Etwa die Hälfte aller Klicks auf Onlinewerbung erfolgt irrtümlich#

Nur, um das den Skeptikern als Bestätigung und den Optimisten als Abkühlung einmal vorzuhalten: Gilt, was Scott McNealy (Mitgründer von Sun Microsystems) vor 2 Jahren zu sagen hatte, heute immer noch?

It was in the mid-90s AT&T did the first digital banner ad, and they had a 43 percent click-through rate […] Now, the click-through rates are under 1 percent. Twenty percent of the people have ad blockers … As many as half the click-throughs are accidental.

Scott McNealy in einem Interview auf CNBC

Eine Click-Through-Rate von unter 1 Prozent und die Hälfte davon ist gar nicht gewollt. Wow! Da wird Geld in großem Stil verbrannt… Und dessen sind sich alle relevanten Plattformen, die Onlinewerbung anbieten (ähm, also eh nur Google und Facebook) bewusst. Eine Suche nach „accidental clicks on ads“ (oder noch besser „accidental clicks on mobile ads“) bringt da klingende Probleme wie den Fat-Finger- oder Hair-Trigger-Klick ebenso ans Tageslicht, wie die tatsächlich banalen Lösungsversuche. Soweit ich das beurteilen kann, scheint die aktuelle Lösung noch immer darin zu liegen, irrtümliche Klicks im Nachhinein mittels eines Bounce Rate-Indikators (Verweildauer ≤ 2 Sekunden) zu identifizieren. Im Nachhinein ist nie gut und öffnet die Schleusen für Skepsis. Echtzeitlösungen sind gefragt, die die Intentionalität von Klicks bewerten und noch vor dem Aufruf der Landing Page potentiell abbrechen. – In so einem Fall muss sich die Industrie allerdings schon die Frage stellen, wie viel Intention einem Klick auf ein Interstitial tatsächlich innewohnt.

Japanische Werbung: Mouse-Computer

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Mouse-Werbung

Lange nicht so romantisch (und episch) wie die Werbung für Sakeru-Gum, aber von seinem „Japan, bitte bleib so, wie du bist!“-Faktor um nichts nachstehend. Hier geht es, nur falls das nicht klar sein sollte, um einen Computerhersteller namens „Mouse“.

Die Volvo XC60-Werbung „Moments“

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Volvo beschreibt seinen Spot mit „Sometimes the moments that never happen, matter the most“. Selten hat eine Werbung eine so gut herangeführte und dermaßen solide ausgearbeitete Klimax wie diese. Ich empfehle Kopfhörer, Vollbild und die höchste, verfügbar Qualitätsstufe.

So gut und schön die von Volvo angepriesene Technologie auch sein mag, eines wird in diesem kurzen Film aber wieder ganz klar: Autos sind gefährliche Maschinen, egal, wie sehr wir uns an sie gewöhnt haben, denn sie werden von uneinsichtigen, emotionalen, schläfrigen, unkonzentrierten, SMS-schreibenden, betrunkenen, streitenden, kurz: sich selbst maßlos überschätzenden Menschen bedient.

Japanische Werbung: Sakeru-Gum

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Diese ganze Serie von Werbungen für Sakeru-Kaugummis ist schlicht und einfach die genialste Liebesgeschichte, die man in Form von Kaugummiwerbungen sehen kann, so The Verge. Und ich finde, The Verge hat recht. Long loooong maaaaan!

Gezielte Werbung für Nazis? Kein Bug, sondern ein Feature!#

Zeynep Tufekci in einem Gastkommentar in der New York Times über das Feature auf Facebook, Werbung gezielt an alle möglichen Personengruppen auszuspielen, eben auch an jene, die „Juden verbrennen“ wollen. Diese Funktion ist kein Problem, sondern ein tief in der Programmstruktur eingebettetes Feature.

Almost every feature on Facebook is designed to make the site engaging — to encourage you to spend time there while Facebook serves more ads to you. At the same time, users can share “promoted posts” — targeted messages that advertisers pay Facebook to place in their feeds — merging pay-for-play content with the natural flow of information among friends and family. It’s a powerful combination. […] The business model — ad-targeting through deep surveillance, emaciated work force, automation and the use of algorithms to find and highlight content that entice people to stay on the site or click on ads or share pay-for-play messages — works.

