Kritik des aktuellen Zynismus

Cynism

Frage ich mich heute tatsächlich nach der Substanz oder gar nach der „Wahrheit“ unserer Zeit? Ja. Ich frage mich, welcher Zug diesen Raum, den ich mit meiner Existenz auszufüllen glaube, charakterisiert, welche Eigentümlichkeiten er aufweist und welche Probleme immer und immer wieder in ihm geboren werden. Unsere Zeit, wenn man das im moralinsauren Ton des altmodischen seriösen Herren (des unverbesserlichen Aufklärers) sagen darf, erscheint uns und sich selbst grundlegend zynisch, wie es bereits P. Sloterdijk in den Achtzigern konstatierte. Freilich haben sich seit diesen Tagen die Parameter der Stimmung verändert. Das atomare Wettrüsten ist in der hegemonialen Muskelshow einer einzigen Supermacht verdampft. Die Bedrohungsszenarien haben sich gewandelt. Europa findet sich wieder in einer barocken Vision von überbordendem Luxus und aufgebrochenen Weltgrenzen. Alles ist verfüg- und abrufbar, die Bestellung hat Hochsaison, und das nicht konkret Konsumierbare (Gott, zum Beispiel) kann getrost vernachlässigt werden. Die Determinanten mitteleuropäischer Gesellschaft über Jahrhunderte verschwinden nicht einfach; sie bleiben auf der Bühne, aber ohne jede Bedeutung, zu Statisten degradiert. Die Welt als Supermarkt entwirft M. Houellebecq, und er hat Recht.Ein Strang des gesellschaftskritischen Zynismus, der, die Jahrhunderte durchziehend, lange Zeit mit dem Stigma des Aussätzigen versehen ein abseitiges Dasein gefristet hat (als radikaler Zynismus nämlich), ist nun über alle Felder des öffentlichen und privaten Lebens explodiert; vor allem in jenem Grenzbereich zwischen Privat und Öffentlich hat sich in doppeldeutig-heftiger Zynismus breit gemacht, der mit den bekannten Formen des traditionellen Konservativismus spielt. Das Ausnutzen (bewusst oder unbewusst) der überlieferten Konventionen kennzeichnet diese alltagszynische Methode, die weniger Werkzeug als Lebenseinstellung zu sein scheint. Der postulierte „Herrenzynismus“, das elitäre Selbstbild der Wissenden, Mächtigen und Verdienenden, wurde – zumindest teilweise – sanft von einem neuartigen Fun-Zynismus abgelöst. Wahllos und doch eklektisch, schulintelligent und doch halbgebildet, wissensdurstig und doch alltagsgebunden: diese Züge sind bezeichnend für den beschriebenen jugendlichen, ewig jugendlichen Zynismus der Post-Postmoderne; einer Zeit, die sich schon per definitionem nicht mehr als eigenständigen Ursprungs begreifen kann, und dies mehr als jede andere Zone der Geschichte, die zwar ständig auf Traditionen und Geschichten zurückzugreifen weiß – doch unser Wertekonglomerat, das aus allen Informationen und Diskursfragmenten der Vergangenheit zusammengesetzt ist (und zwar ganz offensichtlich, sich mit der Aura der akademischen Bildung und spielerischen Nonchalance umgebend, magisch!), gibt kaum echte Orientierung, führt uns stattdessen dauernd hinters Licht, ein clowneskes Theater der Diachronitäten.

Ein Gebrauchszynismus ist das, und ein Lifestylezynismus, je nachdem in welchem Bereich er begegnet. So spielen die modern-postmodernen Kyniker eine ewige Scharade zwischen Marquis de Valmont und Bismarck, zwischen ästhetisierender Weltverachtung und pragmatischer Nackenbeißerei. Nach der Demaskierung der Nationalismen und des Marxismus dienen faschistische und kommunistische Symbole und Parolen den Fun-Zynikern als gelehrte (geleerte?) Embleme eines neuen Bildungsbürgertums und einer geschichts-unbewussten Weltläufigkeit. Spielwiese sind sie geworden, die großen und schrecklichen Ideologien, Versatzstückladen und Schrottplatz für das desinteressierte aber umtriebige zoon politikon von heute. Die Kadaver der gestürzten Systeme wecken den Hunger und ein wenig auch die Nostalgie der Aasgeier und Hyänen, die keine anderen sind als unsere Nachbarn, Freunde und Bekannten. Die mitteleuropäische Gesellschaft sitzt auf dem Haufen ihrer Geschichtlichkeit wie auf stolz produzierten Exkrementen, und diese historische Scheiße stinkt hinein in unser aller Unterbewusstsein. Ein Ekel, der von aufklärerischem Missionarstum vor der Unterdrückung bewahrt wird (in einem Krampf des sendungsbewussten Handelns), eine Müdigkeit und verärgerte Renitenz gegenüber der Historie, die nicht die eigene ist, machen sich immer dann breit, wenn der alltägliche Fun-Zynismus auf seine Wurzeln gestoßen wird. Es scheint angenehm, den eigenen zynischen Attitüden nachzugeben, unwillkommen und körperlich irritierend jedoch, den Stammbaum dieser Kapriolen zu betrachten. Die gleichgültige kynische Trägheit, in der diese Generation von Individualisten vegetiert, wird zu einem guten Teil von den Überdosen einer gebetsmühlenartig rezitierten Historie sediert. Die Spaltung zwischen naiver Zukunftsgläubigkeit, täglichem ennui und vergangenen Wirklichkeiten strapaziert das post-postmoderne Subjekt; bewusst wahrgenommen wird diese Kette von Gründen allerdings nicht. Der öffentliche Diskurs und seine Kontaktflächen zum privaten Geflüster, diese eine seltsam synkretistische Doppelmoral gebären, sind steril sauber von störender Kritik. Es gibt keine tolerierte oder tolerierbare Kritik an der historischen Begründung des Fun-Zynismus. Das liegt zu einem guten Teil an der politischen Legitimation der herrschenden moralischen Systeme und vice versa an der moralischen Basis der aktuellen Politik. Die Schneise des Zweiten Weltkriegs und des Verbrechens der Massenvernichtung, das Trauma des als System gescheiterten Kommunismus und des Verbrechens der Massenvernichtung; beides sind Brüche in einem Diskurs der Bürgerlichkeit und des aufgeklärten Konservativismus, fundamentale Einschnitte in einer Linie der politischen Tradition (die viel älter ist und sich sogar auf klassische Vorbilder als Gründungsmythen beruft), die in Folge weiter zu führen versucht wurde (und wird).