Soziale Medien verändern uns nachhaltig – oder – warum es uns im Nachhinein betrachtet immer besser ging

Soziale Medien verändern uns Nutzer zwar nur mittelbar, dafür aber umso tiefgreifender und nachhaltiger. Sie schalten den Prozess aus, in dem wir die Realität um uns herum akzeptieren und in die Wahrnehmung unseres Selbst inkorporieren. In anderen Worten: Soziale Medien lassen uns den Bullshit, den wir dort posten, nach einiger Zeit tatsächlich selbst glauben.

What social media networks are giving you is a show, where you prove that you’re better than the people around you. It doesn’t matter if you’re feeling depressed, what matters is how you look to others. […] the process of building up our stories – which has always been an active and internal process  – now it’s being outsourced to sites like Facebook. And people are spending hours and hours per day building a non-sense story fueled up by status. A story to which, in the end, you become very attached to it. You just end up believing it. […] The hard truth is that sticking with reality is painful. […] Deep down, people don’t want to acknowledge things about themselves. They just don’t. It’s easier to play the status game and feel great in the short-term.

Living in a Fictional Story Created by Social Media, Borja Moya

Auch wenn Borja Moya in seinem Artikel ewig lang braucht, um endlich ins Rollen zu kommen, trifft er den Punkt dann doch. Wenn ich mir ansehe, was oft betrübte, nachdenkliche und eigentlich ganz und gar nicht glückliche Menschen, die ich kenne, dort posten, müsste mich der Neid auf ihr Lebensglück auffressen.

Duckface, Leiche und Sommerhut

Eine junge Frau hat ein Selfie mit ihrem soeben verstorbenen Vater auf Instagram gepostet. Im Hintergrund hängt die Leiche des Vaters in geknickter Haltung im Krankenbett, im Vordergrund posiert die junge Frau mit Sommerhut und Duckface. Im Bild befindet sich der Text „Vater… Ruhe in Frieden“, gefolgt von den Emojis 💔😭😭😭. Immerhin ist das Gesicht des Vaters auf allen Screenshots, die von dem Instagram-Post gemacht wurden, verpixelt. Immerhin!

Ich selbst war von diesem Foto erstaunt und die Reaktionen in den Kommentaren – ein kapitaler Shitstorm, der die junge Frau veranlasst hat, ihr gesamtes Instagram-Profil zu löschen – erscheinen mir auch verständlich. Dass sie aber den Tod ihres Vaters im Medium Social Media verarbeitet hat, wundert mich gar nicht, wenngleich ich ihre Handlung nur abstrakt nachvollziehen kann. Ich habe mich deshalb mit Freunden, Kollegen und Bekannten unterhalten und sie nach ihrer Meinung zu einem „Selfie mit totem Vater“ gefragt. Der Spannungsbogen der Reaktionen war vorhersehbar: Auf der einen Seite totale Ablehnung. Sie wurde mit der Würde des Lebens, der Intimität des Sterbens und der Pietät des Todes begründet. Auf der anderen Seite Zustimmung und Verteidigung der Tat, bishin zur Formulierung „nicer Scheiß“ (ja, wirklich!), die, wie ich herausfinden konnte, ein Code für die Loslösung des Dargestellten („soeben ist der Vater gestorben und ich trauere“) vom Ergebnis der Darstellung („nach Likes und Anerkennung strebendes Bild eines Toten im Krankenbett hinter einem Selfie mit Sommerhut und Duckface“) ist. In beiden Fällen – Ablehnung als auch Zustimmung – spielt die emotionale Bindung zwischen Vater und Tochter die entscheidende Rolle: Im ersten Fall ist das Resultat der Argumentation über ein intimes Verhältnis der Schutz vor der Öffentlichkeit, im zweiten Fall begründet dieses Verhältnis den Willen und die Rechtfertigung zur Veröffentlichung.

Ist der Zugang mit dem Resultat einer Veröffentlichung legitim? Auch wenn ich ihn nur abstrakt verstehen kann, so denke ich: ja. Wenn es in Ordnung ist und mit Likes und positiven Kommentaren bestärkt wird, Fotos von Freundschaft, Verlobung, Hochzeit, Geburt und dergleichen zu veröffentlichen, dann muss es auch in Ordnung sein, Fotos vom Sterben zu veröffentlichen. Klar gelten auch hier die gleichen Regeln wie für Geburten und Hochzeiten: Man kann den Tod entweder so pietätlos und peinlich darstellen wie die junge Frau es getan hat, oder aber man macht es in einer subtilen und würdigen Andeutung. Sicherlich ist letzteres schwieriger, klar, denn es involviert mehr als nur ein Smartphone und aufgespritzte Lippen, es benötigt die Fähigkeit und die Zeit zur Reflexion. Aus einem instinktiven Snapshot wird aussagekräftige und berührende Fotografie. Reflexion, Denkarbeit, das Verstehen der Situation, das Wahrnehmen, Verarbeiten und, letztendlich, das Einfangen des Moments in einer Fotografie – das sind alles Fähigkeiten (und Tätigkeiten), die man von Frau Duckface, Leiche und Sommerhut nicht erwarten konnte: ihr Instagram-Account war Tits and Ass, wie es in A Chorus Line heißt, und wie Artikeln über das Selfie zu entnehmen ist. Dass daraus von einem Moment zum nächsten etwas anderes als Fleischbeschau werden sollte, hätte mich ehrlich gewundert. Immerhin ist sie sich dahingehend treu geblieben und hat damit ihrem Publikum vielleicht sogar die Augen geöffnet: Denn wer einen Kanal abonniert, der zur Fleischbeschau einlädt, der darf sich nicht wundern, wenn auch eine unerwartete Situation wie der Tod eines Menschen im gleichen Stil präsentiert wird.