The trouble is Facebook’s business model is structurally identical whether advertisers are selling shoes, politics or fake diet pills, and whether they’re going after new moms, dog lovers or neo-Nazis. The algorithms don’t know the difference, and Facebook’s customers are not its users.

Geschäftsmodell: Verkauf von Menschen.

Facebook in der Zwickmühle#

Durch die genauere Betrachtung der Werbung auf Social-Media-Plattformen seitens der Bundeswahlkommission der USA wird klar, dass sich Facebook in eine unangenehme Zwickmühle manövriert hat, die sein nach außen kommuniziertes Werbemodell direkt angreift:

100.000 Dollar hat das nun entdeckte Netzwerk aus 470 Fake-Accounts investiert und über zwei Jahre die Plattform massiv mit Fehlinformationen bestückt – nach Berechnungen von US-Medien könnten die Botschaften bis zu bis zu 70 Millionen Amerikaner erreicht haben. Dabei wurden nicht nur Fake-News gepostet, die unbekannten Urheber sorgten offenbar auch dafür, dass sich Pro-Trump-Gruppen organisieren konnten. […] Wenn sich nicht nachweisen lässt, dass diese lang angelegte und offenbar kompetent ausgeführte Kampagne keinen Effekt auf den äußerst knappen Wahlausgang hatte – warum sollten Markenartikler [sic!] auf die Wirksamkeit der Facebook-Werbung setzen?

Blöde Situation, die wohl nur durch enorm hohe Ausgaben für Lobbyarbeit entschärft werden kann; man wird sehen, wie lange es dauern wird, bis es dem Konzen gelungen ist, der Beantwortung dieser Frage aus dem Weg gehen zu können.


Aber der Heise-Artikel von Torsten Kleinz spricht noch ein anderes, allgemeineres Thema an, das mir mindestens genauso gut gefällt, wie die offenbare Ahnungslosigkeit, die schon beim Thema „Werbung“ zutage kommt. Kleinz stellt den technischen Führungsanspruch, den Facebook sehr geschickt pflegt, infrage, in dem er ihn nicht mehr isoliert als rein technische Exzellenz versteht, sondern diese technische Leistung im Kontext der neuen Medienwelt betrachtet. Und da sieht es bei Facebook genauso düster aus wie beim Installateur ums Eck:

Der Konzern […] erweckt gerne den Eindruck, dass er samt seinem Gründer Mark Zuckerberg die digitale Entwicklung anführt. Von Demokratiebewegungen über die Erschließung des Internets für Entwicklungsländer bis hin zur Künstlichen Intelligenz – der kalifornische Konzern sieht sich ganz auf der Seite des Fortschritts. Doch selbst mit den persönlichen Daten von zwei Milliarden Nutzern stolpert der Konzern so sehr durch die neue Medienwelt wie alle anderen auch. [Einzig und allein der] Netzwerk-Effekt und seine schiere Größe schützen Facebook dabei vor den Folgen unternehmerischer Fehlentscheidungen. Was anderen Firmen die Existenz kosten würden, kann Facebook einfach aussitzen – wohin sollten zwei Milliarden Nutzer schon so schnell verschwinden? Erst recht scheint es derzeit undenkbar, dass die Werbeindustrie den Social-Media-Giganten einfach links liegen lässt und seine Banner lieber nur klassisch auf Websites ausspielt.

So weit, so gut.

Freiheit, wie Apple sie meint

https://www.youtube.com/watch?v=jUvD80mNKBM

Beim gestrigen Apple-Event wurde, neben vielen anderen, die hier eingebettete Werbung für die neue Apple Watch gezeigt. Apple Watches verfügen nun über eine eigene SIM und werden damit zum vollwertigen, vom iPhone unabhängigen Mobiltelefon. Apple hat dieser Funktion den Slogan „The Freedom of Cellular“ verpasst.

Vom iPhone unabhängiges telefonieren? Nicht schlecht. Das in der Werbung gezeichnete Szenario? Das genaue Gegenteil von Freiheit, ein hübsch verpackter Albtraum!

