Zu Tode schuften macht stolz#

Jia Tolentino hat ein ihrer Meinung nach US-amerikanisches Spezifikum gefunden, das für eine völlig irre Wahrnehmung des Verhältnisses von Leben und Arbeit verantwortlich zu sein scheint. Als Aufhänger dient ihr die Geschichte der Hochschwangeren, die für Lyft Taxi fährt und noch am Weg ins Krankenhaus einen Fahrgast mitgenommen hat.

It does require a fairly dystopian strain of doublethink for a company to celebrate how hard and how constantly its employees must work to make a living, given that these companies are themselves setting the terms. And yet this type of faux-inspirational tale has been appearing more lately, both in corporate advertising and in the news. […] At the root of this is the American obsession with self-reliance, which makes it more acceptable to applaud an individual for working himself to death than to argue that an individual working himself to death is evidence of a flawed economic system. The contrast between the gig economy’s rhetoric (everyone is always connecting, having fun, and killing it!) and the conditions that allow it to exist (a lack of dependable employment that pays a living wage) makes this kink in our thinking especially clear.

Wer sich rühmt (und womöglich auch noch so blöd ist, wirklich an diesen „Ruhm“ zu glauben), in einem „Startup“ zu arbeiten, sollte das Zitat einfach so lange lesen, bis es irgendwo zu klingeln beginnt.

„Disruptives“ Startup#

Auf Twitter lacht man momentan über das Mimimi von Kyle Hill, dem Gründer des Heimpflege-Startups „HomeHero“, das im Februar seinen Betrieb eingestellt hat, nachdem es durch eine Gesetzesänderung gezwungen war, seine „Heroes“ – in Wirklichkeit eine „workforce of vetted independent contractor […] caregivers“, ergo Werkvertragsarbeiter – auf Basis eines nach dem Fair Labor Standards Act vorgegebenen Arbeitsvertrags zu beschäftigen.

Warum wird aber darüber gelacht? Weil Hills Eingangsstatement und die später folgenden Schüsse gegen einfache Grundanforderungen des Arbeitsrechts ein paradetypisches Beispiel für die Bullshitrhetorik von Startups sind. Und die folgt dem immer gleichen 4-Punkte-Schema:

  1. Im näheren, meist privaten Umfeld einer Person gibt es ein Problem, das einer Lösung bedarf.
  2. Das Problem wird als weitaus größer, nämlich als die gesamte Gesellschaft betreffend, erkannt. Vorhandene Lösungen sind natürlich entweder (a) nicht treffsicher oder (b) viel zu teuer.
  3. Es wird eine einfache, meist auf dem Einsatz von Technologie basierende Lösung gefunden, nachdem das Problem neu definiert wurde. Die Problemlösung ist apriotisch legitimiert, da der Unternehmer ja im ureigensten Interesse handelt; er ist ja selbst vom Problem betroffen.
  4. Die Lösung basiert auf einer Verschiebung des Blickwinkels auf das Problem. Die Neudefinition des Problems ermöglicht es, den generisch gewachsenen Diskurs vom eigentlichen Thema zu entkoppeln und es in der Kausalität marketingoptimierten Werbesprechs einzubetten. Die Problemlösung erscheint damit klar und bisherige Problemlösungen veraltet, teuer, nicht treffsicher und eigentlich gänzlich unpassend.

Soweit die Abstraktion. Nun zu Hills Statement:

When we started HomeHero in 2013 our vision was very ambitious — to build the fastest, most affordable way to find quality in-home care, and disrupt the $30 billion home care market. [Siehe Pkt. 2] For many years I watched with shock and sadness the struggles my father went through finding reliable caregivers for my grandmother in Seattle. [Siehe Pkte. 1 & 3] So I decided to dedicate my life to fixing one of the biggest (and hardest) problems facing our generation today. [Siehe Pkt. 3.]

Diesem Absatz folgt bildschirmweise eine selbstbeweihräuchernde Erfolgsgeschichte, die eben jenen Anspruch der Marktdisruption auskostet und mit den erreichten Leistungen und ihrem gesellschaftlichen Nutzen prahlt. Was allerdings keine Erwähnung findet, ist die äußerst fragwürdige Nachhaltigkeit des Unternehmens und seines Geschäftsmodells, das offenbar auf der ausbeuterischen Beschäftigung der „independent contractor […] caregivers“ basierte.

Als das Unternehmen durch den Fair Labor Standards Act verpflichtet wurde, ein Mindestmaß an Fairness in die Beschäftigung mit einzubringen, kollabierte es. – Oder, in Worten des gesellschaftlichen Wohltäters:

From any angle, the W-2 model is not very attractive. The switch to W-2 would increase our caregiver onboarding costs by 10×. The additional costs of payroll taxes, overtime, paid sick leave, minimum wage regulations, benefits and health insurance, unemployment tax, workers comp insurance, and potential for lawsuits in a highly litigious industry put us in heavy handcuffs. We would also be forced to implement a 4-hour minimum and raise our prices by 32% — much closer to industry average.

HomeHero hat seine Geschäftstätigkeit im Februar 2017 eingestellt. Das die Gesellschaft verändernde und die Heimpflege revolutionierende Startup war nicht in der Lage, seine Werkvertragsarbeiter nach den gesetzlichen Mindestmaßen zu beschäftigen.