Sie rief ihn an, sobald sie aus dem Flugzeug gestiegen war. Es läutete. Einmal. Zweimal. Dann hob er ab. Ihr Magen verkrampfte sich, als der erste Ton seiner dunklen Stimme ihr Ohr traf. Den ganzen Flug über hatte sie sich diesen Moment ausgemalt. Weiterlesen

Wie bewegt sich die Erinnerung? Fließt sie in langsamen Bahnen bergab, ruhig und bedächtig aber zugleich drohend und tödlich wie ein Lavastrom? Oder bahnt sie sich ihren Weg von unten durch die sedimentierte Lebenskruste einer Existenz, deren Oberfläche sich zu keinem Zeitpunkt wirklich zu festigen vermag? Weiterlesen

Könnte ich Dich lieben? Ohne Dich zu begehren? Wie wäre das möglich? Wäre es überhaupt möglich? Die Stunde ist vorbei, die Minute, in der Du an meiner Seele vorbeigestreift bist, flüchtig und schön, unfaßbar und doch zugleich so greifbar wie nie zuvor und nie danach. Weiterlesen

Die Stadt ist ein Gefühl, das langsam wieder in meinem Körper erwacht. Sie kriecht mir unter die Haut, sie breitet sich aus in meinem Blut, sie füllt meine Nase mit ihrem Duft. Kühler Wind vom Meer, der manchmal Regenwolken mit sich trägt. Weiterlesen

Ein schwarzer Punkt zwischen den tief liegenden kleinen Augen der kühn gekerbten, umschatteten Fassade; kaum bewegt er sich, das schmale Gesims entlang balancierend, und noch hat keiner der tief unter ihm dahin eilenden oder in der Straßenbahn sitzenden oder sich an den Tischen des Stehcafé unterhaltenden Menschen ihn bemerkt. Weiterlesen

Es ist genug. Genug der unbegründeten Ängste, der unnötigen Gespräche und der unergründlichen Gedanken. Kälte kriecht hier durch alle Ritzen. Winter. Die Worte erfrieren, werden unterdrückt, hinuntergeschluckt, erreichen nicht einmal die Lippen des Sprechers. Es gibt ohnehin niemanden, der sie hören könnte. Weiterlesen

Er hatte das gute Gefühl, nichts sei unerledigt geblieben. Die Fenster waren gegen den drohenden Regen geschlossen, die Vase mit den dreizehn Rosen auf den Tisch gestellt, die Frau zum Abschied geküßt und die Türe doppelt versperrt worden. Weiterlesen

Das Schiff, ein schwarzer Punkt am Horizont. Es trägt Dich fort von mir. Die Sonne wärmt Deine Schultern, während Du am Heck stehend meine Gestalt aus dem Blick schon seit einiger Zeit aus dem Blick verloren hast. Weiterlesen

Drei Männer saßen auf der Terrasse. In bequemen Korbstühlen, mit Blick auf den Sonnenuntergang. Die Sonne: Ein roter Ball, der wie schmelzendes Kupfer auf dem ölig schwarzen Spiegel der Bucht zu zerfließen begonnen hatte. Kein Wind. Weiterlesen

Die Sonne bricht durch dunkelgraue Wolken. Ein kurzer Moment intensiv erlebter Schönheit, doch nicht von Dauer: Das Licht erstirbt wieder. Die Wärme auf seiner Wange schwindet. Ein kühler Windstoß bauscht die Vorhänge. Es ist wieder alles wie zuvor. Weiterlesen

Liebe. Bis in die entlegensten Winkel und Schluchten, an die entferntesten Strände und Bergflanken dringend, den Raum um und zwischen uns vollständig füllend. Das wunderbarste und ergreifendste Gefühl, das ich je hatte, durch Deine Abwesenheit aus dem ewigen Fluß der Zeit herausgeschnitten. Weiterlesen

