Sonntagsarabesken #46

Warum sehen wir in der Zukunft keine Sterne? Relativ einfach zu beantworten: Weil die Zukunft keine Nacht, sondern eine Nebelsuppe ist, ein rauchumhülltes Etwas, das uns heute neckisch einen nackten Oberschenkel sehen läßt unter seinem silbergrauen Mantel und morgen schon wieder verschwunden ist. Zukunft. Hoffnung. Erwartung. Unverständliche Aneinanderreihungen von Silben, die alle irgendwie gleich klingen. Auch das Wort „Liebe“ gehört dazu, selbstverständlich. Oder, mit mehr Gewicht gesprochen und deshalb in Großbuchstaben geschrieben „LIEBE“. So mysteriös und ungreifbar und hakenschlagend wie Zukunft, Hoffnung und Erwartung zusammen. Ich habe heute früh morgens Carlos Gardel gehört und die Gegenwart einer schönen Frau genossen, mich frei gefühlt bei 140 auf der Autobahn, meinen Kopf ausgemistet, frischen Wind durch die Nasenflügel geatmet. Und morgen – Zukunft. Hoffnung und Erwartung. Und Liebe. Vielleicht. In Wahrheit kann ich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Wozu auch? Ich habe mich selbst um den Verstand gebracht, und jetzt schreibe ich in verzweifelter Trauerarbeit um diese Katastrophe herum. Man legt sich seine Fallen aus; dann tappt man hinein. Natürlich geschieht das dann nicht mehr mit der Unschuld des gejagten Rehs oder des schwerfälligen Bären. Nein, sehenden Auges gehen wir in die Falle. Ich tue das Tag für Tag. Verausgabe mich im Dienst einer Zukunft, einer Hoffnung, einer Erwartung, deren Masken mir nur allzu gut bekannt sind. Aber ich muß weiter, voran, voran, in das Feindesland eines widerspenstigen Geistes meine erobernden Fußstapfen drückend, mein Banner aufpflanzend auf den höchsten Gipfeln der bezwungenen Berge, bis mich der Rücken, auf dem ich knie, abschüttelt und die Ernüchterung in Form geistiger Entleertheit auf mich einstürzt. So auch jetzt. Die Erschöpfung ist groß nach dem heutigen Morgen und Abend. Ich bin durch die Tretmühle der Leidenschaften gestoßen worden, und jetzt sind nur noch Leere und Müdigkeit, wo nach dem Aufstehen die Vorfreude auf einen wunderschönen Tag regierte. Keine Sterne in der Zukunft – ich berichtige es: Sterne ja, aber von einer Sekunde auf die nächste, sobald alles um mich herum explodiert ist in einer Welle von Körper und Gewalt. Das sind die Sterne einer klammernden Gegenwart. Und nicht die leuchtenden Vorboten einer besseren Zukunft. Bei jedem Feuerwerk ist die Chance zum Ausbruch von neuem vertan. Die Türe zugeschlagen. Die Kette wieder gestrafft. Aber morgen… Ja, morgen…

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