Euch ins Stammbuch

Als ich von Doris’ Idee, ein Volksschulklassentreffen zu veranstalten, erfahren habe, war Verwunderung meine erste Reaktion. Was konnte ich schon mit Menschen anfangen, die ich im Grunde genommen nicht kannte? Leute, die sich auf Freundschaften ihrer Kindheit beziehen würden, um eine Verbindung in die Gegenwart herzustellen, Menschen, deren Verbundenheit zueinander größtenteils durch die gegenseitige Sympathie der Eltern begründet war; worüber sollte man mit ihnen sprechen, sobald die Lebensgeschichten der letzten zwanzig Jahre ausgetauscht waren? Es war ein verrücktes und zugleich interessantes Vorhaben, das sie durch ihre Idee begründet hat. Ich sagte begeistert zu.

Das Interesse an diesem sozialen Experiment ließ mir keine ruhige Minute. Ich schloss meine Umgebung, vor allem meine Eltern, in meine Vorbereitungsphase für dieses Treffen mit ein. Sie mussten mir über meine Volksschulzeit erzählen, um meinem Erinnerungsvermögen auf die Sprünge zu helfen. Und siehe da, der eine oder andere Black Spot wurde zu einem bunten Sammelsurium an Empfindungen von damals, das ex post eine sinnvolle Abfolge von Ereignissen darstellte und auf die eine oder andere Weise Sinn machte.

Und dann war es letzten Freitag soweit. Als ich zur bereits versammelten Gruppe stieß, wurde ich freundlich und herzlich willkommen. Großes Gelächter, als meine damalige Volksschullehrerin – ja, auch sie konnte ausfindig gemacht und zum Treffen eingeladen werden! – eine Anekdote erzählte, an die ich mich nicht erinnern konnte, die jedoch in den Reigen der Erzählungen passte, die mir beim elterlichen Briefing zu Gehör kamen. Erstaunlich fand ich, dass diese betagte Frau sich an alle Anwesenden erinnern und mit Detailwissen zu den verschiedenen Personen aufwarten konnte. Sie erzählte über die Geschichten aus der Schule, über ihr Leben in der Schule und erkundigte sich – ohne auf Voraussagungen von damals zu verweisen! – über unsere Leben und Schicksale. Was war es nur für eine eigenartige und zugleich erfreuliche Situation, mit ihr gemeinsam für Fotos zu posieren und zu scherzen, zu lachen und über alte Zeiten zu sprechen! Wie aus dem Gedächtnis radiert waren die Distanz und der Respektabstand, den man ihr vor zwanzig Jahren entgegenbrachte. Trotzdem blieb sie die „Frau Lehrerin.“ Gut hatte sie sich gehalten, sie erfüllte so gar nicht das leider nur allzu oft bestätigte Bild eines frustrierten, in die Pension geflüchteten Volksschullehrers. Sie war eine vitale und lebenslustige Frau geblieben, der die Volksschulkinder Grant und Frust nicht antun konnten.

Mit der Zeit wurde ich locker und gewöhnte mich an die neuen Realitäten. Keine Missgunst, kein Neid, kein Austausch von angelernten Sprüchen, zweifelhafte Qualitäten prestigeträchtiger Hochschuljahre, kamen mir über die Lippen. Pure Erzählung, notwendige Interpretation; Impressionismus versachlicht durch die Nachfragen der Anderen. Herrlich, nicht mit der Qual längst vergessener Gruppendynamik konfrontiert zu sein!