Zwei Schatten tanzen an den sonnendurchglühten Sandsteinquadern der Hausfassade entlang. In kreiselnden, vorwärts drängenden, dann wieder zögernden, innehaltenden, vom Anderen trinkenden, sich ineinander verlierenden Bewegungen, die flüchtige Linien aus Sternenstaub zu ziehen scheinen. Mit einem Mal lösen sich die schlecht geklebten Schichten der verlorenen Zeit unter der Sommerhitze von einander ab, eine träge kriechende Flut unverdauter Bilder aus ihren Eingeweiden entlassend: Zu einer Musik, die weder Anfang noch Ende, weder Ausgangspunkt noch Ziel hat, beginnt die wilde Jagd, unter den schlanken Spitzbögen katalanischer Kreuzgänge hindurch, die doch nichts anderes sind als schnell angewinkelte Frauenschenkel, an den schimmernden Flecken reifer Orangen vorbei, die sich von einem Augenblick auf den nächsten, von großen schwarzen Löchern perforiert, zu dunkelroten Glühwürmchenlampen wandeln, eine Metamorphose des Sehens, des Fühlens, die den Geruch blonden Haares evoziert, das sich unter heftig fallendem Gewitterregen verdunkelt und doch nie anders gewesen sein kann, genaugenommen, so als habe es den Regen nie gegeben; die Nächte vergehen in rasender Eile und werden zu Tagen, zu Tagen voll fröhlicher Gespräche und tieftrauriger Begegnungen, zu langen Kaffeehausstunden, zu Momenten römischer Ausgelassenheit, den Straßenrand entlang tanzend, sich kreuzend mit dem unmerklichen Vergehen flüchtiger Stunden in halb gefüllten Zugwaggons, Spiegelungen im Fenster betrachtend und an Spiele und Blütenräusche der Kindheit denkend. Weiterlesen

Aus dem Fenster blickend, den Rücken der Stadt mit den Augen berührend, sich an den Kanten und Unebenheiten der Dächer entlang tastend; den grau gefleckten Himmel betrachtend, der die Konsistenz von Quecksilberdampf zu haben scheint. Ein kühler Luftzug streicht über meine Wange. Weiterlesen

Im Raum schwebt das Bild eines Bildes. Mit gesenktem Kopf wartet die Göttin auf das Nahen des Unwetters; schwarze Wolken schieben sich in brutalem Wirbel über den Himmel, ballen sich zusammen wie eine zum Schlag bereite Faust, regenschwanger, blitzbeladen. Weiterlesen

Aus ihrem Traum aufgeschreckt, leichenblaß, umklammert sie vermeintlich das Handgelenk des Geliebten, in Wahrheit doch nur die Finger in den eigenen Oberschenkel grabend. Sie hört die sich über Stock und Stein verfolgenden Stimmen, sich in unzähligen Salti überschlagend; sie sieht den Schatten des Kentauren, der mit mächtigen Schritten in den Hohlweg prescht. Weiterlesen

Ich höre Deine Atemzüge. Gleichmäßig, ruhig. Ich bin zufrieden. Denn ich liebe Dich. Solange Du bei mir, in meinen Gedanken, an meiner Seite bist, solange Du mich berührst, meine Seele streichelst, mich zum Lachen bringst, solange bewegt sich die Welt unbeirrbar in ihrer Bahn. Weiterlesen

Warum quälst Du mich? Warum quäle ich mich selbst? Wie ein Verrückter renne ich durch die sommerschwülen Gassen, zwischen den Gitterstäben meines gläsernen Käfigs gefangen. Ich habe alles Verlorene wieder gefunden geglaubt; doch der Sand des Glücks ist im Stundenglas verronnen, unerbittlich. Weiterlesen

Sie geht das Ufer entlang, langsam, die frische vom Wasser aufsteigende Luft atmend. Sie achtet auf das kleinste Geräusch, spürt, wie sich ihre Lungen füllen, fühlt sich stark, unverletzbar, an diesem verzauberten Ort, der sich seit ihrer Kindheit nicht verändert zu haben scheint. Weiterlesen

