Italiener im Blaustern

Das Café Blaustern ist eines der besten, wenn nicht das Frühstückslokal in Wien schlechthin. Große Portionen, qualitativ und kulinarisch hochwertig, eigenartiger Kaffee, dafür aber nettes Personal. Einziges Manko im Blaustern ist aber, dass man nach wie vor im Lokal rauchen kann; und das kann zumal beim Frühstücken stören. Es gibt zwar einen Nichtraucherbereich und einen Bereich für Raucher, doch befinden sich dazwischen zwei Meter Luft, wodurch die Bereichstrennung zwar ideell, nicht jedoch olfaktorisch erfolgt.

Heute war ich Frühstücken. Im Blaustern. Und ich saß am den Rauchern nähesten Tisch. Das Blaustern-Frühstück wurde serviert, der Prosciutto war heute trocken, der Orangensaft tatsächlich frisch gepresst, das Gebäck resch und der Kaffee – wie immer – bitter. Auch die üblichen Verdächtigen waren da: An eine der beiden Säulen gelehnt derjenige, der seine Vormittage mit einem Bier und dem aktuellen Kreuzworträtsel verbringt, am ersten Rauchertisch, obwohl Nichtraucher, die Familie mit dem Mädchen, das jedes Mal neue Stofftiere mitbringt, aber den Hund ignoriert, den sonst alle, vor allem die Kellner, mögen; irgendwo sitzt Herr Lauda und hat soeben sein Frühstück beendet und neben mir zwei sechzehnjährige (nackenlanges Haar, mit zu viel Gel angeklebt), die sich gegenseitig von ihren Aktienoptionen erzählen und sich freuen, dass sie sich nicht um ihre Pensionen fürchten müssen; vor dem Café haben soeben zwei Autos in der Halte- und Parkverbotszone geparkt (ein LaudaMotion-Smart und ein dunkelgrauer BMW) und die Fahrer sind schon im Café verschwunden. Ein ganz normaler Feiertagsmorgen im Blaustern. Zivildekadenz in Reinform. Irgendwie lustig das alles zu beobachten. Und dann geht die Tür auf!

Die erste Glastüre des Blaustern öffnet sich, die zweite, und herein kommt ein italienisches Pärchen. Sie klein, violett-rosa gekleidet, mit überdimensionierten Sonnenbrillen; er nicht viel größer, das, was wir einen 3-Tages-Bart nennen anstelle einer Glatze und gigantisch-große Windbrillen, wie sie normalerweise nur Radfahrer tragen; eine Daunenjacke bis zu den Knien und ein durchdringendes „E“ beim Einritt in das Lokal. Das Pärchen marschierte zur Bar und man fragte nach einem italienisch-sprechenden Kellner. Tatsächlich, es gab ein braungebranntes Männchen, das den Erwartungen der beiden gerecht werden konnte. Ehrlich gesagt, hätte ich auch helfen können, denn es wurde nichts anderes bestellt als ein Espresso. Mimik, Gestik und die Betonung – Eesssprrresssso! – machten alles klar. Der Espresso kam, wurde von beiden gekostet und auch ihnen erging es, wie allen hier, die keinen Milchkaffee bestellten: Das Gesicht verzog ich kurzweilig in einen Lähmungszustand, doch irgendwie ging’s dann eh.

Was fehlt dem idealtypischen Italiener noch zum Frühstück? Die Zigarette, korrekt. Und siehe da – mir fiel die Kinnlade runter – der gute Mann zog seinen Espresso in einem Schlürfer aus dem Häferl, nahm seine Tschick und ging vorbildlichst vor die Tür. Ja, richtig gelesen: Der Italiener ging hinaus, um zu rauchen!

Ich sage es nochmal: Er ging nach draußen, um zu rauchen!

Dort rauchte er dann und nicht nur ich schaute ihm verdutzt dabei zu. Er rauchte ohne zu murren, ohne unglücklich zu wirken und er störte niemanden dabei. Kein Nichtraucher fühlte sich belästigt, niemand musste sich auf die ewig-dämlichen Moraldiskussionen einlassen. Es war einfach gar kein Thema für ihn, hinauszugehen.

Und sowas, werte Leserschaft, wünsche ich mir für alle Lokale in Österreich! (Und wenn sich jetzt irgendwelche Raucher beschweren: Sofern ihr wiederum nicht zulasst, dass in eurer Mitte Zigarren geraucht werden, weil euch der Geruch stört, gibt’s kein Diskutieren!)