster it built.“


Im Artikel verweist Kate Klonick auch auf Kevin Roose (New York Times), die dem Charakter dieses Anschlags und den sich daraus ergebenden Herausforderungen für die mediale Aufbereitung mehrere Artikel gewidmet hat. Der Anschlag war „A Mass Murder of, and for, the Internet„.

Facebooks Gewinn auf Kosten der Demokratie#

Siva Vaidhyanathan fürchtet um das Wohl der Demokratie, wenn Unternehmen wie Facebook mit politischer Werbung gutes Geschäft machen. So (und nicht anders) muss man seinen Rant in der New York Times (Facebook Wins, Democracy Loses) über die vermutlich von Russland finanzierte, die Wählerinnen und Wähler in den USA beeinflussende Anti-Clinton-Kampagne lesen. Die zentrale Aussage? Eine auf Facebook geschaltete Werbung soll, wenn sie politischer Natur ist, transparent und als solche markiert sein.

The audacity of a hostile foreign power trying to influence American voters rightly troubles us. But it should trouble us more that Facebook makes such manipulation so easy, and renders political ads exempt from the basic accountability and transparency that healthy democracy demands.

Wie bitte? Zuerst wird Facebook dafür finanziell belohnt, eine de facto Spionagemaschine zu sein und Werbung umso passender und treffsicherer auszuspielen. Jetzt wird Facebook vorgeworfen, genau das – nämlich Manipulation – so einfach zu machen? Das ist lächerlich, denn…

Facebook has no incentive to change its ways. The money is too great. The issue is too nebulous to alienate more than a few Facebook users. The more that Facebook saturates our lives, families and communities, the harder it is to live without it.

Und die immer stärkere Durchsetzung unserer Leben mit Facebook ist eine Entscheidung und kein Zwang. Es ist also nicht das Problem von Facebook, wenn die Demokratie erodiert, sondern Facebook ist der Auswuchs einer erodierenden Demokratie.