Sonntagsarabesken #126

Ein Augenaufschlag genügt. Er glaubt den Blick zu erkennen, der sich in schräger Bahn, von der Höhe des obersten Treppenabsatzes herab, wie ein dunkler Pfeil den Weg in seine Magengrube bahnt. Ein Lächeln, schwacher Reflex auf porösem Stein. Die Stadt belebt sich mit Gespenstern, fahlen Schattengestalten, die in seltsam schwebender Prozession die scheinbar Wiedergefundene flankieren; dahinter schält sich das Bild eines anderen Gesichts aus dem Asphalt der regennassen Straße. Überall Spiegelflächen, die den Schein künstlichen Lichts zurückwerfen. Er ist müde, an das Absterben der Tage zu denken, an das Vergehen der Zeit, an das Verrotten der Erinnerungen, die, zu schweren Klumpen, widerhakenbesetzten Kernen reduziert, seine Kehle verstopfen. Efeu rankt sich zwischen ihren Augenbrauen, bedeckt ihre Stirn, ihre Schläfen, bricht aus ihrem Hals, rankt sich ihre Beine entlang. Wie eine zweite Daphne, bloß von einem geizigen Gott um den edlen Lorbeer betrogen, steht sie da, unbewegt, hoch über ihm, und verwandelt sich im Bruchteil einer Sekunde in eine dicht bewachsene Stele. Doch die Augen! Dieser verfluchte Blick folgt ihm, und obwohl er davonlaufen will, rennen, so schnell er kann – er kommt keinen Schritt vom Fleck. Die marmorne Maske füllt sich mit Blut. Das Lächeln der syrischen Göttin. Der Wohlklang argentinischer Musik. All das hat er bereits einmal gesehen, einmal beschrieben. Bleigraue Wolken jagen über den Himmel, Regen und Sand und Tränen brennen auf seiner Haut, doch er spürt nichts, gefangen, gebannt, wartend, Blick an Blick, seine eigene Ohnmacht bestaunend. Er hört das Säuseln unverständlicher Worte, ein gleichmäßiges, trauriges Jammern, das aus keiner bestimmten Richtung an seine Ohren dringt. Er fühlt den schwarzen Mantel, dessen Stoff kaum gegen den dicht fallenden Schnee schützt, sieht die Wölkchen seines Atems von seinen Lippen aufsteigen, sich verlieren, wieder neu hervorquellen, rundum die eisbedeckten Reihen granitener Grabsteine. Auch hier der Efeu unter weißer Decke, festgefroren an den Händen eines segnenden Christus, an den Flügelspitzen des trauernden Engels, vor dem Mund einer hingestreckten Schönen. Die Worte werden leiser, verstummen schließlich ganz. Zu groß ist die Entfernung zu diesem verblichenen Tag, zu groß ist die Distanz zwischen den beiden Städten. Ein anderer Friedhof, sanfter Hang, zur Mauer hin ansteigend, bedeckt von Piniennadeln und bunter Blumenpracht. Es ist später Frühling, der Ort eingehüllt von reiner Magie. Zwischen den Oleanderbüschen blitzt weißer Marmor. Vögel rascheln durch die Zweige. Er ist glücklich, ohne auch nur einen Gedanken an Wiener Innenhöfe oder den schwarzgrünen Efeu auf pockennarbigen Fassaden zu verschwenden. Doch auch dieses Glück: Nichts weiter als Täuschung. Trügerische Erinnerung. Lügnerisches Geschöpf. Von einem Moment auf den anderen bricht der Sturm, das Toben der Gefühlselemente, in sich zusammen. Die See liegt spiegelglatt. Ihre Augen haben sich abgewandt. Die Spiegel sind stumpf geworden. Ein langsamer Schritt. Noch einer. Und noch einer. Schneller, immer schneller. Dann hastiges Laufen. Er nimmt zwei Stufen auf einmal. Rennt in Panik. Seinen Erinnerungen davon. Oder hinter ihnen her.

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