Ein Augenaufschlag genügt. Er glaubt den Blick zu erkennen, der sich in schräger Bahn, von der Höhe des obersten Treppenabsatzes herab, wie ein dunkler Pfeil den Weg in seine Magengrube bahnt. Ein Lächeln, schwacher Reflex auf porösem Stein. Weiterlesen

Verrat. Eine einfache Geschichte: Unversöhnlicher Haß, der aus rücksichtsloser Leidenschaft entspringt. Zwei Stimmen, die sich zuerst in beleidigenden Tiraden überschlagen; dann Stille. Plötzlich. Eisig und tödlich. Was ist geschehen? Halten die Geister kurz inne, bevor sie mit der eigentlichen mörderischen Beschäftigung, mit dem Kampf, beginnen wollen? Weiterlesen

Ich schreibe gegen die Panik an. Die Panik, die Du mir bereits mehrmals verboten hast. Verbote wirken bekanntlich nicht, schieben das Wesentliche nur kurz aus dem Blickfeld, treten es in die weiche Oberfläche der gelebten Tage. Weiterlesen

Ein vertrauter Geruch, wie ein vertrautes Wort, eine Stimme, die sich durch die nachtschwarzen Windungen ihres Gedächtnisses schält. Es war die Macht des Schicksals, die das Bewußte von der Klarheit geplanter Zeit geschieden hat. In hastigen Worten ist das erklärt, während sich der Abschied hinzieht, sich verzögert, das Ankommen noch in Erinnerung, das Gehen noch nicht bewußt, noch lange nicht einmal als Möglichkeit angedacht, und jetzt: In andächtiger Trauer, schnell heraufgezogen wie ein Sommergewitter, steht man unter winterlicher Blutsonne und hält die Hand des Anderen. Weiterlesen

Ich habe einen Gedanken, der ganz mir gehört. Die roten Lampions schwingen aufgeregt in spätwinterlichem Sturm. Auf der Brücke ist es eisig kalt. Blauer Rauch schraubt sich aus hohen Schlot in schräg gewundener Säule in den Nachthimmel. Weiterlesen

Echo einer verlorenen Welt: Worte des hinter dichten Dunstschleiern verschwundenen Jahres, die durch den Zauber damals noch nicht zu ahnender Liebe viel an Gewicht verloren haben. Das Frühlingslicht kehrt wieder und wieder; es schwindet, löst sich auf in der gierigen Hitze des Sommers, lebt weiter unter dem golden schimmernden Rost des Herbstes, zittert sich durch den Winter, um im folgenden Jahr von Neuem seine augenzwinkernde Gutmütigkeit an die Menschheit zu verschwenden. Weiterlesen

Tanzen auf eisbedecktem Asphalt. Die Schritte beschreiben ein undurchsichtiges Muster, ein Netz, das keinem nachvollziehbaren strukturellen Prinzip zu gehorchen scheint. Schneebrocken im Mantelkragen, geschmolzen in aufgeregter, zarter, ungewisser Liebe, die sich unter dem unbarmherzigen Druck der Zeit in etwas Perfektes verwandelt hatte, makelloser Diamant aus unvollkommenem Kohlenstaub. Weiterlesen

In der Wohnung ist es dunkel und eisig kalt. Er geht langsam in die Küche und öffnet das Fenster. Das regennasse Pflaster des Innenhofes zeigt sich mit rostbraunen Blättern beklebt. Sein Blick taumelt in die Tiefe, fällt in den Abgrund, den schüchtern glitzernden Spuren hinterher, die ein luftig leichter Fuß auf gläserner Leiter hinterlassen hat. Weiterlesen

Er sah es ihrem Gesicht an. Er sah es der Drehung ihrer Schulter an. Er sah und wußte es im selben Moment. Sein Blick schweifte in die Unendlichkeit ab, aus Verzweiflung ziellos geworden, denn wo Worte nichts mehr vermögen sind auch Blicke ihrer Macht beraubt, vor allem, wenn sie unerwidert bleiben. Weiterlesen

