Von WhatsApp zu Signal

Alle warnenden Worte (die Weitergabe von Daten an Facebook, die zielgerichtete Skalierung, um den Netzwerkeffekt zu erreichen, die schrittweise Erweiterung der Datensammlung, auch wenn es „nur“ Metadaten sind) und das nahezu wie ein Schuldeingeständnis wirkende Statement des WhatsApp-Mitgründers Brian Acton, die „Privatsphäre [seiner] Nutzer für einen größeren Gewinn verkauft“ zu haben, sowie die zig Warnung aus allen Bereichen von Personen, die sich damit auskennen, haben sich bewahrheitet: WhatsApp, das ich auch mehr mit einer Pandemie als mit schönen Dingen auf dieser Welt in Verbindung bringe, wird in weniger als einem Monat, nämlich konkret ab 8. Februar 2021, nur noch nutzbar sein, wenn man den umfangreichen Änderungen der AGB zustimmt, die dem Messengerdienst, wer hätte das gedacht, Tür und Tor für die Weitergabe von Daten an den Mutterkonzern Facebook öffnen, welcher wiederum, wer hätte auch das nur ansatzweise denken können, die in WhatsApp entstehenden Metadaten für Werbung nutzen will. Indirekt, sehr wahrscheinlich, also durch Verbesserung des Nutzerprofils, aber doch. Werbung in WhatsApp selbst? Wahrscheinlich eh auch. Die offizielle Begründung ist das übliche Bla Bla: „Man wolle damit gegen Spam, Drohungen, Missbrauch und Rechteverletzungen vorgehen.“

The mandatory changes allow WhatsApp to share more user data with other Facebook companies, including account registration information, phone numbers, transaction data, service-related information, interactions on the platform, mobile device information, IP address, and other data collected based on users‘ consent.

WhatsApp Will Disable Your Account If You Don’t Agree Sharing Data With Facebook, The Hacker News

Nun gut. Somit ist das einmal erledigt. Weil aber niemand mehr selbst denkt, aber alle brav den großen Vorbildern hörig sind – so auch dem seit ein paar Tagen reichsten Mann der Welt, der Signal explizit empfiehlt -, wechseln nun alle zu Signal. Das ist gut.

Ich frage mich ohnehin, warum das so lange gedauert hat. Signal bietet alles, was ihr so gerne habt: Sichere Kommunikation mit euren „Freunden“, Gruppen in denen ihr eure Verschwörungstheorien, Geburtstags- und Selbstdarstellungsbildchen, sowie Titti- und Dickpicks austauschen oder euch über die Frage unterhalten könnt, was es heute Abend zu essen geben wird. Und der Messenger integriert sich auch schön in all eure Geräte und Devices, Desktop, iOS, Android… Videotelefonie, reguläre Anrufe, Adressbuch… alles dabei.

Über Signal hört man auch nicht, was beispielsweise über Telegram, das gerade ein wenig zum Verschwörungsmessenger und zur Selbsthilfegruppen-App mutiert, bekannt ist. (Und dennoch ist selbst Telegram um Welten besser als WhatsApp. Aus Pavel Durovs Sicht – er ist der Gründer von Telegram – sogar technisch argumentiert! Aus meiner: weil’s eben nicht Facebook ist.) Na okay, der Punkt ist, glaube ich, rübergekommen.

Signal erfüllt praktisch alle Empfehlungen zu Instant Messengern des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik in Deutschland! Dann muss die App/der Service ja gut sein. Wire und Threema, beides fantastische und sichere Dienste, gehen jetzt natürlich ein wenig unter, aber alles – alles (!) – ist besser als WhatsApp.

Und wenn ihr schon dabei seid, löscht auch gleich euer Facebook-Konto. Ihr seht es doch ohnehin selbst, dass der Dienst schon längst überholt ist und nur noch sein zombiehaftes Dasein fristet, weil es keine Alternative gibt. Es macht „Spaß“ auf Facebook zu sein. So viel Spaß, wie das Anstellen in einer Warteschlange vor der einzig offenen Kassa beim Billa.

9 Kommentare

Oliver 13. Januar 2021

@lerlinzer
Betreffend Backup/Restore: Für mich ist die Kommunikation flüchtig und temporär – ich brauche keine Verläufe o.ä.
Wenn mir ein Foto oder Zitat wichtig ist, speichere ich es oder mache ein Screenshot. Ich habe die Chats von WA auch öfters komplett gelöscht … „was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“. Was ich damit sagen will, ein Chat ist ein Chat. Kennst du noch IRC? Das war unbeschwerte Kommuniktion.

