Sonntagsarabesken #136

Drei Männer saßen auf der Terrasse. In bequemen Korbstühlen, mit Blick auf den Sonnenuntergang. Die Sonne: Ein roter Ball, der wie schmelzendes Kupfer auf dem ölig schwarzen Spiegel der Bucht zu zerfließen begonnen hatte. Kein Wind. Keine Wellen. Die Brandungslinie bloß ein dünnes schaumiges Band, fast geräuschlos das Kommen der Flut. Der Rechtsanwalt sah das Gesicht seiner toten Frau aus dem Abenddunst aufsteigen. Er nippte an seinem Whiskey. Die Geschichten hatten sich überkreuzt. Licht aus dem einen Leben war in das andere gesickert, still und leise. Blondes und schwarzes Haar, rot lackierte Fingernägel, silbrig glänzende Stilettos, widerwillig getauschte und in hastiger Leidenschaft gebissene Küsse, ein Körper, der dem anderen, ohne ihm zu gleichen, doch so ähnlich sieht. Ihre Augen sahen ihn traurig an. Der Rechtsanwalt starrte zurück. Benommen. Der Alkohol brannte an seinem Gaumen. Wie diese Sonne würden sie schließlich alle in einem unendlichen Meer der unerfüllten Erwartungen und düsteren Erinnerungen versinken; einzig der Tod bliebe in einem solchen Fall. Unwillkürlich zuckten seine Augenbrauen nach oben. Indigniert. Er blickte zur Seite. Schweigen. Nein, beschloß er schließlich, eine solche Lösung wäre im Grunde völlig übertrieben, würde sie doch dem ganzen Theater einen unangemessenen Wert verleihen. Die Gesichter, selbst die toten, die weit entfernten, waren schließlich austauschbar. Was uns einmal wichtig war, die Menschen, die wir liebten und die uns vielleicht sogar ihrerseits geliebt haben mochten, lösten sich letzten Endes in der Säure vergehender Jahre auf. Nichts hatte Bestand. Die flüchtigen Beziehungen, die sich zwischen einzelnen Akteuren für gewöhnlich bildeten, waren nichts anderes als mit zittrigen Fingern in den Himmel gemalte Wunschlinien. Es war genauso einfach, eine Unterhaltung zu beginnen wie eine Freundschaft verhungern zu lassen. Noch ein Schluck Whiskey. Die Sonne, zur Hälfte untergetaucht. Das Leben, zur Hälfte gelebt. Und noch genug Platz für ironische Resignation. Jeder seiner beiden Freunde hatte mit seiner Frau geschlafen. Einer von ihnen auch mit seiner Geliebten. Vor und während ihrer Beziehung zu ihm. Er sah es mit völliger Gleichgültigkeit. Es gab keine Grenzen des Anstandes. Weil Anstand ohnehin nur aus willkürlich gewähltem Seelenballast bestand. Das geliebte Gesicht verschwamm vor seinen Augen. Die Rosenblätter der Hochzeit waren verwelkt, Worte der Sehnsucht ihres Inhalts beraubt, Augenblicke des Glücks im Wirbel der Gegenwart zu Staub zerrieben worden. Minuten vergingen, Stunden vielleicht. In seinem Gefühl, das sich vor allem durch eine tiefgehende Unempfindlichkeit gegenüber sinnlichen Reizen auszeichnete, spielte Zeit keine Rolle mehr. Er sah es mit erdrückender Klarheit, während sein Herz mechanisch seiner Arbeit nachkam: Das war sein letzter Tag am Meer.

Wo niemand klickt