GTD mit Google Duplex

Google Duplex Demo from Google IO 2018

Google Duplex erledigt Telefonanrufe für mich. Ein Friseurtermin, eine Reservierung in einem Restaurant – das alles kann Google Duplex im Hintergrund und völlig ohne mein Zutun telefonisch erledigen. Das auf künstlicher Intelligenz basierende Programm fügt sogar Sprech- und Nachdenkpausen in den „Sprechakt“ ein, imitiert somit menschliches Verhalten und macht die Konversation für die Person am anderen Ende der Leitung erträglicher. Hört man sich die Gespräche an und weiß über die Verteilung von Mensch und Maschine bescheid, hört sich der Dialog etwas stählern an. Die natürlichen Nebengeräusche, besonders bei Friseurterminen und Restaurantreservierungen unvermeidbar, gleichen die Sache aus. Die Technologie ist wirklich faszinierend.

In der Ankündigung von Sundar Pichai wird Google Duplex als Assistenztechnologie angepriesen, um Dinge erledigen zu können. „Our vision for our assistant is to help you get things done“, heißt es gleich am Anfang seiner Rede. „Get things done“, das Vaterunser der letzten und bestimmt auch der kommenden Jahre. Es ist zu wenig Zeit, um ein 30 Sekunden lang dauerndes Telefonat mit einem Friseur zu führen. Zu wenig Zeit, um die Einkäufe am Heimweg zu erledigen. Zu wenig Zeit, um sich das Essen aus dem Lokal gegenüber zu holen. Zu wenig Zeit, um Kleidung im Geschäft auszuwählen, anzuprobieren und zu kaufen. Zu wenig Zeit, um die Zeitung zu lesen. Stattdessen wird das Essen geliefert, der Friseurtermin von der künstlichen Intelligenz reserviert und Kleidung in abertausenden Paketen tagaus, tagein vom Logistikzentrum in die Einzelwohnungen hin und zurück gekarrt. Und dann kommt Google Duplex und übernimmt auch noch die Telefonanrufe für uns.

Wir haben diese Tools, sei es Amazon, Google Duplex, Siri, Zalando, Foodora und wie sie alle heißen, und dennoch hetzen wir von A nach B, haben nie Zeit, kommen mit der Arbeit nicht nach und empfinden es mittlerweile als normal, an Feiertagen, an Wochenenden oder sogar im Urlaub der Arbeit nachzugehen. Immer höre ich von Kolleginnen und Kollegen, die ich darauf anspreche, wenn mir auffällt, dass sie aus Arbeitsgründen keine Zeit zu haben scheinen, dass soviel zu tun sei. Bestenfalls, weil gerade ein Projekt fertiggestellt wird, schlimmstenfalls ohne Begründung. Immer gibt es eine Deadline, deren Erfüllung die Aufopferung der freien Zeit mit sich bringt. Wären diese Menschen in ihrer Arbeit glücklich und würde sie sie erfüllen, dann könnte ich mir ihr Tun einreden lassen, aber das sind Personen, die ihre Arbeit erledigen, um Leben zu können – und nicht umgekehrt.

Sie beklagen den Verlust ihrer Lebenszeit oder, noch viel schlimmer, sind schon so weit vorangeschritten in der Negation des eigenen Privatlebens, dass ein Ausbruch aus dem täglichen Arbeitsablauf als Gefahr wahrgenommen wird. Und dann kommt Google Duplex. Und das GTD-Mantra.

GTD ist eine Falle. Eine trügerische, das Leben verachtende Falle, wenn „Getting things done“ zur obersten Prämisse allen Tuns wird. Niemand kritisiert dabei das Vorhaben, Dinge abzuschließen, zu erledigen und hinter sich zu bringen, aber GTD bedeutet ja auch etwas anderes. GTD hat seine Bedeutung verändert und steht für die Aufgabe des privaten zugunsten eines beruflichen Lebens. Ein nicht zu unterschätzender Punkt, denn genau das – GTD – ist es, wovor man gewarnt werden muss. Chamath Palihapitiya hat es zum Beispiel im Kontext einer grundlegenden Kritik von Social Media getan und dabei die eingebildete Unverwundbarkeit genau derer, die sich über den Dingen sehen, infrage gestellt. Je mehr GTD eine Rolle spielt, je mehr das menschliche Leben anhand einer Liste abgearbeitet wird, desto verwundbarer wird es. Oder, wie Palihapitiya es ausgedrückt hat:

You’re probably the most likely to fucking fall for it. ‘Cause you are fucking check-boxing your whole goddamn life.

Und genau das sehe ich auf uns zukommen. Der Friseurtermin, schlimmer aber noch: der Abend mit Freunden im Restaurant, wird letzten Endes eine Checkbox im (Google-) Kalender werden, eingerichtet und verwaltet von der (fremdgesteuerten) künstlichen Intelligenz. Damit auch das endlich erledigt sein kann.

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