In den Augenblicken, die man glücklich verbringt, in denen man in Glück ertrinkt, sich treiben läßt, sein Inneres an die Außenhaut geheftet trägt, sich verwundbar dem Tag darbietet, in Deinen Armen liegend, an Deiner Schulter dösend, kann man sich nichts Schöneres vorstellen und keine Steigerung und kein Ende. Weiterlesen

Alte Stadt aus Rosenstein. Während hier noch die glitschigen Fäden unterkühlten Lichtes aus den Ritzen grauer Wolkendecke hängen, wirbelt ein Sturm der Bilder den ölig glatten Fluß von unten her auf, und der Schlamm verlorener Tage tritt an die jäh zerknitterte Oberfläche. Weiterlesen

Er will nicht mehr hören, das Geräusch des fallenden Regens durchdringt ihn, das Prasseln der Wassertropfen auf dem winterlich eisbedeckten Dach, von keuchendem Kinderlachen unterlegt; er denkt sich hinaus auf die Weite einer feucht glänzenden Nachtautobahn, deren schartige Haut von den huschenden Lichtern motorisierter Glühwürmchen in unregelmäßigen Abständen erhellt wird. Weiterlesen

Das Licht rinnt als zähflüssige Masse in die leichte Wölbung der Zimmerdecke. Die gekehlten Stuckleisten füllen sich mit bernsteinfarbenem Honig. Vor dem Fenster fallen große Schneeflocken auf nassen Asphalt. Scharlachrote Blätter kleben an der Scheibe. Herbst und Winter, in Schatten- und Farbflecken vereint, gefangen im Wirbel einer von Süden und Westen her tobenden Windschlacht. Weiterlesen

Wintergefühle, die den Sommer einholen. Feine Eiskristalle tanzen im Schein der Straßenbeleuchtung. Wir haben gefunden, was wir immer gebraucht und doch nie erhofft hatten. Wir sind einander in die Arme gefallen, taumelnd, sturmgetragen, kopflos, lustvoll, beschleunigt von der rasenden Kraft einer Liebe, die dem Gefühl im Bauch den höchsten Stellenwert einräumt, ganz gleich, was der entthronte Herrscher einer Alten Welt, der dem Kopf innewohnende Verstand, auch dagegen einzuwenden versucht. Weiterlesen

Über das Meer hallender Schrei, der sich in den wirbelnden Brandungswellen fängt; so klingt die dunkle Zeit des Jahres, ein häßliches Ersticken des Lebendigen, zischend vergehende Flamme. Das flammend rote Haar der Venus malt blutige Schlieren auf die spiegelglatte See. Weiterlesen

Der Blick des Prinzen war umschattet. Er starrte auf das verbrannte Land, die qualmenden Felder, bedeckt von zerfetzten Menschenkörpern und Pferdekadavern. Hinter seinem Rücken gurgelte das Gemurmel der Stabsoffiziere wie eine giftige Quelle. Er wollte nicht hinhören. Weiterlesen

Eiskristalle liegen in der Luft. Ich verfolge den leuchtenden Regenbogen ihres Schals durch die Stadt; die Lichter schwinden vor dem Heranrollen der Herbstnacht. Hand in Hand und Herz in Herz, veschränktes Leben, das vor lauter Freude den eigenen Schatten jagen will. Weiterlesen

Traumbild, gesehen in wachem Zustand: Ein prächtiges Gewirr Tausender Schmetterlinge; der Mond, überzogen mit Silberfäden, läßt lange Schatten in den Alleen und Promenaden wachsen. Nachtrosen heben ihre Köpfe und öffnen die rubinroten Lippen. Die Musik setzt ein; das Orchester thront auf einer Empore über den Kaskaden der Fontäne. Weiterlesen

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