Ende akzeptaber Nacktheit

Nacktheit verschwindet selbst aus Räumen, die ursprünglich dafür konzipiert waren. Das mag auf den ersten Blick das Etablieren eines Schutzraumes sein, auf den zweiten entpuppen sich die radikalen Maßnahmen aber als kompromisslose Durchsetzung von Macht.

Jacob Beckert fragt sich, wohin die bis noch vor kurzem akzeptable Nacktheit in Umkleidekabinen und an anderen Orten (in den USA), an denen nackte Menschen eine Selbstverständlichkeit waren, verschwunden ist. Selbst in Garderoben gibt es nun eigene Umkleidekabinen, in denen man sich alleine, isoliert von anderen Menschen, umziehen kann.

Undressing […] was now permitted only in small private stalls […] The space had been redesigned as “universal,” for people of all genders. The locker room, once a place for casual and normative nudity, had quietly become a place where modesty was expected. […] One of the prevailing trends in locker-room design is privacy, a way to make “a diverse user base” feel comfortable. […] The term nonsexual nudity feels inadequate, because for some, changing in a locker room could carry a charge of eroticism. Communal nudity is no better, evoking images of orgies or nudist colonies rather than once-routine forms of unclothed life. The fact that the practice never really had a name suggests how unremarkable it once was.

Jacob Beckert, The Atlantic

Die Umkleidekabine innerhalb einer Garderobe ist aber kein rein US-amerikanisches Phänomen. Das gibt es längst auch bei uns in Österreich. Ebenso hat sich hierzulande die Wahrnehmung von Aussagen verändert, weil die damit assoziierten Bilder andere geworden sind. Der eine Raum, der mir spontan einfällt und in unseren Breiten Nacktheit noch erlaubt, ist die Sauna. Doch auch da sitzen die Menschen nicht mehr nackt auf ihren Handtüchern, sondern in Handtücher gewickelt; wundert mich aber auch nicht, wenn es mittlerweile für manche kein Problem zu sein scheint, mit dem Handy in die Sauna zu gehen.

Das eine Problem sind also diejenigen, die sich nicht um Konventionen scheren und handeln, wie sie wollen. Das andere ist eine Annahme von Respekt und Akzeptanz, die ihr Ziel ins Gegenteil verkehrt. Es bestätigt sich, was ich häufig als Kritik an diversen Diskussionen zum Thema Gender vernehme: Es geht gar nicht so sehr um gegenseitige Anerkennung und um den gegenseitigen Respekt. Das Akzeptanz-/Respekt-Argument wird viel mehr dazu benutzt, Einfluss auf den Körper auszuüben und damit Macht über die Körper Anderer zu haben. Aus einer eigenen Entscheidung innerhalb eines Raumes, der die Möglichkeit dazu bietet, wird eine für mich getroffene Entscheidung durch Andere, indem sie die Nacktheit in immer größeren Bereichen verbieten und sie auf minimale Raumeinheiten zurückdrängen; wie eben in Umkleidekabinen in Garderoben. Das soll dem Etablieren eines Wohlfühlzustands für eine „diverse User-Base“ dienen, schreibt Jacob Beckert.

Sicherlich, es gilt der Einwand, dass der natürlich wirkende Charakter und die ihm folgende Nutzung eines Raumes („Nacktheit in der Garderobe“) selbst wiederum nur die Durchsetzung einer Norm war. Ausgehend von einer Vorstellung über einen normierten Körper mit normierten Vorlieben, somit auch normierten Vorstellungen von Sexualität, wirkt ein aus der „Norm“ fallender Körper mit von der „Norm“ abweichenden Einstellungen nicht „normal“, sondern „unnatürlich“ und „abnormal“. Doch noch bevor eine Diskussion auch nur zustande kommen kann, bevor der Prozess, der die eine und die andere Gruppe zueinander führen könnte überhaupt beginnen kann, wird er im Keim erstickt und durch eine Mauer ersetzt, die unüberwindliche Tatsachen schafft. Die Mauer, so wird argumentiert, soll einen Akt der Ermächtigung darstellen: Sie soll die normative Gewalt des Raumes brechen und einen Schutzraum, einen safe space schaffen, in dem marginalisierte Identitäten nicht länger gezwungen sind, im Sinne einer Norm zu performen oder sich zu verstecken. Sie sollen sich wohlfühlen.

Aber sollen sie wirklich?

Mir scheint eine Begründung, die einen Wohlfühlzustand zum primären Ziel erhebt, nicht realistisch. Sie greift zu kurz. Vielmehr sehe ich hinter dem Einziehen von Mauern oder dem Separieren von Bereichen eine Art von Kontrolle, die notgedrungen angewendet werden muss, da es sich um intime Schutzbereiche handelt, die weder mit Videoüberwachung noch mit Ordnungspersonal geschützt werden können: Wo die Kamera nicht hinsehen darf, übernimmt die Architektur ihre Kontrollfunktion. Die Mauer wird zum unabdingbaren und nicht verhandelbaren stummen Wächter. Sie löst nicht nur potenzielle soziale Reibungspunkte, sie eliminiert sie. Niemand ist niemandes Blicken ausgesetzt. Die physische Trennung enthebt so beide Seiten der Möglichkeit eines Konflikts.

Dass dabei aber ein Wert verloren geht, der uns Menschen ausmacht, schert offenbar niemanden in der Diskussion um safe spaces und ähnliche Zonen, die dem guten Zusammenleben dienen sollen. Der Eingriff – eine Mauer – ist sinnbildlich eine auf den Menschen übertragene Krallenamputation: Sie dient nicht dem Schutz voreinander, sondern der endgültigen Verunmöglichung der Möglichkeit des Konflikts. Sie ist eine Pax Romana in der Umkleidekabine. Das Problem wird als gelöst bezeichnet, indem ein Zustand geschaffen wird, der das Problem verunmöglicht. Eine ihrer Krallen beraubte Katze kann nicht mehr kratzen; das Problem ist gelöst. – Das mag zwar humanistisch und fortschrittlich klingen, dient aber letztlich einer administrativen Logik, die den sozialen Raum durch eine übergeordnete Instanz verwaltet, anstatt ihn von den Menschen gestalten zu lassen.

Und so frage ich mich, wie viel man sich wohlfühlen kann, wenn das Wohlfühlen nur noch durch ein Korsett aus Verboten erreicht wird. Ich frage mich, ob dieser falsch verstandene Respekt nicht nur eine bequeme Ausrede ist, um sich die Mühe der Aufklärung zu sparen. Ich frage mich, woran es liegt, dass das Erbauen einer Wand leichter erscheint als das Führen eines Gesprächs.

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