Sonntagsarabesken #44

Später Abgesang auf ein Gefühl? Kurz vor der Abreise denkt er daran, das Photo aus dem Rahmen zu nehmen. Er faltet es sorgsam in der Mitte, drückt die Kante mit dem Daumen nieder, immer fester und heftiger, bis er den Zorn in sich aufsteigen fühlt und das ekelhafte Stück Papier zerfetzt. Es liegt keine Anstrengung in dieser kurzen Bewegung. Das Gesicht ist in zwei Hälften zerrissen. Die blassen Wangen und die Hälfte der Nase; die glänzende Stirn und ein schmales Paar grüner Augen. In dieser bizarren Trennung des Zusammengehörigen liegt eine ironische Verklärung des Schönen, findet er, eine sinnlose Ästhetik, die aus der Zerstörung geboren wurde. Sie sieht mit einem Mal wieder interessant aus, so verstümmelt und halbiert; das Gewohnte ist weggespült. Er ist verwundert: Ihre Augen sind schön, geheimnisvoll, reizend, wenn man sie ohne ihren Mund betrachten kann. Andererseits: Da gibt es wasserblaue Geschwister dieses Pärchens, die ihm besser gefallen. Im Augenblick. Schwärmereien mit Ablaufdatum; als dauerhaft entpuppt sich nach wie vor nur die Täuschung, die hinter seiner in Routine eingependelten Beziehung den Winter über eine konstante Flamme der Aufgeregtheit genährt hat. Warum ist das so? Warum gerade sie, die einzige, deren Bestimmung sich offenbar nicht mit seiner eigenen verknüpfen lassen kann, soll und will? Der Geschmack von Erdbeereis fällt ihm ein, während er die Fetzen seiner Gegenwart unschlüssig zwischen den Fingern zerknittert. Zwei kompakte Kugeln lassen sich aus den papierenen Fragmenten alter Glückseligkeit formen. Immerhin. Erdbeereis, der heißeste Sommer der letzten Jahre, die ausgestorbene Stadt, in der nur sie beide zu wandern scheinen. Ein seltsames, um die eigene Achse kreisendes Pärchen, das eigentlich keines ist. Innenhöfe und efeubewachsene Hauswände; das Grün hat viele Fensteröffnungen gierig gefressen. Ein Kleinbus wird beladen. Ein Hund tollt zwischen den Gepäckstücken herum. Damals war bereits alles anders geworden; nur er hatte nichts davon bemerkt. In seiner Liebesblindheit hat er das Offensichtliche übersehen, nachdem er zuvor das so Naheliegende unterlassen hatte. In doppelter Hinsicht tragisch. Dummheit gehört bestraft, denkt er jetzt, und schießt eine der Papierkugeln in Richtung des Papierkorbes. Vielleicht sollte er etwas ändern in seinem lächerlich unbewegten Leben? Zufriedenheit scheint sich nämlich nach wie vor nicht einzustellen. Und dazu die Melodie von der früh gestorbenen Blume. Ein zweiter Wurf. Treffer. Es geht ja doch.

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