Soziale Medien als politischer Informationskanal

Es macht einen Unterschied, ob jemand Beiträge traditioneller Medien lieber in Social Media-Form konsumiert […] oder ob er/sie sich gänzlich anderen Quellen zuwendet. […] Wenn […] die beobachteten politischen Effekte durch die vermehrte Social Media-Nutzung immer wieder auch damit zu tun haben, dass sich BürgerInnen politisch machtlos fühlen […] und diese Machtlosigkeit auf Facebook oder Twitter als Protest und Radikalisierung sichtbar wird, ist es auch für das gesellschaftliche Zusammenleben in Österreich wesentlich, genauer hinzuschauen.

Prapotnik, Perlot, Ingruber, Filzmaier: Soziale Medien als politischer Informationskanal

Es interessiert das „Gefällt mir“, nicht dessen Grund

Wenn in einer Rezension, in der Trump und Zuckerberg in einem Atemzug genannt werden, das Beispiel Zuckerbergs das nennenswertere ist…

Donald Trump und Mark Zuckerberg kommt es […] nicht auf Virilität und Mobilisierung an, auf die Kraft von Worten, Kriterien und Argumenten, sondern auf Zerstreuung und Entpolitisierung – auf die Entkräftung der Gesellschaft durch die Bewirtschaftung von Emotionen. Man muss Zuckerberg bei seinem Weltfriedensprojekt schon beim Wort nehmen, um es wirklich fürchten zu lernen: Er und Trump bringen die Menschen durch die systematische Trivialisierung der Welt einander näher – indem sie Nutzern und Wählern die Denk- und Diskursfähigkeit abtrainieren. Für beide, Zuckerberg wie Trump, zählt der Trend, nicht die Bedeutsamkeit. Das „Gefällt mir“, nicht dessen Grund. Der Präsenzerfolg, nicht die Arbeit an einem Ziel.

Uff.

Falsche Freundschaft

William Deresiewicz zeichnet ein tristes Bild über das, was wir heute Freundschaft nennen, indem er die Wandlung der Bedeutung von Freundschaft im historischen Verlauf von der Antike bis in die Facebook-Gegenwart aufzeigt: Aus einer Beziehung zweier Menschen zueinander, einer intellektuellen, emotionalen, moralischen und in gewisser Weise physischen Beziehung, wurde ein Vokabel, das alle den Wortsinn definierenden Prädikate verloren hat und nur noch den Wunsch darstellt, Nähe ausdrücken zu können.

Freundschaft ist zu einem Gefühl eines Menschen für einen anderen geworden („Ich empfinde…“) und hat sich damit von ihrem Kernstück, dem Teilen („Wir sollten…“), entfernt. Alle Aspekte, die in einer Freundschaft Interaktion erforderten – der moralische Austausch, die Herausforderung und Diskussion von Werten, die Kompromissbereitschaft und das daraus hervorgehende Lernen im Umgang mit Widersprüchlichkeit und Eigenheit – sind aus dem Verständnis von Freundschaft verschwunden. Stattdessen ist das Konzept zu einer Worthülse ohne Konsequenzen geworden, an der wir dennoch festhalten, um uns einreden zu können, emotionale Nähe und soziale Einbettung zu verspüren. In William Deresiewiczs Worten:

Friendship is devolving, in other words, from a relationship to a feeling—from something people share to something each of us hugs privately to ourselves in the loneliness of our electronic caves, rearranging the tokens of connection like a lonely child playing with dolls. The same path was long ago trodden by community. As the traditional face-to-face community disappeared, we held on to what we had lost—the closeness, the rootedness—by clinging to the word, no matter how much we had to water down its meaning. […] What we have, instead of community, is, if we’re lucky, a „sense“ of community—the feeling without the structure; a private emotion, not a collective experience.

William Deresiewicz, 2009: Faux Friendship

Noch ist diese Definition moderner Freundschaft abstrakt („feeling without the structure“), doch William Deresiewicz zögert nicht, schnell auf die Nachteile und Einbußen einer solchen Definition hinzuweisen und konkrete Beispiele zu nennen. Wir haben beziehungstechnische Arbeit gegen Bequemlichkeit eingetauscht und reden uns ein, uns aufgehoben zu fühlen. Die eigene Bildung durch das Gespräch mit Freunden ist weit zurückgefallen. Was aber geblieben ist, ist ein billiger Abklatsch mit eigenen, von der althergebrachten Idee einer Freundschaft pervertierten Regeln. Warum denn auch nicht? „Freunde“ (im modernen Sinn) sind austauschbare Namen in einer langen Liste. Der Schmerz, einen davon zu verlieren, ist vernachlässigbar, ist er (oder sie) doch meist ohnehin nie in der Wärme des eigenen Lebens aufgegangen. – So dermaßen mies ist es, was wir heute als Freundschaft bezeichnen, was Deresiewicz unverblühmt anspricht:

We have ceased to believe that a friend’s highest purpose is to summon us to the good by offering moral advice and correction. We practice, instead, the nonjudgmental friendship of unconditional acceptance and support […] We seem to be terribly fragile now. A friend fulfills her duty, we suppose, by taking our side—validating our feelings, supporting our decisions, helping us to feel good about ourselves. We tell white lies, make excuses when a friend does something wrong, do what we can to keep the boat steady. We’re busy people; we want our friendships fun and friction-free.

„Fun and friction-free“. – Wie Puppen, mit denen ein Kind einsam in seinem Zimmer spielt. Und wenn eine kaputtgeht oder ihm nicht mehr gefällt, wird sie ausgetauscht. Unter diesem Blickwinkel wirkt eine Aussage wie „Leute, die keine gute Stimmung mitbringen, lade ich erst gar nicht ein,“ ganz normal, vor allem mit dem Zusatz: „auch wenn sie eigentlich meine Freunde sind.“ Das ist pervers, aber leider zur Normalität geworden.

William Deresiewiczs Artikel „Faux Friendship“ ist ein unbedingtes Muss für all diejenigen, deren soziales Leben sich mehr on- als offline abspielt. Und für alle anderen, die Freunde haben, auch.

Helge erklärt #unibrennt

Helge erklärt, wie mit Hilfe von Blogs, Twitter und Facebook unter Umgehung der traditionellen Medien die Besetzung des Audimax an der Uni Wien organisiert und der Gedanke an weitere Universitäten in ganz Europa vermittelt wurde. Besonders gut gefällt mir das von Helge zitierte YouTube-Video von Max Kossatz, das darstellt, wie sich der Hashtag „#unibrennt“ auf Twitter über Europa verteilt hat.

So schön auch über die Anwendung sozialer Medien für die Organisation der Unibesetzung zu lesen ist, so wenig sozial und gemeinschaftlich wird die Sache aber. Es gibt genügend Proteste gegen die Proteste und immer mehr der ehemaligen Besetzer sehen sich den Kritikpunkten, die in den Forderungen angesprochen werden, in der Organisation der Besetzung selbst ausgesetzt!

#unibrennt erklärt

#unibrennt auf Twitter

Das hochstilisierte, jedoch wenig wirksame Phänomen „#unibrennt“ erklärt. Auch hier wieder: Viel Lärm um – letztlich – nichts. Onlineaktivismus ist zwar ein Aufmerksamkeitserreger, substanzielle Resultate gab es aber auch nach #unibrennt keine. (Zumindest nicht, solange „alte“ und eingesessene Strukturen sich des Problems angenommen haben.)