COVID-19, Tag 488: Individuelles, medizinisches Problem

Dienstag, 13. Juli 2021, Tag 488 der Corona-Pandemie… Moment, einer „Pandemie“? Was für einer Pandemie? Es gibt keine Pandemie mehr! Die ganze Sache ist nur noch ein individuelles, medizinisches Problem, sie „redimensioniert“ sich für alle, die eine Impfung ablehnen. Pech für die, die sich nicht impfen lassen können (zB Kinder), denn ab jetzt sind sie auf sich gestellt.

[Die Pandemie] wandelt sich von einer akuten gesamtgesellschaftlichen Herausforderung zu einem individuellen medizinischen Problem. […] Der Staat hat die letzten eineinhalb Jahre massiv in das Leben jedes Einzelnen eingegriffen, der muss sich jetzt wieder auf seine Kernaufgaben zurückziehen. […] Wir sind eine liberale Demokratie. Es gibt das Recht, rechtskonform unvernünftig zu handeln.

Sebastian Kurz in der Kleinen Zeitung

Die kurzsche Aussage zeugt von einem Verständnis der Pandemie, das auch in Übersee trendet. COVID verlässt die Domäne der Öffentlichen Gesundheit („Public Health“) und wird zu einem Problem des individuellen, medizinischen Bereichs umgedeutet. Die Kernaussage, auch bei Kurz, lautet: Wenn du nicht geimpft bist, dann ist es deine Schuld!

Es geht abermals bergauf, was nicht ganz so toll ist, wie die Phrase vermuten lässt.

Auch wenn das Statement naheliegend und, ja, ich muss es zugeben, in gewisser Weise verständlich ist – man kann Österreich wirklich nicht vorwerfen, nicht alles unternommen zu haben, um Menschen zur Impfung zu motivieren -, so ist es in seiner Grundannahme im Kern falsch, denn die öffentliche Gesundheit ist nicht Medizin und ein individuelles, medizinisches Problem ist nicht öffentliche Gesundheit. Das sind unterschiedliche Disziplinen mit unterschiedlichen Zusammenhängen, Kausalitäten und komplett verschiedenen Lösungswegen.

Ärzte können individuelle Krankheiten behandeln, ja (hier sprechen wir von Medizin), aber sie können keinen Einfluss auf das Bewegungsprofil eines Erkrankten nehmen, der mit zB einer Geschäftsreise ganze Städte mit einer ansteckenden Krankheit infizieren kann (das ist der Untersuchungsgegenstand und Wirkbereich der Öffentlichen Gesundheit).

Nun behauptet der Kanzler aber, dass COVID für alle, die sich nicht impfen lassen wollen, zu einem individuellen, medizinischen Problem werden wird. Ist dem so? Bzw., präziser gefragt, kann dem überhaupt so sein? Kann ein kollektives Problem individualisiert werden? Die Argumentationslinie, die meist die Anzahl der Hospitalisierungen als nunmehr einzig relevante Kennzahl zulässt (so auch Kurz, in dem er behauptet, dass die 3G-Strategie und der Durchimpfungsgrad der Bevölkerung der maßgebliche Unterschied zum letzten Sommer wären, womit sich die Gefahrenlage verändert habe und ein Vergleich mit der Vergangenheit nicht mehr angebracht sei), ist sehr dünn, denn sie lässt die Gefährdung auch derer, die bereits geimpft sind, außer Acht. Die ganze Sache ist aber ein Spiel gegen die Zeit, wie klügere Menschen schon gesagt haben.

When leaders signal to vaccinated people that they can tap out of the collective problem, that problem is shunted onto a smaller and already overlooked swath of society. And they do so myopically. The longer rich societies ignore the vulnerable among them, and the longer rich nations neglect countries that have barely begun to vaccinate their citizens, the more chances SARS-CoV-2 has to evolve into variants that spread even faster than Delta, or—the worst-case scenario—that finally smash through the vaccines’ protection. The virus thrives on time.

The fundamental question of the pandemic is shifting

Was also tun? Nichts, meint man. Es ist ein individuelles, medizinisches Problem. Wer nicht geimpft ist, soll sich selbst um seinen Kram kümmern. Wie lange noch, bis (Gurgel-) Tests, Impfungen und diesbezügliche Untersuchungen kostenpflichtig werden? Wie weit noch, bis die Probleminidividualisierung einer Pandemie mit der eigenen Versicherung ausdiskutiert werden muss?