Jaron Lanier nimmt Social-Media-Nutzer in die Pflicht

Jaron Lanier nimmt Nutzerinnen und Nutzer von Social Media in die Pflicht. Sie müssen sich entscheiden, ob sie entweder ihre Accounts löschen oder ob sie sie behalten und lernen, was da eigentlich mit ihnen passiert. Für Jaron Lanier ist das Wissen über die Ausnutzung der Wechselwirkung zwischen Dopaminausschüttung und Social Media-Angebot (durch Konzerne wie Facebook, Twitter, YouTube und Instagram) Teil des digitalen Alphabetismus, der Selbstverantwortung und Mündigkeit.

People have to take responsibility to become literate in a new way if they are going to use the technology at all. So if you just can’t find it in yourselves to delete all your social media accounts, then you must take it upon yourself to really learn how it works. Learn how the addiction cycle works. Learn how the manipulation works. Become aware of it. If you can’t make one of those two choices you’re becoming a drone and you’re not really functioning as a citizen in the new world. I have to be very blunt about that. Those are the choices available to you. There are no others.

In anderen Worten: Entweder, man verlässt Facebook, verlässt Twitter, verlässt Instagram und schließt seine Konten bei allen anderen Social Media-Diensten, oder man lernt, wie diese Services funktionieren und wie sie sich auf unser Gehirn auswirken (Stichwort „social-validation feedback loop„). Wenn aber beides nicht möglich ist, dann muss allen die Konsequenz klar sein: Unreflektierte Nutzung von Social Media macht aus einer mündigen und reflexiven Person einen, wie es James Shelley in einem Kommentar zu Jaron Lanier formuliert hat, „mindless, scrolling automaton, endlessly seeking the next ping, like a pigeon in a B.F. Skinner experiment.“

Über die zerstörerische Wirkung von Social Media

Chamath Palihapitiya, Founder and CEO Social Capital, on Money as an Instrument of Change

Was der ehemalige Facebook-Vizepräsident für das Wachstum der Nutzerbasis, Chamath Palihapitiya, da sagt, ist heftiger Tobak, aber keinesfalls neu. Vor allem gefällt mir seine Warnung an diejenigen, die sich vom Einfluss sozialer Medien nicht beeinflusst sehen:

Your behaviors—you don’t realize it but you are being programmed. It was unintentional, but now you gotta decide how much you are willing to give up, how much of your intellectual independence. And don’t think, ‘Oh yeah, not me, I’m fucking genius, I’m at Stanford.’ You’re probably the most likely to fucking fall for it. ‘Cause you are fucking check-boxing your whole goddamn life.

Auch Sean Parker, ebenso hochrangig bei Facebook, hat vor kurzem ganz ähnliche Kommentare von sich gegeben.

[Social Media] is private property

Dave Winer in einem Tweet, der allen Nutzern aller kostenlosen sozialen Medien immer und fortwährend bewusst sein sollte – hier am Beispiel Twitter:

I want to say this as loudly as I possibly can.
Twitter is private property. They can run it however they like.
If you want freedom, use the open web.
There’s no one there who can say who gets to speak.
You’ve ben lazy and that has hurt all our freedom.
If you’re so tough, get busy building the web *you* want.

Amen!

The Moderators

Der Kurzfilm „The Moderators“ von Adrian Chen und Ciaran Cassidy begleitet eine Gruppe junger Menschen bei ihrem einwöchigen Training zu Social-Media-Moderatorinnen und Moderatoren.

In an office in India, a cadre of Internet moderators ensures that social media sites are not taken over by bots, scammers, and pornographers. The Moderators shows the humans behind content moderation, taking viewers into the training process that workers go through in order to become social media’s monitors.

Von wegen Künstliche Intelligenz und ausgetüftelte Filter! Am Schluss ist es eine Gruppe von weltweit etwa 150.000 Menschen, die dafür sorgen, dass wir ein Wohlfühlinternet vorgesetzt bekommen. Ja, das Internet ist physisch, es wird von Menschen verwaltet und es hat eine Adresse. (via @robertharm)

Fake-User

Die Zahlen der Fake-User in Social Media-Kanälen ist wohl deutlich größer als angenommen und wird Werbetreibende im nächsten Jahr etwas über 5 Milliarden Euro kosten.

every other comparable outlet, where popularity or punditry is determined by followers, shares or likes is subject to […] rigging.