Während ich meinen Schulfreundinnen und –freunden von damals (es waren doppelt so viele Mädchen in unserer Klasse) über meinen bisherigen Lebensverlauf erzählte und ihnen die eine oder andere Erzählung im Detail schilderte, machte sich ein schaurig-schönes, wenngleich auch merkwürdiges Gefühl in mir breit. Mit meiner Volksschullehrerin zu sprechen, bedeutete, es mit jemanden zu tun zu haben, dessen Charakter schon damals gefestigt war. Der Unterschied von damals zu heute war lediglich meine neue Perspektive. Im Gespräch mit meinen Schulfreundinnen und –freunden hingegen war es gänzlich anders: Hier unterhielt ich mich mit Menschen, an die ich mich wenn überhaupt, dann nur in Form von Sympathie, Spaß und Freude oder Hass, Angst und Wut erinnern konnte, lediglich beeinflusst durch das Narrativ meiner Volksschulzeit. Jetzt mit diesen in Personen manifestierten Sammlungen an Erinnerungen zu sprechen und sich auszutauschen war eine große Herausforderung an die innere Neuordnung und Akzeptanz nunmehr wieder tatsächlich existierender Menschen. Doch je mehr ich mit ihnen sprach, desto mehr kamen die Gefühle von damals wieder in mir auf, je länger ich mit ihnen sprach, desto besser vermeinte ich mich wieder an sie zu erinnern. Anderen scheint es genauso gegangen zu sein, habe ich doch durch Zufall die Passage eines Gesprächs als Hintergrundgeräusch eines Videos entdeckt, in dem Daniela, auf mich Bezug nehmend, meint: „Je länger ich da sitze, umso eher kriegt er wieder Ähnlichkeit.“ Welche treffende und alltagstaugliche Beschreibung der Ausführungen dieses Absatzes!

Und es war nicht nur Daniela, die das angesprochen hat. Nahezu alle haben sich wieder erkannt (man beachte die Getrenntschreibung) und viele haben zusätzlich zu diesem Wieder-Erkennen Erinnerungsmomente in den Archiven ihres Wissens entdeckt, von deren Vorhandensein sie nicht mehr wussten. Als ich das Klassenfoto der ersten Klasse Tage vor dem Treffen sah, konnte ich mich an viele, aber bei weitem nicht an alle Namen der dort abgebildeten Kinder erinnern. Während die Stunden vergingen, schossen mir die Namen der Unbekannten auf diesem Bild regelrecht ins Gedächtnis. Plötzlich war ein Name in meinem Kopf, den ich der Position eines Kindes auf diesem Bild zuordnen konnte. Und sobald ich ihn ausgesprochen und damit meinen Freunden und Freundinnen von damals mitgeteilt hatte, stimmten sie mir zu und vermeinten sich in dem Moment ebenso an diesen Namen erinnern zu können. Was war das doch nur für ein Fleckerlteppich an Erinnerungen, den man säubern und wieder zu einem Ganzen zusammenfügen musste.

Natürlich gab es aber auch Abweichungen in den Erinnerungen an damals. Wo ich mir immer eingebildet hatte, zu wissen, dass ich vor Ort gewesen bin, wurde mir widersprochen. Woran ich mich trotz Anwesenheit nicht erinnern konnte, wurde mir erzählt. Was ich mir kaum vorstellen konnte, wurde bestätigt. Und was ich behauptete, in anderen Formen mit deutlichen Handlungsunterschieden zugetragen. Scheinbar, so sehr unsere Erinnerungen zum Teil voneinander abweichen, lügen die Fotos von damals nicht. So viele Eindrücke, Fragen, die man ein Leben lang beantwortet wissen will, machen erst viele Jahre später Sinn, wenn sie durch zusätzliche Informationen Plastizität und Profil erhalten.

Aus den Erinnerungen wurden Personen, aus den Eindrücken Geschichten, aus den Vermutungen Gewissheiten und ich wusste nunmehr, dass es Erzählungen aus meiner Volksschulzeit gab, die aus anderen Blickwinkeln erzählt werden mussten, um verstanden werden zu können.

Für einen kurzen Moment, ich habe mich nur wenige Sekunden mit einer Freundin darüber unterhalten, bildete ich mir ein, den Geruch von damals, den Geruch von Volksschule – verschüttete Milch in überheizten Räumen – inmitten all dieser Erwachsenen wahrzunehmen. Es war eine Unmöglichkeit. Es war nur eine belanglose Erinnerung meiner Kindheit.