Eine junge Frau nutzt auf einem abgelegenen und menschenleeren Strand die Brandung für ihr Hobby, das Wellensurfen. Sie schwimmt hinaus, bereitet sich vor und nutzt die brechende Welle, um sich ganz auf sich und das Surfen zu konzentrieren. Sie geht in ihrem Hobby auf, ihre Wahrnehmung ist vollständig auf sich, die Welle und das Surfen fokussiert. Die Wucht der Welle trägt sie, ihre Konzentration gilt der Brandung, der Balance und der Geschwindigkeit. Sie geht in ihrem Hobby auf, genießt den Moment und die Freiheit, die sie nur hier spüren kann. Und in diesem Moment… läutet das Telefon. „Störe ich dich gerade“, „Ich wollte nur kurz fragen, wie’s dir geht!“, „Wo hast du den Ordner für X hingelegt?“, „Kannst du mir nur schnell sagen, wer der Verantwortliche für Projekt Y war?“, „Warum meldest du dich nicht?“, „Ich will dich nicht lange stören, aber…!“, hunderte E-Mails, Nachrichten und andere Unterbrechungen, die man bislang Weglegen konnte, erzwingen sich ihre Aufmerksamkeit über das High-Tech-Equipment am Handgelenk.

Ich habe mich zu sehr auf die vorgespiegelte Wirklichkeit in diesem Spot eingelassen und wurde brutal aus diesem wohligen Zustand herausgerissen als plötzlich, mitten in der Welle und damit in der beruhigendsten Geräuschkulisse, die dieser Planet zu bieten hat, das Telefon am Handgelenk läutete. Das soll Freiheit sein? Mitnichten! Das ist eine Umkehrung der Wahrnehmung von Wirklichkeit. Nicht die Konnektivität wird zur Ausnahme natürlichen Lebens, sondern das natürliche, von solchen Einflüssen ungestörte, freie Leben wird zur Ausnahme eines permanent vernetzten, quantifizierten und kontrollierten Daseins.

Wohlwollendes Lächeln der Leserschaft. Aber oha! Gleich ist der Termin beim Therapeuten, der mir abermals zu mehr freier Zeit raten wird. Keine Sorge, die Apple Watch wird zukünftig Herzrhythmusstörungen erkennen.

Gmail scannt E-Mails nicht mehr…#

Bei Google – genauer: Gmail – scheint es nun schon soweit zu sein, dass es egal ist, ob man den Inhalt eines E-Mails kennt oder nicht. Das kostenlose Gmail stellt das Scannen von E-Mailnachrichten, um daraus Interessengebiete ableiten zu können, ein.

Grund für die Änderung ist offenbar weniger die jahrelange Kritik an dem Analysieren der Texte. Stattdessen geht es wohl in erster Linie um eine Vereinheitlichung bei der Vermarktung von Werbung innerhalb des von der Firma angebotenen Ökosystems. […] Für andere Zwecke werden die Mails der Nutzer übrigens auch weiterhin durch Algorithmen von Google untersucht. Das ist für Funktionen wie Smart Reply sowie natürlich für das Herausfiltern von Spam und Phishingmails nötig.

Ich weiß nicht, ob ich das gut finden soll oder nicht. Einerseits ist es schon fein, wenn klar ist, dass die E-Mails, die man an Gmail schickt, nicht gleich zur Datenauswertung herangezogen werden. Andererseits tut sich genau da ein Geheimnis auf: Woher holt sich nun Google die relevanten Daten, um jene aus Gmail einsparen zu können?

Lesen dieser Seite könnte EUR 0,02 kosten#

Die folgenden drei Nachrichten sind mir in der letzten Woche untergekommen.

  1. Google bastelt an einem Adblocker, mit dem zukünftig nervige Werbung automatisch ausgeblendet (oder gar deaktiviert) werden soll. Der Adblocker soll mit Google Chrome ausgeliefert werden und von Haus aus aktiviert sein.
  2. Google betreibt eine Informationskampagne, um die Nutzung von Adblockern in den Kontext des eigenen Adblocker-Programms zu stellen; dabei wird der Aspekt Datenschutz zwar erwähnt, aber in den Hintergrund gestellt. Als primäres Motiv für die Verwendung von Adblockern gibt Google „nervige Werbung“ an. Google selbst bietet keine „nervige Werbung“ an.
  3. Google betreibt mit dem Contributor-Programm (momentan noch in Betaversion) eine Plattform, mit der die Anzeige von Werbung gegen eine kleine Gebühr entfernt werden kann. Ein Preisbeispiel (und damit auch ein Kostenmodell) gibt es auf der Hilfe-Seite, wo das Lesen einer Page mit EUR 0,02 beziffert ist.

Jeder und jedem bleibt die Zusammenfügung dieser drei Nachrichten nun selbst überlassen.