@Michael
Passt schon ;-) Das GEschäftsmodell Telegram ist auch fraglich, aber im Moment passt es. Mein primärer Messanger ist eh iMessage. Telegram halt für den Rest… Signal und Threema sind aber auch am Start (für die Nerds). :-)

Michael 13. Januar 2021

Ähnlich wie du, Oliver, handhabe ich das auch und lege nicht allzu viel Wert auf längerfristige Archivierung. Und wenn, ja, dann – auch wie du – speichere ich mir die Sachen ohnehin getrennt ab. Aber derlinzer hat schon einen Punkt, denn ich bin mir sicher, es gibt Menschen, die relevante Informationen nie speichern, sondern sich drauf verlassen, sie immer in einem Nachrichtenverlauf o.ä. zu finden.

derlinzer 11. Januar 2021

Persönlich ist mir ein Nachrichtenverlauf über Jahre hinweg auch nicht wichtig, aber ich möchte diese Option zumindest voraussetzen und ggf. deaktivieren können. Ist wie mit Fotos, Notizen & Mails, usw., da muss ich mir auch keinen Kopf machen, was passiert, wenn ich mein Gerät verliere, frisch aufsetze, wechsle, etc…

Niemand aus meinem Bekanntenkreis will zu einem Messenger wechseln, der im Grunde selbstverständliche Funktionen nicht bietet.

Ich habe habe eine Handvoll Gruppen auf WhatsApp, die niemals zu weniger wechseln würden; Rest läuft über iMessage.

Mein aktueller Eindruck ist, dass Signal/Threema/Wire/… aktuell einen Aufschwung erleben, weil die Leute die Apps probieren. Sobald man dann aber merkt, dass dieses/jenes/anderes fehlt, geht es zurück zu WhatsApp. Fix.

derlinzer 10. Januar 2021

Ich kenne niemanden, der ohne Backup/Restore von WhatsApp zu Signal wechseln würde. Die Leute wollen ihre Verläufe aufheben.

Via Drücken/Halten von Telefon- und Video-Icon bei Kontakten kann ich zwischen iMessage und WhatsApp wählen. Signal scheint hier nicht auf.

Wenn du in iOS etwas via Share Sheet teilst, werden die zuletzt/häufig genutzten Kontakte/Gruppen aus iMessage und WhatsApp aber nicht Signal angezeigt.

Michael 11. Januar 2021

Ja, da hast du wohl recht. Ich hab halt den Luxus, nicht von WhatsApp wechseln zu müssen, daher habe ich über den Verlauf natürlich nicht nachgedacht. Machst du das? Gehst du diesen Weg? Könntest du eventuell irgendwo berichten, wie du vorgehst, was du genau machst, um so wenig Daten wie möglich zu verlieren? Das wäre sicherlich ein interessanter und viel aufgerufener Beitrag!

Oliver 10. Januar 2021

WA gerade gelöscht …

Telegram wegen den Querdenkern schlecht machen, ist aber auch kein gutes Argument. Telegram ist sehr beliebt und benutzerfreundlich. Auf Twitter treiben sich auch komische Typen rum, deswegen nennt es keiner dreckig!? ;-)

Michael 11. Januar 2021

Völlig richtig, Oliver, ich habe das auch dementsprechend im Artikel angepasst. Dennoch würde ich, allein schon aufgrund der Architektur, trotzdem zu Signal raten. (Checkt seine Blogposts und wundert sich, wieso dort noch kein Artikel zur Systemarchitektur von Telegram zu finden ist. Insofern: Danke, Oliver, für diese Inspiration!)

derlinzer 10. Januar 2021

Schade ist, dass Signal aufgrund wichtiger fehlender Features halt deutlich weniger Komfort als WhatsApp bietet:

Backup/Restore unter iOS? Einbindung in zuletzt genutzte Empfänger für Nachrichten? Direktwahl als Anrufoption für Kontakte, die auch Signal nutzen? Fehlanzeige.

Signal bietet viel, aber sicher nicht alles, was man so gerne hat. Leider.

Michael 10. Januar 2021

Hab Backup/Restore nie wirklich bedacht, aber das ist sicher ein Punkt. Einbindung in zuletzt genutzte Empfänger? Was meinst du da? Und was Kontakte angeht, da kann man doch direkt aus einem Kontakt heraus anrufen über den Signal-Link; ich hab unterm Namen Nachricht, Anrufen, Signal, E-Mail stehen…